Nachrichten 04.02.2020

Herzinsuffizienz-Modell: Wie hoch ist das Sterberisiko meines Patienten?

Ein neues Prognosemodell könnte Ärzten die Therapieentscheidung bei Patienten mit Herzinsuffizienz erleichtern. Praktisch ist, dass der Kalkulator online verfügbar ist.

Das Sterberisiko eines Herzinsuffizienz-Patienten adäquat einzuschätzen, stellt Ärzte vor eine Herausforderung. Welche Parameter sollte man zurate ziehen? Auf dem ersten Blick plausibel scheint, sich an der linksventrikulären Auswurffraktion (LVEF) und der NYHA-Klasse zu orientieren. Beide Parameter sind mit der Morbidität und Mortalität assoziiert. Allerdings seien sie nicht sensitiv genug, um die Prognose der Patienten adäquat einzuschätzen, geben Wissenschaftler um Dr. Joanne Simpson in der Fachzeitschrift „JAMA Cardiology“ zu bedenken.

„Momentan das aussagekräftigste Modell“

Das Team von der University in Glasgow hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, ein Prognosemodell zu evaluieren, welches die gegenwärtige Situation für Herzinsuffizienz-Patienten mit reduzierter Auswurffraktion (HFrEF) akkurat abbildet.

Wie die Wissenschaftler in „JAMA Cardiology“ berichten, ist ihnen dies gelungen: „Unser Modell, das extern an einer Real-World-Kohorte validiert wurde, kann womöglich als das momentan aussagekräftigste angesehen werden.“

Risiko online errechnen

Verfügbar ist das Modell als Online-Kalkulator (www.predict-hf.com), um es auch für den Praxisalltag praktikabel zu machen.

Nach Eingabe diverser Parameter wie Alter, Geschlecht und Rasse, ebenso wie die Herzinsuffizienz-Medikation, Begleiterkrankungen bis hin zu Laborparametern errechnet der Kalkulator das kardiovaskuläre Sterberisiko des Patienten für ein und zwei Jahre. Ebenso lässt sich daran die Wahrscheinlichkeit für den kombinierten Endpunkt aus kardiovaskulärem Tod und herzinsuffizienzbedingter Klinikeinweisung ablesen.

Eine nach Ansicht der Studienautoren „besondere Stärke“ des Modells ist die Berücksichtigung der Biomarker NTproBNP und BNP. Beide Laborwerte sind in dem bisher am häufigsten untersuchten Score zur Prognoseeinschätzung bei Herzsuffizienz-Patienten – dem Seattle Heart Failure Modell (SHFM) – nicht integriert. Ein weiterer Vorteil des neuen Scores ist, dass er an einer zeitgemäßen Kohorte evaluiert wurde.  

Modell funktioniert auch unter Real-World-Bedingungen

So zogen die britischen Wissenschaftler die Baselinecharakteristika von 8.011 Studienteilnehmer der randomisierten, doppelblinden PARADIGM-HF-Studie als Datenbasis heran. Primäres Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit des 2016 eingeführten Herzinsuffizienz-Medikaments Sacubitril/Valsartan zu belegen. Das daraus entwickelte Prognosemodell wurde an zwei weiteren Kohorten (ATMOSPHERE und SwedeHF) validiert. Das Modell habe gut funktioniert, berichten die Studienautoren, also auch unter den Real-World-Bedingungen des SwedeHF-Registers. 

Einschränkend weisen sie allerdings darauf hin, dass der Score nur an Patienten mit HFrEF evaluiert wurde, und nicht an Herzinsuffizienz-Patienten mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF). Zudem sei die Aussagekraft des Modells bei Patienten mit ICD oder kardialer Resychronisations-Therapie womöglich limitiert, weil diese in den Kohorten wenig vertreten waren.

Literatur

Simpson J et al. Prognostic Models Derived in PARADIGM-HF and Validated in ATMOSPHERE and the Swedish Heart Failure Registry to Predict Mortality and Morbidity in Chronic Heart Failure. JAMA Cardiol 2020. doi:10.1001/jamacardio.2019.5850

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