Nachrichten 04.07.2022

Diabetologen empfehlen Herzinsuffizienz-Screening

Erst Diabetes, später dann Herzinsuffizienz: Diesen häufig beobachteten Zusammenhang beider Erkrankungen wollen US-Diabetologen durchbrechen – durch ein systematisches frühes Herzinsuffizienz-Screening mittels Biomarker-Messung bei allen Patientinnen und Patienten mit Diabetes.

Diabestes erhöht das Risiko für eine künftige Herzinsuffizienz. Nach Einschätzung der US-Fachgesellschaft American Diabetes Association (ADA) ist Herzinsuffizienz aber immer noch eine „unterschätzte Komplikation des Diabetes“. Dem will die ADA mit einem „Consensus Report“ begegnen, an dem auch Experten der kardiologischen US-Fachgesellschaft ACC mitgewirkt haben.

Angesichts einer stetig wachsenden Zahl von Menschen mit Diabetes antizipiert die ADA auch zunehmende Belastungen infolge einer steigenden Inzidenz der Herzinsuffizienz. Dem müsse entgegengewirkt werden – unter anderem durch bessere Früherkennung einer drohenden Herzinsuffizienz bei Diabetes-Patienten.

Präklinische Herzinsuffizienz-Stadien im Visier

Nach der 2021 publizierten ersten „Universellen Definition von Herzinsuffizienz“ können vier Herzinsuffizienz-Stadien (A/B/C/D-Schema) unterschieden werden. Allein aufgrund eines bestehenden Diabetes in Kombination mit Risikofaktoren wie Hypertonie und Hyperlipidämie befinden sich Betroffene bereits im Stadium A („at risk“). Kommen dann noch strukturelle und funktionelle Herzveränderungen und/oder erhöhte kardiale Biomarker-Spiegel hinzu, ist bereits das – immer noch asymptomatische – Herzinsuffizienz-Stadium B („Pre-Heart Failure“) erreicht. Stadium C entspricht dann der der klinisch manifesten Herzinsuffizienz.

Wie die ADA-Experten in ihrem Report darlegen, komme es darauf an, schon frühzeitig jene Patientinnen und Patienten mit Diabetes zu identifizieren, die sich bereits im präklinischen Stadium B befinden und einem erhöhten Risiko für eine Progression in eine klinisch manifeste Herzinsuffizienz unterliegen. Erkennen ließen sich solche Risikopatienten anhand erhöhter Spiegel für kardiale Biomarker wie BNP, NT-proBNP oder hochsensitive Troponine.

Jährliche Biomarker-Messungen empfohlen

Die ADA rät deshalb in ihrem „Consensus Report“ dazu, mindestens einmal pro Jahr bei allen Diabetespatienten Messungen von einem dieser Biomarker durchzuführen. Als „brauchbare Cutoff-Werte“ zur Bestimmung des Herzinsuffizienz-Risikos werden dabei für BNP Werte ≥50 pg/ml, für NT-proBNP Werte ≥125 pg/ml und für hochsensitive Troponine Werte oberhalb der 99. Perzentile eines oberen Referenzbereichs genannt.

Doch was folgt aus dem Nachweis erhöhter Biomarker-Spiegel? Entscheidungen über eine mögliche Therapieintensivierung zur Prävention einer symptomatischen Herzinsuffizienz seien auf individueller Basis und im klinischen Gesamtkontext zu treffen, so die ADA-Experten. Im Hinblick auf die antidiabetische Therapie raten sie etwa zu einer „Priorisierung“ von SGLT2-Hemmern schon im Stadium B sowie in allen höheren Stadien.

Studie bestätigt beschleunigte Progression der Herzinsuffizienz bei Diabetes

Eine fast zeitgleich mit dem „Consensus Report“ publizierte neue Studie stützt im Übrigen die Einschätzung der ADA bezüglich der Bedeutung einer Diabeteserkrankung für die Herzinsuffizienzprogression – vor allem bei schlechter Blutzucker-Einstellung. In dieser Studie haben US-Forscher anhand von Daten der epidemiologischen ARIC-Studie den Einfluss eines bestehenden Diabetes auf die Progression von einem präklinischen Stadium (Stadium A oder B) in eine manifeste Herzinsuffizienz untersucht.

Zugrunde lagen Daten von 4.774 Personen (mittleres Alter 75 Jahre, 58% Frauen) mit präklinischer Herzinsuffizienz (1.551 im Stadium A, 3.223 in Stadium B), von denen 30% einen Diabetes hatten. Im Follow-up der Studie (im Mittel 7,5 Jahre) wurden 470 Herzinsuffizienz-Ereignisse registriert.

Im Ergebnis zeigte sich, dass ein schlecht eingestellter Diabetes (HbA1C ≥7%) in beiden Stadien mit einem deutlich erhöhten Risiko für eine Progression in eine klinisch manifeste Herzinsuffizienz assoziiert war. So war dieses Risiko etwa bei Patienten mit HbA1C-Werten ≥7% im Stadium B fast um den Faktor 8 höher als bei Patienten im Stadium A ohne Diabetes (Hazard Ratio: 7,56).

Aus diesen Ergebnissen ziehen die Studienautoren den im Einklang mit dem „Consensus Report“ der ADA stehenden Schluss, dass bereits die präklinischen Herzinsuffizienz-Stadien ein „Fokus für aggressive präventive Therapien“ zur Vorbeugung einer manifesten Herzinsuffizienz sein sollten. Sie sehen Bedarf an Studien, in denen neuere Therapien wie SGLT2-Hemmer und GLP-1-Agonisten bezüglich ihres möglichen präventiven Nutzens in diesen frühen Stadien untersucht werden.

Literatur

Heart Failure: An Underappreciated Complication of Diabetes. A Consensus Report of the American Diabetes Association. Diabetes Care dci220014. https://doi.org/10.2337/dci22-0014

Echouffo-Tcheeugui J.B. et al.: Diabetes and Progression of Heart Failure: The Atherosclerosis Risk In Communities (ARIC) Study. J Am Coll Cardiol. 2022,79(23): 2285–93.


Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Schlaganfall: Spezielle Strategie verbessert neurologische Prognose

Das Prinzip der „ischämischen Fernkonditionierung“ kommt ursprünglich aus der Herzmedizin, und hat hier in den letzten Jahren eher enttäuscht. Nun liefert eine randomisierte Studie Hinweise, dass das Konzept bei Schlaganfallpatienten funktionieren könnte.

Ticagrelor plus ASS: Mehr offene Venengrafts nach Bypass-OP

Eine duale Plättchenhemmung mit Ticagrelor plus ASS beugt Venengraftverschlüssen nach aortokoronarer Bypass-Operation besser vor als ASS allein, ergab jetzt eine Metaanalyse. Die höhere Effektivität hat aber ihren Preis.

Wie gefährlich ist (Wettkampf-)Sport bei Long-QT?

Menschen mit einem Long-QT-Syndrom wird von intensiverem Sport üblicherweise abgeraten. Eine französische Kohortenstudie deutet nun an, dass ein solch restriktiver Umfang nicht unbedingt vonnöten ist – doch die Sicherheit scheint an bestimmte Voraussetzungen geknüpft zu sein.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org