Skip to main content
main-content

21.07.2016 | Herzinsuffizienz | Nachrichten

Potenzielle Assoziation entdeckt

Erhöhtes Krebsrisiko für Herzinsuffizienz-Patienten?

Autor:
Veronika Schlimpert

Nach Diagnose einer Herzinsuffizienz scheint das Krebsrisiko für die Patienten zu steigen. Über die Ursache hinter diesem beobachteten Zusammenhang lässt sich allerdings nur spekulieren.

Herzinsuffizienzpatienten scheinen einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt zu sein. Für eine solche Assoziation spricht zumindest eine aktuelle Untersuchung, in der über 1.000 Herzinfarktpatienten aus Olmsted County über einen mittleren Zeitraum von 4,9 Jahren nachverfolgt wurden.

Risiko unabhängig vom Alter erhöht

Insgesamt 228 Infarktpatienten entwickelten innerhalb des Beobachtungszeitraums eine Herzinsuffizienz. Für diese Patienten war das Risiko, an Krebs zu erkranken, mehr als doppelt so hoch als für jene, die nicht an einer Herzinsuffizienz erkrankt waren (Hazard Ratio, HR: 2,16). Die Adjustierung auf Alter, Geschlecht und Komorbiditäten verringerte das Ausmaß des Zusammenhangs zwar geringfügig, doch blieb dieser weiterhin bestehen (HR: 1,71). 

Dass der beobachtete Zusammenhang durch die anfänglich gehäuften Arztkontakte, die Herzinsuffizienzpatienten aufgrund ihrer Erkrankung in der Regel haben, und daraus resultierenden diagnostischen Bemühungen bedingt sein könnte, schließen die Studienautoren um Tal Hasin vom Shaare Zedek Medical Center in Jerusalem eher aus. Denn in den ersten 1,5 Jahren nach Auftreten eines Herzinfarkts seien Tumore in beiden Gruppen in etwa gleich häufig aufgetreten; erst danach drifteten die Inzidenzraten auseinander. 

Einfluss der Pharmakotherapie unwahrscheinlich 

Ebenfalls für unwahrscheinlich halten die Wissenschaftler einen Einfluss der Medikation auf das erhöhte Krebsrisiko. Denn alle Teilnehmer dieser Studie hätten einen Herzinfarkt überlebt und würden daher bzgl. Risikofaktoren, Medikation und Diagnose ähnliche Voraussetzungen haben, erläutern sie. 

Liegt ein kausaler Zusammenhang vor?

Als zugrundeliegenden Mechanismus vermuten die Studienautoren die nach einem Infarkt in Gang gesetzten Heilungsprozesse, die bei der Tumorentwicklung eine Rolle spielen könnten, etwa eine veränderte Aktivität des Immunsystems. Für diese Hypothese spricht der Befund, dass in der Studie Patienten mit reduzierter Auswurffraktion – also bei denen Umbauprozesse am Herzen fortgeschritten sind – ein höheres Krebsrisiko aufwiesen als jene mit erhaltener Auswurffraktion. 

Latenzzeit viel zu kurz

Dass die Herzinsuffizienz tatsächlich ursächlich an der Tumorentwicklung beteiligt ist, halten Jyoti Malhotra vom Rutgers Cancer Institute in New Jersey und Paolo Boffetta von der Icahn School of Medicine in New York allerdings für unwahrscheinlich. Zwischen Risikoexposition und Tumorbildung würden mehrere Jahre vergehen, schreiben die beiden Wissenschaftler in einem begleitenden Editorial. „Das durchschnittliche Follow-up in dieser Studie betrug allerdings weniger als fünf Jahre und die mittlere Zeitspanne zwischen dem Auftreten des Herzinfarkts und der Krebsdiagnose war 2,8 Jahre.“ 

Gemeinsame Risikofaktoren 

Für wahrscheinlicher halten sie, dass der Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen auf gemeinsame Risikofaktoren zurückzuführen ist. Zwar sei in dieser Analyse auf Alter, Komorbiditäten und Geschlecht adjustiert worden, andere gemeinsame Risikofaktoren für Herzinsuffizienz und gewissen Krebserkrankungen, wie vermehrter Alkoholkonsum, seien jedoch nicht berücksichtigt worden, führen die Editorial-Autoren ihre Bedenken aus; zumal bei Patienten mit Herzinsuffizienz Tumore im Respirationstrakt und Gastrointestinaltrakt am häufigsten vorgekommen waren und deren Entstehung – so wie auch die einer Herzinsuffizienz – durch Rauchen und Alkohol begünstigt würde. 

Ganz ausschließen können Malhotra und Boffetta aber nicht, dass die Herzinsuffizienz in einem späten Stadium der Karzinogenese eine kausale Rolle spielen könnte. Doch spezielle Empfehlungen zur Krebsprävention bei Herzinsuffizienzpatienten wie ein vermehrtes Screening halten sie derzeit nicht für sinnvoll. Dafür werde definitiv mehr Evidenz benötigt.

Literatur

Das könnte Sie auch interessieren

Zurzeit meistgelesene Artikel

 

Highlights

Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung 2019

Expertenvorträge für Sie zusammengestellt: Auf der diesjährigen Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung haben renommierte Experten die neuesten Leitlinien, Studien und medizintechnischen Entwicklungen vorgestellt und die Kernaussagen kompakt für den Alltag in Klinik und Praxis zusammengefasst.

Expertenrückblick auf den ACC-Kongress – das Wichtigste im Überblick

Kann man ASS als Plättchenhemmer in Zukunft komplett weglassen? Muss jedem Patienten ab sofort eine TAVI angeboten werden? Und wo stehen wir in der kardialen Prävention? Eine Expertenrunde hat in Leipzig die neuesten Studien und viel diskutierte Themen des diesjährigen ACC-Kongresses kommentiert. Schauen Sie rein und bleiben Sie auf dem neuesten Stand.

Aus der Kardiothek

02.07.2019 | Quiz | Onlineartikel

Was ist die Ursache für die Lumenreduktion?

Koronarangiografie bei einem 63-jährigen Patienten. Augenscheinlich ist eine systolische Lumenreduktion des linken Hauptstamms. Was ist die Ursache?

16.04.2019 | Quiz | Onlineartikel

Patientin mit Fieber und Tachykardie – die Ursache verrät das Röntgenbild

Röntgenaufnahme des Thorax im Stehen bei einem 43 jährigen Patienten mit Fieber und Tachykardie. Was ist zu sehen?

Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung 2019

Expertenvorträge für Sie zusammengestellt: Auf der diesjährigen Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung haben renommierte Experten die neuesten Leitlinien, Studien und medizintechnischen Entwicklungen vorgestellt und die Kernaussagen kompakt für den Alltag in Klinik und Praxis zusammengefasst.

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise