Nachrichten 20.04.2021

Pneumonien bei Herzinsuffizienz-Patienten häufig – und oft tödlich

Alle reden von COVID-19. Doch Pneumonien sind bei Herzinsuffizienz-Patienten schon jeher ein Problem, wie eine neue Analyse zeigt. Dabei wären sie oft vermeidbar.

Herzinsuffizienz-Patienten erkranken sehr häufig an Pneumonien. Etwa dreimal häufiger als die Allgemeinbevölkerung, wie Daten der PARADIGM HF- und PARAGON-HF-Studien zeigen.

Wissenschaftler um Dr. Li Shen haben sich die Pneumonie-Raten in beiden großen Herzinsuffizienz-Studien angeschaut, und diese waren höher als das internationale Team erwartet hätte: 6,3% der Studienteilnehmer erkrankten im Verlauf der PARADIGM HF-Studie an einer Lungenentzündung, in der PARAGON-HF-Studie war sogar mehr als jeder zehnte Patient betroffen (10,6%).

Inzidenz sehr hoch

Das entspricht einer Inzidenz von 29 bzw. 39 Fällen pro 1.000 Patientenjahren. In PARAGON waren die Patienten im Schnitt fast zehn Jahre älter als in PARADIGM (73 vs. 64 Jahre), was die höhere Inzidenz in PARAGON erklären könnte. Das Alter ist ein wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Pneumonie. Doch das Alter allein kann die hohe Pneumonie-Inzidenz in beiden Studien nicht erklären. Die Inzidenz war bei den Herzinsuffizienz-Patienten nämlich deutlich höher, als es für gewöhnlich für eine nach Alter und Geschlecht gematchten Bevölkerung berichtet wird. Auffällig in der aktuellen Analyse ist, dass vermehrt Herzinsuffizienz-Patienten mit einer erhaltenen Pumpfunktion (HFpEF) an einer Pneumonie erkrankt waren.

Drei- bis vierfach erhöhtes Sterberisiko

Eine Pneumonie wirkte sich beachtlich auf die Prognose der Patienten aus: So war das Sterberisiko in der PARAGON-HF-Studie in Folge der Lungenentzündungen um mehr als das Dreifache höher als in den Zeiträumen zuvor, nach Adjustierung auf gängige Risikofaktoren (Hazard Ratio, HR: 3,76), in der PARADIGM-HF-Studie war die Mortalität nach einer Pneumonie sogar um mehr als das Vierfache erhöht (HR: 4,34). Vor allem innerhalb des ersten Monats nach der Akutinfektion war das Sterberisiko betroffener Patienten laut der Autoren „extrem hoch“. Doch auch noch danach blieb es weiterhin erhöht.

Shen und Kollegen vermuten, dass die Gründe für das erhöhte Sterberisiko „mannigfaltig“ und „sowohl spezifischer als auch nicht spezifischer Natur“ sind. Auf dem ersten Blick logisch erscheint die Annahme, dass Patienten mit einer Herzinsuffizienz prinzipiell schlechtere Voraussetzungen haben, eine so schwere Komplikation wie eine Lungenentzündung gut zu überstehen.

Schlechtere Infektabwehr als Ursache?

Doch die Studienautoren gehen durchaus davon aus, dass es spezifisch etwas mit dem Pathomechanismus der Herzinsuffizienz zu tun haben könnte. Eine durch die Herzinsuffizienz bedingte Akkumulation von Alveolarflüssigkeit könnte die bakterielle Clearance beeinträchtigen und den lokalen Infektionsschutz herabsetzen, lautet eine Erklärung der Mediziner.

Doch warum ist das Sterberisiko noch Monate nach der Akuterkrankung erhöht? Das könnte Shen und Kollegen zufolge an einer persistierenden Inflammation und einem erhöhten prokoagulatorischen Zustand liegen. Diese Mechanismen wiederum könnten auch erklären, warum Patienten in epidemiologischen Studien nach einer Akutinfektion der Lunge weiterhin ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle aufwiesen.

Mangelhafte Impfquote in Deutschland

Das Tragische an diesen Zahlen ist, dass eine Pneumonie in vielen Fällen eigentlich vermeidbar wäre. „Das häufigste Pathogen, das eine Pneumonie verursacht, ist streptococcus pneumoniae, und gegen diesen Erreger gibt es zwei Impfungen“, weisen die Autoren hin. Obwohl diese Impfungen für Ältere und von allen größeren Herzinsuffizienz-Leitlinien empfohlen werden, werden sie durchweg zu wenig eingesetzt, bemängeln die Mediziner.

Im Jahr 2019 lag die Quote bei der Pneumokokken-Impfung in Deutschland laut dem Robert Koch-Institut bei den über 60-Jährigen bei nur 24,2%; mit großen Unterschieden zwischen den Bundesländern (in Baden-Württemberg bei 13%, in Sachsen bei 43%). Etwas besser, aber weit weg von der empfohlenen Impfquote der WHO, ist die Situation bei der Influenza-Impfung: In der Saison 2019/2020 sind 38,5% der über 60-jährigen Versicherten in Deutschland dagegen geimpft worden.

Shen und Kollegen sprechen hier von einer „verpassten Gelegenheit“, gerade bei  HFpEF-Patienten, in Anbetracht dessen, dass diese ein im Schnitt höheres Alter und höherer Pneumonie-Raten aufwiesen sowie sonstige Therapieoptionen fehlten.

Literatur

Shen L et al. Incidence and Outcomes of Pneumonia in Patients With Heart Failure; J Am Coll Cardiol. 2021,77(16):1961–73.

Robert Koch Institut: 47. Epidemiologisches Bulletin, veröffentlicht am 19. November 2020

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