Nachrichten 01.03.2022

Herzinsuffizienz: Was nützt die Supplementierung von Mikronährstoffen?

Niederländische Forscher weisen auf häufigen Mikronährstoffmangel bei Herzinsuffizienz-Patienten hin. Eine entsprechende Supplementierung könnte ihnen zufolge eine potenzielle, zukünftige Behandlungsstrategie sein.

Ernährung ist ein wichtiger Teil der kardiovaskulären Prävention. Bei Patienten, die bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, sind Empfehlungen dazu, abgesehen von cholesterin- und salzarmen Lebensmitteln, aber eher selten. Ein neues Review aus den Niederlanden legt jetzt nahe, dass eine Mikronährstoff-Supplementierung mit Coenzym Q10, Zink, Kupfer, Selen und Eisen das Herz von Patienten mit Herzinsuffizienz stärken könnte, indem sie die Funktion der Mitochondrien verbessert.

Stoffwechselstörungen mit verminderter Herzleistung assoziiert

Die Mediziner um Dr. Nils Bömer von der Universität Groningen analysierten die dazu verfügbare Forschung der vergangenen Jahrzehnte und konnten zeigen, dass Stoffwechselstörungen wiederholt mit einer eingeschränkten Herzleistung assoziiert waren. Ihnen zufolge könnte das daran liegen, dass diese Störungen zu einem fortschreitenden Abbau von kardialem Adenosintriphosphat (ATP) und einem Verlust kardialer Energie führen.

Die These von Bömer et al. ist, dass eine Supplementierung mit Mikronährstoffen diesem kardialen Energiemangel möglicherweise entgegenwirken könnte. „Die Mitochondrien mit zusätzlichen Energiesubstraten wie Fettsäuren, Glukose oder Ketonen zu versorgen, nützt nichts, wenn diese nicht in der Lage sind, die Energiesubstrate in Energie umzuwandeln“, geben sie zu bedenken. Mikronährstoffe seien notwendig, um Makronährstoffe effizient in ATP zu verwandeln.

Hinweise auf Mikronährstoffmangel bei Herzinsuffizienz

Normalerweise liefert eine gesunde Ernährung genug Mikronährstoffe, in Querschnittsstudien weisen jedoch bis zu 50% der Patienten mit Herzinsuffizienz einen Mangel an einem oder mehreren davon auf. „Mikronährstoffmangel hat einen großen Einfluss auf die mitochondriale Energieproduktion und sollte als zusätzlicher Faktor bei Herzinsuffizienz berücksichtigt werden“, fordern Bömer und sein Team. Die neuen Erkenntnisse würden den Blick auf das schwache Herz verändern, indem sie das Bild eines „Motors ohne Treibstoff“ ersetzen durch das Bild eines „defekten Motors auf dem Weg zur Selbstzerstörung“.

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Supplementierung mit Mikronährstoffen – vorzugsweise gebündelt statt einzeln – eine potenzielle Strategie bei der Therapie von Patienten mit Herzinsuffizienz sein könnte“, resümieren Bömer et al. Neue Strategien seien dringend notwendig, da die aktuellen Behandlungen nicht in der Lage seien, die Krankheitslast zu beseitigen. Zunächst seien jedoch gut konzipierte Studien erforderlich, um die Wirkung einer solchen Nahrungsergänzung auf das Wohlbefinden und Überleben von Herzinsuffizienz-Patienten zu beurteilen.

Das empfehlen die Leitlinien

„Von den fünf im Review berücksichtigten Mikronährstoffen Coenzym Q10, Zink, Kupfer, Selen und Eisen ist nur Eisen Teil der täglichen Praxis eines Arztes mit Herzinsuffizienz-Patienten“, ergänzt Prof. Nicolas Girerd von der Université de Lorraine in Nancy in einem begleitenden Kommentar. In den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie von 2021 werde empfohlen, Herzinsuffizienz-Patienten regelmäßig auf Eisenmangel zu untersuchen und eine intravenöse Eisensupplementierung bei bestimmten symptomatischen Patienten in Betracht zu ziehen. Darüber hinaus empfehlen die europäischen Leitlinien keine Nahrungsergänzung.

In einem Konsensuspapier der Heart Failure Society of America (HFSA) heißt es, dass „außer bei Patienten, die einen Mangel an Eisen oder anderen spezifischen Mikronährstoffen haben, es keine klare Rolle für die routinemäßige Mikronährstoff-Supplementierung als Komponente des Herzinsuffizienz-Managements gibt.“ Girerd beurteilt das neue Review jedoch als „überzeugende Evidenz“, sodass der nächste logische Schritt sei, große Studien durchzuführen, in denen festgestellt werde, ob eine Multimikronährstoff-Supplementierung einen klinischen Nutzen habe.

Literatur

Bömer N et al. Micronutrient deficiencies in heart failure: Mitochondrial dysfunction as a common pathophysiological mechanism?. Journal of Internal Medicine 2022. https://doi.org/10.1111/joim.13456

Girerd N. Is the correction of micronutrient deficiencies the next step in heart failure management?. Journal of Internal Medicine 2022. https://doi.org/10.1111/joim.13455

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