Nachrichten 29.08.2016

Keine Prognoseverbesserung durch kardiale Implantat-Fernüberwachung

Die telemedizinische Überwachung mithilfe kardialer Implantate kann die Prognose von Herzinsuffizienzpatienten nicht verbessern. Zu diesem Ergebnis kamen gleich zwei auf dem ESC-Kongress vorgestellte Studien. Die Implementierung in die Praxisroutine bleibt strittig.

Implantierbare kardiale Devices wie ICDs und CRTs bieten mittlerweile die Option, den Herzrhythmus der Patienten telemedizinisch engmaschig zu überwachen. Eine solche Implantat-Fernüberwachung vermag die Praxisroutine erleichtern: Im Gegensatz zur Routineversorgung mit regelmäßigen Deviceabfragen in der Praxis bekommen Ärzte die Daten direkt, ohne den Patienten sichten zu müssen, übermittelt und können dadurch womöglich auf eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz oder der Arrhythmie schneller reagieren.

REM-HF-Studie: Outcome nicht verbessert

Eine Prognoseverbesserung für die Patienten bringt diese Art der Fernüberwachung allerdings nicht – das haben gleich zwei auf dem ESC-Kongress vorgestellte Studien offenbart.

So ließ sich in der randomisierten, multizentrischen „Remote Management of Heart Failure Using Implantable Electronic Devices” (REM-HF)-Studie mit einer wöchentlichen Fernüberwachung von ICDs oder CRTs mit Defibrillator (CRT-D) die Mortalität der teilnehmenden Herzinsuffizienzpatienten im Vergleich zur alleinigen Standardversorgung nicht verringern. Nach dem fast dreijährigen Beobachtungszeitraum war auch die Rate an kardiovaskulär bedingten Klinikeinweisungen in beiden Gruppen (Fernüberwachung plus Standardversorgung versus herkömmliche Versorgung allein) praktisch identisch.

Systematische Anwendung nicht sinnvoll

Diese Ergebnisse bringen den Studienautor Martin Cowie vom Royal Brompton Hospital auf der ESC-Hotline-Session zu dem Schluss, dass eine Fernüberwachung von kardialen Implantaten im Management von Device-Trägern routinemäßig derzeit nicht sinnvoll erscheint. In seiner Klinik werde die Technologie nun auf eine „intelligentere, individualisierte Art und Weise und nicht systematisch bei jedem einzelnen Patienten angewendet“, erläuterte Cowie, beispielsweise bei Patienten mit schwierig zu behandelnder Herzinsuffizienz, um für die Therapieentscheidung mehr Informationen zu sammeln.

MORE-CARE-Studie: Positive Ergebnisse bei sekundären Endpunkten

Optimistischer klingen hier die Ergebnisse der MORE-CARE-Studie (MOnitoring Resynchronization dEvices and CARdiac patiEnts). Zwar wurde bei den 917 teilnehmenden CRT-D-Trägern ebenfalls keine Prognoseverbesserung durch die Fernüberwachung erreicht. So blieben die Gesamtmortalität sowie die Häufigkeit kardiovaskulär und Device-bedingter Klinikeinweisungen (primärer Endpunkt) nach einem mittleren Follow-up von 24 Monaten im Vergleich zur Routineversorgung unverändert: 29,7 % im Telemedizin-Arm vs. 28,7 % im Standard-Arm.

Kostenersparnis für Patient und Gesundheitswesen

Erfreulicherweise hatte der Studienautor Guiseppe Borini von der Universität von Modena aber zumindest hinsichtlich des sekundären Endpunktes Positives zu berichten: Notfälle gingen um 28 % und Praxisbesuche um 41 % zurück. Pro 100 Patienten ließen sich nach zweijähriger Anwendung der Fernüberwachung 2.899 Euro einsparen, vor allem aufgrund des Rückganges routinemäßiger Praxisbesuche in der Telemedizin-Gruppe.

Generell sei die Belastung für das Gesundheitssystem durch kardiovaskuläre Ereignisse in der telemedizinisch betreuten Gruppe um 38 % geringer ausgefallen als in der Gruppe mit Standardversorgung, berichtete Borini.

Auch aus Patientensicht sieht er Vorteile der Implantat-Fernüberwachung: Die geschätzten Ausgaben für Fahrten zum Krankenhaus betrugen in der Telemedizin-Gruppe nach zwei Jahren 373 Euro und in der Standardgruppe 518 Euro, was eine Kostenersparnis für die Patienten von 145 Euro bedeutet.

Pro Routineversorgung

Nach Ansicht von Borini kann die Fernüberwachung von kardialen Implantaten unnötige Praxisbesuche vermeiden und den Patienten Sicherheit geben. Sie sei daher nützlich, auch wenn sie das Outcome nicht verbessere. Die Implantat-Fernüberwachung werde daher in den Leitlinien der Heart Rhythm Society (HRS) in der Versorgung von kardialen Device-Trägern als Standard empfohlen.

Literatur

Hotline-Session, 28.08.2016, ESC-Kongress in Rom

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