Nachrichten 16.03.2022

Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern: Was ist die Henne, was das Ei?

Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern gehen oft Hand in Hand. Doch was bringt beides zusammen: Triggert Herzinsuffizienz die Arrhythmie oder ist es umgekehrt? Eine neue Studie verschafft jetzt genauere Einblicke in die zeitlichen Zusammenhänge zwischen beiden kardialen Erkrankungen.

Etwa jeder dritte Patient mit Herzinsuffizienz hat auch noch Vorhofflimmern. Die Frage, was in dieser Koexistenz Ursache und Wirkung ist, beschäftigt die Forschung schon seit geraumer Zeit. Dazu liefert eine aktuelle Analyse der MultiSENSE-Studie nun neue Erkenntnisse.

Danach waren bei Patienten mit Herzinsuffizienz mithilfe eines speziellen Diagnosetools schon vor dem Auftreten von Vorhofflimmern diskrete Signale für eine sich entwickelnde Verschlechterung der Herzinsuffizienz messbar. Wenn es im Zusammenhang damit dann zu länger anhaltendem Vorhofflimmern kam, waren in der Folge auch mehr klinische Herzinsuffizienz-Ereignisse zu verzeichnen.

Nach Ansicht der Studienautoren sprechen die Ergebnisse nicht nur für eine „bidirektionale Interaktion“ zwischen Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern, sondern „auch für die Rolle einer progredienten Verschlechterung der Herzinsuffizienz als möglicher Ursache von Vorhofflimmern, das die kardiale Funktion weiter verschlechtert“. Das würde bedeuten, dass die Herzinsuffizienz doch so etwas wie die „Henne“ und Vorhofflimmern das „Ei“ in dieser Interaktion sein könnte.

Spezielle Diagnosetool für die Früherkennung genutzt

Basis der aktuellen Analyse bilden Daten aus der MultiSENSE-Studie (Multisensor Chronic Evaluation in Ambulatory Heart Failure Patients). Primär sollte in dieser Studie geprüft werden, ob sich mithilfe eines speziellen Sensor-Systems (HeartLogic, Boston Scientific) die Früherkennung von Verschlechterungen einer bestehenden Herzinsuffizienz bei Patienten mit HFrEF (Heart Failure with reduced Ejection Fraction) verbessern lässt.

Das in implantierte Devices für die kardiale Resynchronisationstherapie (CRT-D) oder Defibrillation (ICD) integrierte Diagnosetool kombiniert Sensordaten bezüglich Parameter wie Herztöne, Atemfrequenz und -volumen, thorakale Impedanz, Herzfrequenz und Aktivität und wertet diese aus. Ein Algorithmus bildet daraus einen Index, der es ermöglichen soll, frühe Warnsignale für eine symptomatische Verschlechterung der Herzinsuffizienz zu erkennen.

Für die neue MultiSENSE-Analyse haben Studienautoren um Dr. Alessandro Cappucci von der Università Politecnica delle Marche in Ancona Daten von 869 Patienten mit Daten zur möglichen Präsenz von Vorhofflimmern herangezogen. Je nach längster täglicher Dauer der ersten registrierten Vorhofflimmern-Episode („AF burden“) wurden die Patienten in drei Gruppen eingeteilt, ja nachdem, ob die vom CRT-D/ICD-Device gemessene Arrhythmiedauer mehr als 24 Stunden (HIGH AF-Gruppe, n = 98), zwischen 6 Minuten und 24 Stunden (MID AF-Gruppe, n = 141) oder weniger als 6 Minuten (NO AF-Gruppe, n = 630) betrug. Die mediane Follow-up-Dauer lag bei 393 Tagen.

Warnsignale für Verschlechterung der Herzinsuffizienz vor Auftreten von Vorhofflimmern

In der HIGH AF-Gruppe nahm der HeartLogic-Index als Indikator für eine Herzinsuffizienz-Verschlechterung in den 90 Tagen vor dem Auftreten der ersten mehr als 24-stündigen Vorhofflimmern-Episode progredient zu (p < 0,001). In der NO AF-Gruppe ging dagegen in dieser Zeit von den Sensor-Daten kein entsprechendes Warnsignal für eine Verschlechterung aus.

Nach Auftreten von Vorhofflimmern war das Risiko für Herzinsuffizienz-Ereignisse in Abhängigkeit von der Arrhythmiedauer deutlich erhöht (p < 0,001). Im Zeitraum von 180 Tagen nach der ersten registrierten Vorhofflimmern-Episode betrug die Rate an entsprechenden Ereignissen 21,6% in der HIGH AF-Gruppe, 13,8% in der MID AF-Gruppe und 9,0% in der NO AF-Gruppe.

Künftige Studien müssten nun zeigen, ob bei Patienten, bei denen sich gemäß Sensor-Daten der Herzinsuffizienz-Status zu verschlechtern droht, eine optimierte Herzinsuffizienz-Therapie Vorhofflimmern-Ereignisse verhindern kann, so Cappucci und seine Mitautoren.

Literatur

Cappucci A. et al. Temporal Association of Atrial Fibrillation With Cardiac Implanted Electronic Device Detected Heart Failure Status. J Am Coll Cardiol EP 2022; 8:182–193

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