Nachrichten 15.12.2022

AHA-Statement: Alternative Therapien bei Herzinsuffizienz können auch schaden

Manche Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz vertrauen auf komplementäre und alternative Medizin. In einer Stellungnahme umreißt die American Heart Association die bisherige Forschung dazu und weist auf Vorteile, aber auch gefährliche Wechselwirkungen hin.

Wenn Personen mit Herzinsuffizienz ihre Symptome mit Komplementär- und Alternativmedizin (KAM) behandeln, kann dies Vorteile, aber auch potenziell starke Risiken haben. Werden Nahrungsergänzungsmittel oder Therapien eingesetzt, die nicht den Standards konventioneller, evidenzbasierter Leitlinien entsprechen, sollten Ärzte und Ärztinnen darüber Bescheid wissen, lautet eine zentrale Aussage der neuen Stellungnahme der American Heart Association (AHA).

Menschen nehmen Nahrungsergänzungsmittel oft ohne Rücksprache

Ein Expertenteam um Prof. Sheryl Chow von der Western University of Health Sciences in Pomona bewertet darin die Wirksamkeit und Sicherheit von KAM-Therapien zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Es wird vermutet, dass ein beträchtlicher Anteil der Erkrankten ohnehin solche Behandlungen verwendet, die ohne Rezept und medizinische Beratung in Apotheken, Reformhäusern und bei Online-Händlern erhältlich sind. Die Produkte seien verfügbar, ohne Wirksamkeit oder Sicherheit nachweisen zu müssen, um die gleichen Standards wie verschreibungspflichtige Medikamente zu erfüllen, gibt Chow in einer Pressemitteilung zu bedenken.

„Menschen informieren ihre Ärzte und Ärztinnen selten über den Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln oder anderen alternativen Therapien, es sei denn, sie werden ausdrücklich danach gefragt. Sie sind sich möglicherweise nicht über Wechselwirkungen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten oder andere Folgen für ihre Gesundheit bewusst“, fügt sie hinzu. Die Kombination aus unregulierten, leicht zugänglichen Therapien und der fehlenden Offenlegung durch die Erkrankten schaffe ein erhebliches Schadenspotenzial.In dem Statement wird Behandelnden geraten, ihre Patientinnen und Patienten bei jedem Termin nach dem Einsatz von KAM zu fragen und über mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten, Vorteile und Nebenwirkungen zu sprechen. Chow et al. empfehlen zudem, Mitarbeitende von Apotheken einzubeziehen, damit Personen mit Herzinsuffizienz auch dort beraten werden.

Potenziell nützliche alternative Therapien

Die folgenden alternativen Therapien könnten der Stellungnahme zufolge Vorteile für Patienten und Patientinnen mit Herzinsuffizienz haben:

  • Für mehrfach ungesättigte Omega3-Fettsäuren gebe es die stärkste Evidenz unter den KAM- Therapien für einen Nutzen bei Herzinsuffizienz, sodass sie nach ärztlicher Rücksprache in Maßen gefahrlos verwendet werden könnten, heißt es in dem Statement. Sie korrelieren mit einem verringerten Risiko, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln, und sind bei bereits Erkrankten mit einer verbesserten Pumpfähigkeit des Herzens assoziiert. Es scheint eine dosisabhängige Zunahme von Vorhofflimmern zu geben, sodass Dosen von 4 g oder mehr vermieden werden sollten.
  • Yoga und Tai Chi könnten zusätzlich zur Standardbehandlung dazu beitragen, die Belastungstoleranz und Lebensqualität zu verbessern und den Blutdruck zu senken.

Potenziell schädliche alternative Therapien

Bei anderen Therapien wurden dagegen negative Effekte entdeckt, wie Wechselwirkungen mit Herzinsuffizienz-Medikamenten und Veränderungen von Herzkontraktion, Blutdruck und Elektrolyten.  

  •  Zwar gingen niedrige Vitamin-D-Spiegel mit einer schlechteren Prognose bei Herzinsuffizienz einher, eine Supplementierung zeigte allerdings keinen Nutzen und könnte sogar schaden, wenn sie mit Herzinsuffizienzmedikamenten wie Digoxin, Kalziumkanalblockern und Diuretika eingenommen wird.
  • Eine Supplementierung mit Inhaltsstoffen der Traubensilberkerze könnte Tachykardien, Hypertonie und Brustschmerzen verursachen und den Blutzucker erhöhen. Zudem könnte es der Stellungnahme zufolge die Wirkung von Medikamenten gegen Bluthochdruck und Typ2-Diabetes verringern.
  •  Maiglöckchen als Nahrungsergänzungsmittel wurde lange bei milder Herzinsuffizienz verwendet, da es Inhaltsstoffe enthält, die Digoxin ähneln, aber schwächer wirken. Zusammen mit Digoxin könnte es allerdings schädlich sein, indem es Hypokaliämie verursache, so die StatementAutoren, zudem könnte es zu Arrhythmien führen.

Alternative Behandlungsansätze mit kontroverser Datenlage

Weitere Therapien erwiesen sich entweder als unwirksam oder es gab kontroverse Ergebnisse dazu.

  • Routinemäßige Thiamin-Supplementierung war nicht wirksam für die Behandlung von Herzinsuffizienz, außer bei Personen, die einen entsprechenden Mangel aufwiesen.
  • Bezüglich Alkohol gibt es widersprüchliche Daten. Einige legen nahe, dass ein bis zwei Getränke täglich mit einem niedrigeren Herzinsuffizienzrisiko einhergehen könnten. Größere Mengen schaden dem Herzmuskel und tragen zu Herzinsuffizienz bei.
  • Auch zu Vitamin E ist die Studienlage gemischt: Es könnte zum Senken des Risikos für Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion beitragen, in anderen Untersuchungen ging es mit mehr Klinikaufenthalten bei Personen mit Herzinsuffizienz einher.
  • Kleine Studien mit Coenzym Q10 weisen darauf hin, dass es helfen könnte, Herzinsuffizienzklasse, Symptome und Lebensqualität zu verbessern, aber es kann mit blutdrucksenkenden und gerinnungshemmenden Medikamenten interagieren.
  • Weißdorn schien in einigen Studien die Belastungstoleranz zu erhöhen und Herzinsuffizienzsymptome wie Müdigkeit zu verringern. Es hat jedoch auch das Potenzial, Herzinsuffizienz zu verschlimmern, und es gibt widersprüchliche Daten dazu, ob es mit Digoxin interagiert.

Die Forschenden um Chow plädieren für mehr randomisierte Studien, um die Risiken und Vorteile von KAM-Therapien für Menschen mit Herzinsuffizienz besser zu verstehen. Das Statement liefere wichtige Informationen für Angehörige der Gesundheitsberufe, die Personen mit Herzinsuffizienz behandeln, und könne Erkrankte, die KAM-Produkte nutzen, über ihre Vor- und Nachteile aufklären.

Literatur

Chow et al. Complementary and Alternative Medicines in the Management of Heart Failure: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2022. https://doi.org/10.1161/CIR.0000000000001110

AHA-Pressemitteilung: Some benefits, potential risks with alternative medicines for heart failure; veröffentlicht am 08.12.2022.

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