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07.11.2018 | Herzinsuffizienz | Nachrichten

Neue Lebensstilempfehlungen

Salz, Vitamine, Yoga – was hilft wirklich bei Herzinsuffizienz?

Autor:
Dr. med. Peter Stiefelhagen

Eine Herzinsuffizienz ist noch immer so tödlich wie einige Krebserkrankungen. Mit Lebensstilmaßnahmen können die Patienten ihre Überlebenschancen steigern – und zwar nicht nur mit Ernährung und Sport, wie Experten in einem Review ausführlich dargelegt haben.

Die Herzinsuffizienz ist eine der häufigsten Erkrankungen unserer Zeit. Die Prävalenz und Inzidenz werden in den kommenden Jahren weiter steigen. Dafür verantwortlich sind einmal die demografische Entwicklung und zum anderen die therapeutischen Fortschritte vor allem bei der koronaren Herzerkrankung (KHK). Man könnte sagen, die Herzinsuffizienz ist der Preis, den wir für die bessere Versorgung von Patienten mit akutem Koronarsyndrom zahlen müssen.

Die Therapie der Herzinsuffizienz hat in den letzten Jahren dank innovativer Devices wie der chronischen Resynchronisations-Therapie (CRT) bzw. implantierbaren Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) und neuer medikamentöser Behandlungsmöglichkeiten große Fortschritte gemacht. Trotzdem ist die Prognose vor allem in fortgeschrittenen Stadien sehr ernst und durchaus mit der einer malignen Erkrankung vergleichbar.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren und ihre Bedeutung

Da die häufigste Ursache der Herzinsuffizienz die KHK darstellt, kommt den Lebensstilfaktoren und ihrer Modifikation im Sinne eines kardiovaskulären Risikofaktoren-Managements sowohl für die Entstehung als auch für die Progression der Herzinsuffizienz eine große Bedeutung zu. Dazu gehören Hochdruck, Übergewicht, Diabetes, Rauchen, Hyperlipoproteinämie, fehlende körperliche Aktivität, falsche Ernährung und auch der emotionale Stress, wobei meist mehrere ungünstige Lifestyle-Faktoren zusammenkommen. Darüber hinaus gibt es direkte Einflüsse dieser Faktoren auf das Krankheitsgeschehen, die ein therapeutisches Potenzial beinhalten.

Doch was davon ist wissenschaftlich gesichert? Dieser Frage ist ein von der American College of Cardiology Foundation verfasstes Review nachgegangen.

Körpergewicht muss um mind. 10% gesenkt werden

Von einem Stadium A oder einer „Prä-Herzinsuffizienz“ spricht man, wenn ein Patient angesichts seines kardiovaskulären Risikoprofils ein hohes Risiko trägt, an einer symptomatischen Herzinsuffizienz zu erkranken. Dass Fettleibigkeit das Risiko für eine Herzinsuffizienz deutlich erhöht, gilt angesichts der Ergebnisse zahlreicher Beobachtungsstudien als gesichert. Durch ein konstantes Körpergewicht von < 30,0 kg/m2 über 21,5 Jahre kann das Risiko für die Entstehung einer Herzinsuffizienz mit einer HR von 0,70  – also um 30% – reduziert werden. Als Erklärung dafür werden viele Mechanismen diskutiert: Antiinflammation, Blutdrucksenkung mit Verhinderung einer Hypertrophie, Verbesserung der Glukose-Hämostase und des Lipidprofils und eine Verhinderung von schlafbezogenen Atemstörungen.

Um eine kardioprotektive Wirkung zu erreichen, muss das Körpergewicht aber um mindestens 10% gesenkt werden. Wer sein Normalgewicht ein Leben lang halten kann, schützt sich vor einer Herzinsuffizienz. Ob das Körpergewicht durch Lebensstiländerungen oder durch einen bariatrischen Eingriff reduziert wird, ist im Hinblick auf das Herzinsuffizienz-Risiko unerheblich.

Jedoch haben Patienten, die bereits an einer schweren Herzinsuffizienz leiden, eine schlechtere Prognose, wenn sie an Gewicht abnehmen (Obesitas-Paradox). Man könnte also sagen: Dicke werden häufiger herzinsuffizient und sterben deshalb früher, aber wenn eine Herzinsuffizienz vorliegt, verbessert eine Obesitas die Prognose und dicke Patienten müssen seltener krankheitsbedingt hospitalisiert werden.

Viel Obst und Gemüse

 Auch eine gesunde Ernährung wirkt präventiv gegen Atherosklerose und Herzinsuffizienz, sprich mehr Obst, Gemüse und Nüsse, weniger gesättigte Fette bzw. tierische Produkte. Dies gilt vor allem für die diastolische Herzinsuffizienz. Dafür sprechen insbesondere die Ergebnisse der „Physician´s Health Study“. Dagegen dürfte eine vermehrte Aufnahme von Phosphatidyl-Cholin, wie es in rotem Fleisch, Käse und Eiern enthalten ist, ungünstig für das Herz sein. Eine günstige Wirkung der mediterranen Diät im Hinblick auf die Entstehung einer Herzinsuffizienz konnte aber nicht in allen Studien dokumentiert werden.

Sinnvoll dürfte zudem eine Restriktion der Kochsalzzufuhr sein, wobei dieser günstige Effekt hinsichtlich Herzinsuffizienz vor allem über die blutdrucksenkende Wirkung vermittelt sein dürfte. Von der amerikanischen Fachgesellschaft AHA wird für die Prävention der Herzinsuffizienz eine Höchstmenge von 1,500 mg Natrium pro Tag empfohlen (entspricht circa 3,75 g Kochsalz). Bei bereits manifest gewordener Herzinsuffizienz sollten laut Heart Failure Society of America maximal 2 bis 3 g Natrium (5 bis 7,5 g Salz) täglich aufgenommen werden. Doch es gibt Studien, die sogar einen Anstieg der Herzinsuffizienz-Inzidenz bei Kochsalzrestriktion und einen ungünstigen Effekt auf die neurohumorale Situation belegen. Deshalb ist die Kochsalzrestriktion nur eine Klasse IIa-Empfehlung.

Was nützen Nahrungsergänzungsmitteln?

 Für eine Substitution von Antioxidantien wie Beta-Carotin, Vitamin C und E ließ sich kein günstiger Einfluss auf die Manifestation der KHK belegen und für die Herzinsuffizienz gibt es bisher kaum Daten. Auch wenn eine Korrelation zwischen Coenzym Q10 und der Schwere der Herzinsuffizienz und auch dem Sterberisiko besteht, sind die Ergebnisse von Interventionsstudien mit Coenzym Q10 uneinheitlich.

So konnte durch eine Substitution zwar die linksventrikuläre Auswurffraktion (LVEF), aber nicht immer die NYHA-Klasse oder die Prognose quo ad vitam verbessert werden. Die kürzlich veröffentlichte Q-SYMBIO-Studie fand wiederum einen günstigen Effekt hinsichtlich aller kardialen Ereignisse einschließlich der Herzinsuffizienz. Auch für L-Carnitin und Taurin liegen positive Ergebnisse aus kleineren Studien vor. Das Evidenzlevel ist insgesamt aber eher niedrig.

Dasselbe gilt für Thiamin und  die anderen B-Vitamine ebenso wie für Vitamin D plus Kalzium. Letzteres konnte in einer großen Studie (Womens´s Health Initiative) bei 35,983 postmenopausalen Frauen die Entstehung einer Herzinsuffizienz nicht verhindern. Auch eine Anreicherung der Ernährung mit  stark nitratenhaltigen Nahrungsmitteln mit dem Ziel, die NO-Spiegel zu erhöhen, zeigte keinen kardialen Benefit.

Wie viel Sport?

Dass ein regelmäßiges körperliches Training und die daraus resultierende Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness die kardiovaskulären Risikofaktoren günstig beeinflusst, ist hinreichend belegt. Damit werden das KHK-Risiko und somit die Inzidenz einer Herzinsuffizienz gesenkt und zwar unabhängig vom Körpergewicht. Dies gilt sowohl für die systolische als auch für die diastolische Herzinsuffizienz. Regelmäßiges Training schützt auch vor einer stationären Behandlung wegen einer kardialen Dekompensation.

In den Leitlinien empfohlen werden 30 Minuten an 5 Tagen pro Woche oder 2,5 Stunden pro Woche Gehen mit moderater Intensität oder 75 Minuten pro Woche mit hoher Intensität. Als Ergänzung empfiehlt sich ein moderates Krafttraining.

Regelmäßige körperliche Aktivität schützt aber nicht nur vor einer Herzinsuffizienz, sie wirkt sich auch bei bereits herzinsuffizienten Patienten vorteilhaft auf die Lebensqualität, d. h. Belastbarkeit, und auch die Prognose quo ad vitam aus, dafür sprechen die Daten der HF-ACTION-Studie. Körperliches Training ist für Patienten mit diastolischer Herzinsuffizienz besonders relevant, da für dieses Krankheitsbild bisher keine evidenzbasierte medikamentöse Therapie zur Verfügung steht.

Entspannungstechniken schaden nicht

Das Spektrum der Entspannungs-Methoden ist breit. Es reicht von Tai Chi und Yoga über Meditation und Relaxationsübungen bis hin zu Akupunktur und Biofeedback. Diese Verfahren werden vor allem zum Stressabbau eingesetzt. Sie dämpfen den Sympathikus mit konsekutiver Blutdrucksenkung und beeinflussen die neurohumorale Regulation. Daher haben sie theoretisch zumindest das Potenzial, auch bei herzinsuffizienten Patienten eine günstige Wirkung zu entfalten. 

Und da sie keine Nebenwirkungen haben, können sie unabhängig von der wissenschaftlichen Bewertung empfohlen werden. Patienten, die eines dieser Verfahren einsetzen, verspüren zumindest eine subjektive Verbesserung.

Was die Evidenz betrifft, gibt es allerdings für alle diese Verfahren kaum Daten. In kleineren Studien konnte für Yoga und Meditation eine Senkung des Blutdrucks und eine Abnahme der kardiovaskulären Mortalität nachgewiesen werden. Auch konnte für Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz eine symptomatische Verbesserung gezeigt werden. Doch das Evidenzlevel ist niedrig. Weitere Studien zu diesem Thema wurden bereits initiiert.

Literatur

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