Nachrichten 07.05.2021

Herzinsuffizienz: Bessere Überlebenschancen durch spezielle Ernährung?

Bisher wird der Ernährung von hospitalisierten Herzinsuffizienzpatienten wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Offenbar zu Unrecht, wie eine Schweizer Studie deutlich macht.

Wenn sich der Ernährungszustand von Patienten mit Herzinsuffizienz verschlechtert, steigt ihr Mortalitätsrisiko. Ob Ernährungsunterstützung während eines Klinikaufenthaltes dieses Risiko verringert oder den Betroffenen aufgrund erhöhter Salz- und Flüssigkeitsaufnahme eher schadet, war bisher unklar. Schweizer Forscher entdeckten jetzt, dass individualisierte Ernährungsinterventionen im Vergleich zur normalen Krankenhausnahrung bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz das Risiko für Mortalität und schwere kardiovaskuläre Ereignisse senken können.

In die Studie der Forscher um Dr. Lara Hersberger von Kantonsspital Aarau wurden 645 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz und hohem Risiko für Unterernährung einbezogen. Letzteres wurde definiert durch niedrigen Body-Mass-Index (BMI), Gewichtsverlust und geringe Nahrungsaufnahme bei Einweisung ins Krankenhaus. Die Teilnehmer wurden 1:1 randomisiert und erhielten entweder eine individualisierte Ernährungsunterstützung, um Energie-, Protein- und Mikronährstoffziele zu erreichen, oder die Standard-Krankenhausnahrung. Primärer Endpunkt war die Gesamtmortalität nach 30 Tagen. Das Durchschnittsalter lag bei 79 Jahren, 52% waren Männer.

Mortalitätsrate steigt mit zunehmender Unterernährung

Nach 30 Tagen waren 27 der 321 Teilnehmer (8,4%) mit Ernährungsunterstützung verstorben, gegenüber 48 der 324 Kontrollpersonen (14,8%). Über 180 Tage nahm die Mortalitätsrate mit der Schwere der Unterernährung zu. Patienten mit hohem Risiko dafür profitierten am meisten von den Interventionen. Verglichen mit Personen mit moderatem Risiko für eine Mangelernährung (NRS-Score 3 bis 4) hatten Patienten mit einem hohen Risiko (NRS > 4) über 180 Tage ein signifikant um 65% erhöhtes Mortalitätsrisiko. Diejenigen mit der Ernährungsunterstützung hatten nach 30 Tagen auch ein geringeres Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (17,4% gegenüber 26,9%).

Für die Interventionsgruppe hatten Ernährungswissenschaftler individuelle Ernährungspläne erstellt, die sich auch an den jeweiligen Vorlieben der Patienten orientierten. Die Probanden erhielten sowohl in der Krankenhausküche zubereitete Nahrung als auch Nahrungsergänzungsmittel. Wenn durch orale Nahrungsaufnahme nach fünf Tagen nicht mindestens 75% der Ernährungsziele erreicht werden konnten, wurde mehr Sondennahrung eingesetzt.

Experten empfehlen Screening auf Unterernährung

„Unsere Daten legen nahe, dass bei hospitalisierten Patienten mit Herzinsuffizienz Unterernährung ein wichtiger Risikofaktor für die kurz- und langfristige Mortalität und andere klinische Ergebnisse ist“, fassen Hersberger und Kollegen zusammen. Die Ergebnisse sprechen ihnen zufolge für ein Screening auf Unterernährung bei Krankenhauseintritt dieser Patienten, gefolgt von einer individualisierten Strategie zur Unterstützung der Ernährung.

Der Ernährung werde bei Herzinsuffizienzpatienten, abgesehen von der Empfehlung einer verringerten Salzaufnahme, bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, bemerkt Dr. Sheldon Gottlieb von der Johns Hopkins Universität in Baltimore in einem Begleitkommentar. „Die Studie fügt dem noch fragmentarischen Mosaik des Patienten mit Herzinsuffizienz und Risiko für Unterernährung, der von einer Ernährungsunterstützung profitieren könnte, ein weiteres Steinchen hinzu“, ergänzt er. Gute medizinische Versorgung bedeute, dass alle hospitalisierten Patienten eine standardisierte Beurteilung des Ernährungszustandes verdienen. Die Herausforderung bleibe: Wie lässt sich bestimmen, welcher Herzinsuffizienzpatient mit Risiko für Unterernährung von einer Ernährungsintervention profitiert?

Literatur

Hersberger L et al. Individualized Nutritional Support for Hospitalized Patients With Chronic Heart Failure. Journal of the American College of Cardiology 2021. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2021.03.232

Gottlieb S. Food and Pharma: Linking 2 Silos of Heart Failure Research and Therapy. Journal of the American College of Cardiology 2021. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2021.03.311

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