Nachrichten 04.12.2020

Neuer Risikofaktor für Herzinsuffizienz entdeckt

Eine ATTR-Kardiomyopathie wird häufig spät erkannt, obwohl eine frühe Diagnose essenziell für die Prognose der Patienten ist. Wissenschaftler haben nun einen Biomarker gefunden, der eine frühe Diagnostik erleichtern könnte.

Transthyretin (TTR) ist eines von mehreren Proteinen, die Amyloidose verursachen und damit das Herz schädigen können. Oft bleibt eine Störung der TTR-Proteinfaltung, die sich im Herzen als ATTR-Kardiomyopathie (Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie) manifestieren kann, jedoch unterdiagnostiziert oder wird nicht erkannt, da die Symptomatik einer hypertrophen Kardiomyopathie oder einer koronaren Herzkrankheit ähneln kann.

Dänische Forscher haben jetzt eine Möglichkeit gefunden, wie sich eine solche Herzbeteiligung bei anfänglich asymptomatischen Patienten womöglich frühzeitig diagnostizieren lassen könnte.

Zwei Studien, ähnliches Ergebnis

Forscher um Dr. Anders Greve vom Universitätsklinikum Kopenhagen analysierten Daten aus zwei dänischen Studien. In beiden Kohorten mit insgesamt fast 17.000 Personen waren niedrige Transthyretin-Werte im oder unter dem 5. Perzentil mit einer Herzinsuffizienz assoziiert, im Vergleich zu Konzentrationen im 5. bis 95. Perzentil.

In der Copenhagen General Population Study entwickelten fast 5% der Teilnehmer über durchschnittlich knapp 13 Jahre eine Herzinsuffizienz. Transthyretin-Konzentrationen im Plasma im oder unter dem 5. Perzentil waren mit einem um 60% erhöhten Herzinsuffizienz-Risiko assoziiert. In der Copenhagen City Heart Study trat bei gut 15% der Probanden nach median 22 Jahren eine Herzinsuffizienz auf. Transthyretin-Spiegel im oder unter dem 5. Perzentil gingen in dieser Studie mit einem um 40% gesteigerten Risiko für Herzinsuffizienz einher.

Männer hatten höheres Risiko

Das Herzinsuffizienz-Risiko war bei Männern mit niedrigen Transthyretin-Werten am höchsten. Die Forscher beobachteten auch eine Assoziation zwischen TTR-Varianten, Transthyretin-Konzentration und Herzinsuffizienz. Die T139M-Variante war mit den höchsten Transthyretin-Spiegeln und dem niedrigsten Risiko für Herzinsuffizienz assoziiert, während andere Varianten, die mit den niedrigsten Transthyretin-Spiegeln einhergingen, mit dem höchsten Risiko für Herzinsuffizienz korrelierten.

„Die Ergebnisse stützen einen Zusammenhang zwischen einer niedrigen Transthyretin-Konzentration als Marker für die Tetramer-Instabilität und einem erhöhten Risiko für Herzinsuffizienz“, so Greve und Kollegen. Instabile Tetramere verlieren ihre Funktion, können sich anhäufen, im Herzen ablagern und es dadurch schädigen. „Die neuen Erkenntnisse sind klinisch wichtig, da es unseres Wissens derzeit keine Biomarker gibt, die über das zukünftige Risiko einer kardialen Transthyretin-Amyloidose informieren, und weil in jüngster Zeit Medikamente entwickelt wurden, die die Prognose verbessern, wenn sie frühzeitig verabreicht werden“, fügt er hinzu (mehr dazu in diesem Beitrag).

Transthyretin-Spiegel als Biomarker?

Dr. Sanjiv Shah von der Northwestern University in Chicago hält die Ergebnisse aus zwei Gründen für überzeugend: „Sie bieten neue Einblicke in die Pathogenese von Herzinsuffizienz, die mit ATTR-Kardiomyopathie in Verbindung gebracht werden könnte. Zudem eröffnen sie die Möglichkeit, dass niedrige Transthyretin-Konzentrationen Ärzte darauf hinweisen können, dass ein Patient möglicherweise ATTR- Kardiomyopathie oder ein hohes Risiko dafür haben könnte, was zu weiteren Tests und einer früheren Diagnose beitragen könnte.“

Literatur

Greve A et al. Association of Low Plasma Transthyretin Concentration With Risk of Heart Failure in the General Population. JAMA Cardiology 2020. https://doi.org/10.1001/jamacardio.2020.5969

Shah S. Misfolded Transthyretin as a Novel Risk Factor for Heart Failure. JAMA Cardiology 2020. https://doi.org/ 10.1001/jamacardio.2020.5979

Highlights

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

CME-Highlight: EKG Intensivkurs

Anhand von 108 EKG-Fällen können Sie Ihre Kenntnisse zum EKG in diesem Kurs vertiefen und 12 CME-Punkte sammeln. Es gibt 3 Schwierigkeitsstufen, von Standard bis anspruchsvoll.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Positive Daten für Thrombektomie bei submassiver Lungenembolie

Bei Patienten mit submassiver akuter Lungenembolie scheint die perkutane Thrombektomie mithilfe eines Aspirationskatheters eine erfolgversprechende Methode zu sein, legen Ergebnisse einer prospektiven Studie nahe.

Warum COVID-19-Impfung für Herzpatienten besonders wichtig ist

Die STIKO hat Herzkranke bei der Impfverteilung nur in die vierte von sechs Gruppen eingeordnet. Die DGK weist allerdings darauf hin, dass Herzpatienten ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben – und daher unbedingt zeitnah geimpft werden müssen.

Myokarditiden bei SARS-CoV-2-positiven Leistungssportlern offenbar selten

Bedenken kamen auf, als sich in ersten Studien mit SARS-CoV-2-positiven Leistungssportlern nach der Infektion relativ häufig MRT-Anzeichen einer Myokarditis nachweisen ließen. Die Ergebnisse einer aktuellen Fallserie wirken dagegen beruhigend.

Aus der Kardiothek

Neue Vorhofflimmern-Leitlinie und ihre Implikationen für die Praxis

Erst kürzlich sind die ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern aktualisiert worden. Prof. Christian Meyer vom Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf gibt in diesem Webinar einen kurzen Überblick über die wichtigsten Aspekte.

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
EKG Training/© fotolia / Sergey Nivens
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen