Nachrichten 02.07.2021

Herzinsuffizienz-Patienten scheinen erhöhtem Krebsrisiko ausgesetzt

Haben Herzinsuffizienzpatienten ein erhöhtes Risiko, an einem Tumor zu erkranken? Eine große Studie aus Deutschland lässt das vermuten. Ein deutscher Kardiologe hält einen kausalen Zusammenhang für möglich.

Herzinsuffizienzpatienten erkranken deutlich häufiger an einem Tumor als andere Patienten. Eine entsprechende Assoziation konnte nun in einer großen Analyse aus Deutschland mit über 200.000 Patientendaten bestätigt werden. Die Daten wurden aktuell beim diesjährigen Heart Failure-Kongress vorgestellt und zeitgleich in der ESC-Fachzeitschrift „Heart Failure“ publiziert.

Kein Beweis für Kausalität

Erhöht das Vorhandensein einer Herzinsuffizienz also das Krebsrisiko? So einfach lässt sich das nicht beantworten. Denn wie immer bei retrospektiven Untersuchungen handelt es sich um eine bloße Assoziation. „Die Ergebnisse sind kein Beweis dafür, dass eine Herzinsuffizienz Krebs verursacht“, äußerte sich Studienautor Dr. Mark Luedde dazu in einer ESC-Pressemitteilung.

Trotz allem hält der Kardiologe von der Christian-Albrecht-Universität in Kiel einen kausalen Zusammenhang nicht für abwegig. Dieser sei biologisch plausibel, da experimentelle Daten gezeigt hätten, dass bei nachlassender Herzleistung Faktoren sekretiert werden, die das Tumorwachstum stimulieren, erläutert er seine Vermutung.

Über 200.000 Patientendaten

Für die aktuelle Studie wurden zwischen 2000 und 2018 erhobene Patientendaten aus 1.274 Hausarztpraxen in Deutschland retrospektiv ausgewertet. Im nächsten Schritt wurden zwei Gruppen gebildet – Patienten mit und ohne Herzinsuffizienz-Diagnose – und aus ihnen nach Geschlecht, Alter, Diabetes-Diagnose und Übergewicht individuell gematchte Paare gebildet; jeweils 100.124 Patienten wurden einbezogen.

Während des zehnjährigen Beobachtungszeitraums erkrankten 25,7% der Herzinsuffizienzpatienten an einem Tumor, von den Patienten ohne Herzinsuffizienz-Diagnose waren nur 16,2% betroffen. Eine Herzinsuffizienz-Diagnose ging mit einem signifikant erhöhten Krebsrisiko einher (Hazard Ratio, HR: 1,76; p ˂0,001). Am deutlichsten war diese Assoziation für Tumore an der Lippe, Mundhöhle und Pharynx, gefolgt von respiratorischen Krebserkrankungen und Genitaltumoren bei Frauen.

Ähnliche Beobachtungen wurden bereits in früheren Studien gemacht. Das Besondere an der aktuellen Studie ist, wie die Autoren in der Publikation ausführen, die Größe der Kohorte mit über 200.000 Patienten.

Doch wie lässt sich der Zusammenhang erklären?

Über die Gründe des zu beobachtenden Zusammenhanges können die deutschen Kardiologen allerdings nur spekulieren. Eine potenzielle Erklärung ist, dass beide Erkrankungen gemeinsame Risikofaktoren teilen, und somit die von vornherein ungünstigen Voraussetzungen der Patienten ihr erhöhtes Risiko bedingen. Nach Ansicht der Studienautoren kann das allein den deutlich signifikanten Zusammenhang aber nicht erklären, da sie auf entsprechende Risikofaktoren adjustiert hätten. Ein Manko der Studie ist jedoch, dass gewisse Lebensstil-bezogene Risikofaktoren nicht erhoben wurden, wie Alkohol- und Tabakkonsum, körperliche Aktivität, sozioökonomischer Status usw.. Deshalb konnte auf diese potenziellen Störfaktoren nicht gematcht werden, führen die Autoren als Limitation an.

Die zu beobachtende Assoziation könnte darüber hinaus durch überlappende pathomechanistische Signalwege zustande kommen, die bei der Entstehung beider Erkrankungen eine Rolle spielen. Dazu gehören laut Luedde et al. beispielsweise die chronische Inflammation und freie Radikalenbildung.

Herzinsuffizienz schafft womöglich onkogenes Umfeld

Die Kardiologen haben aber noch eine andere, ihrer Ansicht nach „interessante“ Hypothese für ihre Beobachtungen: Durch die Herzinsuffizienz könnte eine Art onkogenes Umfeld erzeugt werden, wodurch Tumorgenese und Tumorwachstum gefördert werden. So zeigten tierexperimentelle Studien, dass bestimmte Proteine, die die Sekretion von gewissen, für die Tumorentstehung relevanten Wachstumsfaktoren begünstigen, bei nachlassender Herzleistung hochreguliert sind, z.B. Serpin A3 und A1, Fibronectin, Ceruloplasmin und Paraoxonase 1, erläutern sie ihre These. „Die spezifische Interaktion von kardialen stressinduzierten Proteinen mit onkogenen Signalwegen ist ein relativ neuer Wissenschaftszweig mit großem Potenzial“, äußern sie sich zum aktuellen Forschungsstand.

Monitoring auf Krebsvorstufen

Auch wenn die genauen Ursachen für die erhöhte Tumorinzidenz bei Herzinsuffizienzpatienten noch unklar sind, für die Praxis könnten sich aus den aktuellen Daten bereits Konsequenzen ergeben. „Die Ergebnisse deuten an, dass Herzinsuffizienzpatienten von Tumorpräventionsmaßnahmen profitieren könnten“, so Luedde. Für potenziell sinnvoll hält der Kardiologe ein intensives Monitoring auf mögliche Krebsentwicklungsstufen, „beispielsweise durch ein Screening“.

Literatur

Abstract title: Heart failure and comorbidities. Heart Failure-Kongress; 29. Juni bis 1. Juli 2021.

Roderburg C et al. Heart failure is associated with an increased incidence of cancer diagnoses. ESC Heart Fail. 2021. doi:10.1002/ehf2.13421.

ESC-Pressemitteilung: Heart failure is associated with an increased risk of cancer; veröffentlicht am 28. Juni 2021

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