Nachrichten 22.07.2019

Bluthochdruck auch an der Genese von Herzklappendefekten beteiligt

Bluthochdruck erhöht nicht nur das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt. Hypertone Blutdruckwerte scheinen auch in ursächlicher Beziehung zu Herzklappenerkrankungen zu stehen, wie Ergebnisse einer auf Genanalysen basierenden Studie nahelegen.

Wer lebenslang einem erhöhten systolischen Blutdruck ausgesetzt ist, hat ein höheres Risiko als seine normotonen Mitmenschen, an Herzklappenerkrankungen wie Aortenstenose zu erkranken. Das geht aus Ergebnissen einer Studie hervor, deren Autoren sich die Methode der sogenannten Mendelschen Randomisierung zunutze gemacht haben. Sie basiert auf der natürlichen Zufallsverteilung von mit bestimmten Erkrankungen assoziierten Genvarianten.

Mit dieser Methode können Menschen anhand von genetischen Markern (Polymorphismen), die mit  einer lebenslangen Exposition gegenüber beeinflussbaren Risikofaktoren – in diesem Fall erhöhte systolische Blutdruckwerte – einhergehen, randomisiert werden. Kann dann eine Assoziation zwischen den genetischen Markern und einer Erkrankung – in diesem Fall Herzklappendefekte – nachgewiesen werden, spricht dies stark für eine kausale Beziehung zwischen Exposition und Erkrankung. Kausalität definitiv beweisen kann allerdings auch diese Methode letztlich nicht.

Forscher um Dr. Kazem Rahimi von der Universität Oxford haben in ihrer Studie Daten von 329.237 gentypisierten Personen aus der UK Biobank analysiert. Berücksichtigt wurden nur weißhäutige Menschen britischer Abstammung im Alter zwischen 40 und 96 Jahren, die zwischen 2006 und 2010 rekrutiert worden waren. Von ihnen mussten zudem Ergebnisse valider Blutdruckmessungen vorliegen. Die Analyse erfolgte zwischen Juni 2018 und Januar 2019.

Blutdruck auf Basis von 130 Genvarianten bestimmt

Unter den  Teilnehmern waren 3570 (1,08%) mit diagnostizierter Herzklappenerkrankung. Davon hatten wiederum 1491 (0,45%) eine Aortenklappenstenose, 634 (0,19%) eine Aortenklappeninsuffizienz und 1736 (0,53%) eine Mitralinsuffizienz.

Zur genetischen Bestimmung des Blutdrucks wurden insgesamt 130 Genvarianten (SNP, Single-Nucleotide Polymorphisms) ausgewählt, für die in genomweiten Assoziationsstudie mit insgesamt mehr als eine Million Teilnehmern europäischer Abstammung eine Assoziation mit dem systolischen Blutdruck nachgewiesen worden ist. Auf Basis dieser SNPs wurde ein genetischer Risikoscore (GRS) gebildet, der stellvertretend Auskunft über den systolischen Blutdruck der Teilnehmer geben sollte.

Risiko für Klappendefekte um das Dreifache erhöht

Ergebnis: Mit jeder anhand des GRS voraussagbaren Zunahme des systolischen Blutdrucks um 20 mmHg  erhöhte sich das Risiko für eine Aortenklappenstenose um mehr als das Dreifache (Odds Ratio [OR] 3,26; 95% Konfidenzinterval [CI] 1,50-7,10, p=0,002). Für die Aortenklappeninsuffizienz ermittelten die Forscher eine „statistisch weniger robuste“ Risikoerhöhung um den Faktor 2,5  (OR 2,59; 95% CI 0,75-8,92, p=0,13). Nicht ganz so stark war die Assoziation zwischen entsprechender systolischer Blutdruckerhöhung und Mitralklappeninsuffizienz (OR 2,19; 95% CI 1,07- 4,47 p=0,03).

Bezogen auf alle drei Klappendefekte ergab sich eine Risikoerhöhung um nahezu das Dreifache (OR 2,85; 95% CI 1,69-4,78, p < 0,001). Vorgenommene Adjustierungen für diverse Variablen änderten nur wenig an diesen relativ konsistenten Assoziationen.

Assoziationen zwischen Blutdruckerhöhung und Herzklappenerkrankungen waren schon aus früheren Beobachtungsstudien bekannt. Die methodisch als höherwertig einzuschätzende Studie der Arbeitsgruppe um Rahimi verleiht nun der These, dass diese Assoziationen kausaler Natur sind, stärkeren Rückhalt.

Taugt Blutdrucksenkung zur Prävention?

Nach Einschätzung der Studienautoren  ähnelt die Assoziation zwischen Bluthochdruck und Herzklappenerkrankungen der zwischen Bluthochdruck und Erkrankungen wie Schlaganfall, Herzinsuffizienz und KHK. Da sich bezüglich letzterer Erkrankungen eine antihypertensive Therapie in der Primär- und Sekundärprävention als wirksam erwiesen habe, sei die Annahme gerechtfertigt, dass Blutdrucksenkung auch bezüglich der Vorbeugung von Herzklappenerkrankungen effektiv sein könnte, so Rahimi und seine Forscherkollegen. Das ist aber noch zu beweisen. Mangels randomisierter Studien sind in den Leitlinien derzeit keine spezifischen Empfehlungen zur medikamentösen Prävention von Herzklappendefekten enthalten.

Literatur

Nazarzadeh M. et al.: Systolic Blood Pressure and Risk of Valvular Heart Disease - : A Mendelian Randomization Study. JAMA Cardiol 2019, online 10. Juli. doi:10.1001/jamacardio.2019.2202