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11.11.2017 | Herzinsuffizienz | Nachrichten

Der letzte Dinosaurier…

Herzstillstand beim Herzensbrecher

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Der Folkrocker Tom Petty starb mit nur 66 Jahren an Herzversagen. Doch er hat unsterbliche Songs hinterlassen.

Nein, so überraschend wie die Medien es darstellten, kam das Ende dann doch nicht. Wer ihn die letzten Jahre bei einem seiner Auftritte gesehen hatte, machte sich so seine Gedanken, zumindest wenn er mit einem rudimentären klinischen Blick ausgestattet war: Das Gesicht leichenblass, die spitze, prominente Nase wirkte wie ein Fingerzeig ins Jenseits, wie ein Memento mori. Die Krönung aber war das Haar. Dünn, lang und platt und von jener hellgelben Farbe wie das Stroh in den Scheunen, in denen man während des Amerikanischen Bürgerkrieges die Gefallenen und an Seuchen Verblichenen lagerte, bis ein würdigerer Ruheplatz gefunden war. Über Phasen seiner Karriere hatte er das schulterlange Haar gelegentlich rot gefärbt, was ihn indes nicht gesünder erscheinen ließ.

Ähnlichkeit mit dem Sensenmann

Keine Frage: Hätte Tom Petty nicht im 20. und frühen 21. Jahrhundert als Folkrocker reüssiert, sondern wäre im späten 16. Jahrhundert als Bänkelsänger zu Ruhm gekommen, ein Albrecht Dürer oder ein Holzschnitzer für die Weltchronik des Hartmann Schedel hätte in seiner Physiognomie ein perfektes Modell des Unheilbringers mit der Sense gesehen. Und wer den Spielfilm „Meet Joe Black“ von 1998 kennt, wird sich angesichts der Nachricht vom Ableben des Sängers und Gitarristen fragen, warum man Brad Pitt und nicht Tom Petty für die Rolle des personifizierten Todes auserkoren hat, auch wenn Pitt ein geradezu pettyeskes Hairdo bekam: glatte, dünne, fade blonde Haare.

Mancher Zuschauer mag sich seine Gedanken gemacht haben, als Petty der nicht zu übertrumpfende Höhepunkt im Leben eines jeden amerikanischen Musikstars beschert wurde – bei der Super Bowl die Halbzeitshow zu gestalten. Für Petty kam der große Tag im Februar 2008. Einem Arzt im Publikum entfuhr dabei der Ausruf: „Mein Gott! Sie haben ihn einbalsamiert, während er noch lebt!“

Die „Frankfurter Allgemeine“ betitelte ihren Nachruf mit der Aussage „Der letzte Dinosaurier war ein Herzensbrecher“. Der Hinweis auf die Riesenechse verdeutlicht, dass der kreative Musiker aus einer anderen Epoche stammt als die heute meist von musikalischen Eintagsfliegen interpretierten One-Hit-Wonders. Hits hatte der Dino reichlich, „Free Fallin“, „American Girl“ und vor allem „I won’t back down“, das er zusammen mit Electric Light Orchestra-Genius Jeff Lynne komponiert hat. Und Herzensbrecher, so nannte er seine 1976 geformte Band: Tom Petty and the Heartbreakers formierten sich in Gainesville, der Universitätsstadt des Sunshine State Florida und Heimat des dort am 20. Oktober 1950 geborenen Thomas Earl Petty.

Vom King inspiriert

Es war ein Herzstillstand, möglicherweise auch ein Herzinfarkt, der den Musiker kurz vor seinem 67. Geburtstag ereilte, der Bandname erscheint im Nachhinein wie eine düstere Prophezeiung. Das Herz war es auch – zumindest nach der offiziellen Todesursache „kardiale Arrhythmie“ in Zusammenhang mit Drogen- und Medikamentenabusus, das zum vorzeitigen Ableben jenes Künstlers führte, den Tom Petty als Zehnjähriger kennenlernen durfte, und der ihn inspirierte, eine Karriere als Musiker einzuschlagen: Der King, Elvis Presley, dessen 40. Todestag wenige Wochen vor Pettys Ableben von seinen vielen Fans und besonders in seinem Schrein Graceland in Memphis gebührend gewürdigt wurde.

Dass Tom Petty in letzter Zeit angeschlagen war, deutet auch der auf sein musikalisches Oeuvre fokussierende Beitrag in der FAZ von Edo Reents an: „Bei Gelegenheit der laufenden Rolling-Stones-Tournee dachte man, der Rock ’n’ Roll kenne nun endgültig kein Alter mehr. Auch Tom Petty wirkte mit seiner dürren Figur, den Spaghetti-Haaren und dem breiten Grinsen im allerdings immer schon erschreckend fahlen Gesicht lange jugendlich; aber er muss vor der Zeit gealtert sein. Einst wurde er auf seinem Anwesen in Malibu gefragt, ob er surfe. Das geht nicht, antwortete er und zeigte auf sein bandagiertes Knie, das er sich auf der Bühne ruiniert hatte. Dass auch sein Herz nicht mehr das stabilste war, ist nun traurige Gewissheit: Am Montag ist Thomas Earl ‚Tom‘ Petty, der nie schwächelnde Rock-’n’-Roll-Saurier, sechsundsechzigjährig in Santa Monica gestorben.“

Der Musiker wurde am Montagmorgen, dem 2. Oktober, von seiner Familie leblos in dem Haus in Malibu aufgefunden und ins UCLA Medical Center Santa Monica gebracht. Das Musikmagazin Rolling Stone schreibt dazu: „Die Todesursache von Tom Petty wird untersucht. Das kündigte ein Sprecher der Gerichtsmedizin in Santa Monica (Kalifornien) an. Der Musiker hatte am vergangenen Sonntag einen Herzstillstand erlitten und war daraufhin in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Dort wurde er an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, wies aber nach Angaben der Ärzte keine Hirnaktivität mehr auf. Einige Stunden später verstarb Petty im Alter von 66 Jahren. Die Untersuchung des Leichnams sei eine Routineangelegenheit, teilte die Gerichtsmedizin zu dem Vorgang mit. Sie werde bei allen Personen durchgeführt, die länger als sechs Monate nicht von einem Arzt untersucht wurden. Ergebnisse werden erst in mehreren Wochen erwartet.“

Die Promi-Website, Vip.de, fügt noch ein Detail aus der Klinik hinzu: „Petty ... konnte aber nicht wiederbelebt werden. Er sei friedlich ‚umgeben von Familie, Bandmitgliedern und Freunden‘ gestorben. Die „Bunte“ – deren Leser einen Altersdurchschnitt haben, der etliche Petty-Fans umfassen dürfte, würdigt wie andere deutsche Medien seine künstlerischen Erfolge in aller gebotenen Kompaktheit: „Petty, der mit Hits wie ‚American Girl‘ oder ‚Free Fallin‘ berühmt wurde, war gerade noch auf US-Tour. Im November standen weitere Auftritte in New York an. Mit Tom Petty & the Heartbreakers feierte der Musiker in den 1970er Jahren seinen Durchbruch. In den 1980er Jahren tourte er unter anderem mit Bob Dylan. Im Lauf seiner Karriere gewann Petty drei Grammys. Der ‚Rolling Stone‘ listete ihn auf Rang 91 der 100 größten Musiker sowie auf Rang 59 der 100 besten Songwriter aller Zeiten.“

Einen kurzen Exkurs nahm Petty ins Schauspielfach. In den 1980er Jahren trat er in einer amerikanischen Sitcom auf, 1997 hatte er eine tragende Rolle in Kevin Costners postapokalyptischem Endzeitepos „The Postman“, er spielte den Bürgermeister Tom Petty. Rockfans bekommen noch heute bei der Erinnerung an eine Folge der Simpsons feuchte Augen, in der Tom Petty zusammen mit Elvis Costello, Lenny Kravitz, Mick Jagger und Keith Richards agierte. Letzterer dürfte unter den Gralshütern der Rock-’n’-Roll-Ära der Einzige sein, der noch ungesünder aussah. Im Gegensatz zu Richards hatte Petty die Drogen schon lange hinter sich gelassen. Beim letzten Interview, fünf Tage vor seinem Tod, mit der LA Times schenkte er sich das offenbar für den reifen Petty stärkst mögliche Getränk ein, einen heißen Kaffee.

Künstler mit Herzblut

Petty zog ein Fazit, das andeutet, er hat diese Welt glücklich verlassen: „Dies war ein wundervolles Jahr für uns. Wir bekamen das Klopfen auf die Schulter, das uns sonst nie zuteil wurde.“ Und er fügte hinzu: „Ich muss lernen, auch mal auszuruhen; das ist es, was alle mir raten. Ich müsste mal eine Zeit lang aufhören zu arbeiten. Aber das ist hart für mich. Wenn ich kein Projekt habe, komme ich mir vor, als habe ich keine Verbindung mit Irgendetwas. Ich glaube, das ist nicht gesund für mich. Ich mag es, aus dem Bett zu steigen und eine Aufgabe zu haben.“

Die Songs von Tom Petty sind, wie jedes Künstlerwerk, eine Sache des persönlichen Geschmacks. Der Eine mag das Autoradio lauter stellen, wenn die leicht näselnde Stimme erklingt, der Andere den Sender wechseln. Doch seine Mahnung, sich von den Widrigkeiten des Lebens nicht unterkriegen zu lassen, dem Druck zu widerstehen und sich nicht verbiegen zu lassen, kann wohl jeder Leser dieser Zeilen verinnerlichen und darin für die täglichen Herausforderungen, auch in Klinik und Praxis, einen stärkenden Zuspruch erkennen:

„Well I know what’s right, I got just one life, in a world that keeps on pushin‘ me around, but I’ll stand my ground, and I won’t back down.“