Interviewt wurde:

PD Dr. David Duncker

Medizinische Hochschule Hannover

Interview: Joana Schmidt

Onlineartikel 05.11.2019

Digital Health – neue Tools im klinischen Alltag?

Apps, Wearables, Tattoo-Elektroden – gerade in der Rhythmologie gibt es viele neue Screening-Verfahren. Wir sprachen mit PD Dr. David Duncker aus Hannover über Chancen und Risiken digitaler Helfer.


Welche neuen digitalen Tools gibt es in der Rhythmologie?

Duncker: Besonders interessant sind die Möglichkeiten zur Rhythmusanalyse. Handelsübliche Smartphones oder Smartwatches können Rhythmusstörungen identifizieren und sogar EKGs dokumentieren. Diverse Apps können per Photoplethysmografie sehr genau den Puls analysieren und einen unregelmäßigen Rhythmus detektieren. Dazu wird mit einer handelsüblichen Smartphonekamera der Puls an der Fingerbeere registriert. Neuere Technologien können das auch bei einer Aufzeichnung des Gesichts, quasi mit einem „Selfie“. Für den Rhythmologen sind aber insbesondere Möglichkeiten der EKG-Dokumentation vielversprechend, bei denen sich über ein EKG-Pad, einen EKG-Stick oder eine Smartwatch ein Ein- oder Mehrkanal-EKG ableiten lässt, das eine echte und gute EKG-Diagnostik ermöglicht.


Welchen Mehrwert bieten sie?

Duncker: Der Mehrwert der sog. „Wearables“ ist, dass sie eine stark erweiterte Diagnostik ermöglichen. Da wir alle unsere Handys den ganzen Tag dabei haben, können diese wertvolle Daten zur Herzfrequenz oder Aktivität liefern, aber auch Herzrhythmusstörungen identifizieren. Die häufigste ist Vorhofflimmern, dafür empfehlen unsere Leitlinien bereits jetzt in hohem Maße ein opportunistisches oder sogar systematisches Screening. Das wird durch die neuen Wearables sehr einfach, effektiv und in großen Populationen ermöglicht.


Entstehen damit auch neue Risiken?

Duncker: Mit diesen Technologien ändern sich grundlegende Dinge: Üblicherweise sehen wir als Ärzte meist symptomatische Patienten und empfehlen ihnen zur weiteren Abklärung die jeweilige Diagnostikmethode. Die neuen Technologien verordnet aber nicht mehr der Arzt, sondern alle Anwender entscheiden selbst. Das heißt nicht nur Patienten können solche Devices nutzen, egal ob sie für den Einzelnen sinnvoll sind oder nicht. Das generiert eine Datenflut, die nach Relevanz sortiert werden müsste. Hierfür fehlen in unserem Gesundheitssystem aber Ressourcen. Auch gibt es bei jeder Messmethode immer falsch positive und falsch negative Befunde, die bei großen Populationen, etwa Millionen Smartphonenutzern, dann auch großen Zahlen entsprechen. Es ist wichtig, dass wir uns als Kardiologen mit den neuen Technologien auseinandersetzen, ihre Vorteile nutzen und Nachteile unter Kontrolle behalten.


Wie funktioniert ein Elektroden-Tattoo?

Duncker: Diese Technologie befindet sich noch in der Entwicklung. Tattoo-Elektroden sind ultradünne Klebeelektroden, die über längere Zeit auf der Haut bleiben können. Sie lassen sich für EMG-, EEG-, aber auch für EKG-Ableitungen nutzen. Die Schichtdicke ist so gering (<1 µm), dass sogar Haare hindurchwachsen können. In der EKG-Diagnostik kann man sich den Einsatz bei Patienten vorstellen, die eine möglichst stabile oder langfristige Elektrodenposition brauchen.


Wann sind Smartphone-basierte EKGs sinnvoll?

Duncker: Bei Patienten mit paroxysmalen Tachykardien, bei denen eine EKG-Dokumentation zur Diagnosestellung mühsam und langwierig sein kann. Zum Monitoring von Patienten mit bekannten Arrhythmien, zum Beispiel um die Arrhythmielast zu messen, oder nach erfolgter Katheterablation. Besonders geeignet sind die Devices zum Screening auf Vorhofflimmern. Ein opportunistisches EKG-Screening wird heute für über 65-Jährige empfohlen, für 75-Jährige wird ein systematisches EKG-Screening auf Vorhofflimmern empfohlen. Dafür eignen sich diese Systeme gut.


Sind die neuen Anwendungen schon alltagstauglich?

Duncker: Die neuen EKG-Möglichkeiten liefern schon jetzt eine exzellente Qualität und sind absolut alltagstauglich, einige sind als Medizinprodukt zugelassen. Die Herausforderung wird künftig sein, diese Tools gezielt und sinnvoll zu integrieren und so einen Mehrwert zu generieren wie schnellere, sparsamere oder breitere Diagnostik.

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David Duncker/© DGK