Nachrichten 30.07.2021

Linksschenkelstimulation macht traditioneller Schrittmachertherapie Konkurrenz

Kann die Linksschenkelstimulation eine Alternative zur traditionellen rechtsventrikuläre Herzschrittmacher-Stimulation sein? In einer großen Kohortenstudie hat die neue Methode bei ausgewählten Patienten jedenfalls bessere klinische Ergebnisse erzielt.

Für Patienten, die wegen einer Bradykardie-Indikation einen Schrittmachertherapie benötigen, könnte die Linksschenkelstimulation die bessere Pacing-Option darstellen als eine traditionelle rechtventrikuläre Stimulation. Das legen die neuesten Ergebnisse einer großen Registerstudie nahe.

Physiologische Stimulation mit Vorteilen

Die Linksschenkelstimulation ist eine recht neue Stimulationstechnik, bei der die Schrittmacher-Sonde im Bereich der Linksschenkelregion implantiert wird. Gegenüber der rechtsventrikulären Simulation hat das den Vorteil, dass das natürliche Reizleitungssystem stimuliert wird. Die Erregung der Ventrikel läuft dadurch physiologischer und synchroner ab. 

Die klassische rechtsventrikuläre Stimulation ist dagegen mit altbekannten Problemen behaftet: Es besteht ein Risiko für die Entwicklung einer Herzinsuffizienz, für eine gesteigerte Mortalität und es wird häufig ein Upgrade auf eine biventrikuläre Stimulation erforderlich. Deshalb wird schon länger nach alternativen Pacing-Methoden gesucht, und die Linksschenkelstimulation könnte ein aussichtsreicher Kandidat sein.

Besseres klinisches Outcome mit Linksschenkelstimulation

Denn wie Studienautor Prof. Parikshit Sharma nun beim Kongress der Heart Rhythm Society (HRS) berichtete, war eine Stimulation in der Linksschenkel-Region (left bundle branch area pacing, LBBAP) in Bezug auf den primären Endpunkt der rechtsventrikulären Stimulation deutlich überlegen. Im primären Endpunkt waren Todesfälle, Herzinsuffizienz-Klinikeinweisungen und notwendige Upgrades auf ein biventrikuläre Stimulation zusammengefasst.

Während des durchschnittlichen Follow-up von 583 Tagen kam es bei 10,0% der Patienten mit einer LBBAP zu einem solchen Ereignis, in der Gruppe mit rechtsventrikulärer Stimulation waren 23,3% der Patienten betroffen. Damit war die LBBAP im Vergleich zur gängigen Schrittmachertherapie mit einem um 54% geringerem Risiko für den kombinierten primären Endpunkt assoziiert (Hazard Ratio, HR: 0,46; p˂ 0,001). Am deutlichsten sei die Risikoreduktion bei den Herzinsuffizienz-Einweisungen ausgefallen, berichtete Sharma, hier lagen die Raten bei 3,7% vs. 10,5% (HR: 0,38; p=0,004).

Insgesamt 703 Patienten waren aus dem Geisinger-Rush Conduction System Pacing-Register für die Analyse berücksichtigt worden: 321 hatten eine Schrittmachertherapie mit LBBAP, 382 eine klassische rechtsventrikuläre Stimulation erhalten.

Mit Blick auf die einzelnen Subgruppen wird deutlich, dass vor allem Patienten mit einer zu Beginn hohen ventrikulären Stimulationslast von der LBBAP profitierten. Denn bei einer Last von ≥ 20% und ≥ 40% waren die Vorteile für die LBBAP am deutlichsten ausgeprägt.

Keine Randomisierung und Unterschiede bei Patientencharakteristika

Als Limitation der Studie ist vor allem die fehlende Randomisierung zu nennen. Das erklärt auch die zwischen beiden Gruppen bestehenden Unterschiede in den Patientencharakteristika, wobei in der Gruppe mit LBBAB die höhere Stimulationslast bestand. „Die Ergebnisse der Studie sollten deshalb mit etwas Vorsicht interpretiert werden“, gab Sharma am Ende seines Vortrages zu bedenken.

In der anschließenden Diskussion stellte der US-Kardiologe zudem klar, dass die Linksschenkelstimulation nicht ohne Limitationen ist. Es sei eine relativ neue Methode, gab er zu bedenken, deshalb gebe es noch offene Fragen, beispielsweise wie häufig Komplikationen wie Elektrodenperforationen in den linken Ventrikel vorkommen, wie es mit den Langzeitperformance aussieht, wie sich die Sonde extrahieren lässt usw. Die technische Erfolgsrate wurde im Rahmen der Registerstudie im Übrigen nicht erfasst, wie Sharma auf Nachfrage mitteilte.

Der Kardiologe sieht in den neuesten Daten aber auch eher ein Signal dafür, dass die Linksschenkelstimulation mit der His-Bündel-Stimulation mithalten könnte. Die His-Bündel-Stimulation erlaubt ebenfalls eine physiologische Erregung der Ventrikel. Die Methode ist schon etwas länger im Einsatz. Einen randomisierten Vergleich zwischen beiden Stimulationsarten gibt es bisher nicht.

Literatur

Sharma P: Clinical Outcomes Of Left Bundle Branch Area Pacing Compared To Right Ventricular Pacing: Results From The Geisinger-Rush Conduction System Pacing Registry. Kongress der Heart Rhythm Society (HRS 2021), 28. - 31. Juli 2021, Boston.

Highlights

Neuer Podcast: Kardiovaskuläre Prävention – zwischen Mythen und Fakten

Neuer Podcast auf Kardiologie.org! In der zweiten Ausgabe mit Prof. Ulrich Laufs geht es um gängige Irrtümer in der kardiovaskulären Prävention, um immer neue Empfehlungen zu Eiern und um die Frage: Statine – ja oder nein?

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Der DGK.Online-Kongress 2022 geht weiter: Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Myokarditis nach COVID-19-Impfung: Viel bessere Prognose als nach Virusmyokarditis

Myokarditis ist nicht gleich Myokarditis – das zeigen neue Daten aus Hongkong: Das Sterberisiko nach impfassoziierten Myokarditiden war nämlich um ein vielfaches geringer als nach viralbedingten Herzmuskelentzündungen. Das ist beruhigend, wenngleich sich über die Vergleichsgruppe streiten lässt.

Metaanalyse: ADHS-Medikamente bergen keine Gefahr für das Herz

Der Verdacht steht im Raum, dass Medikamente zur ADHS-Therapie das kardiovaskuläre Risiko erhöhen könnten. Die Ergebnisse einer Metaanalyse mit knapp 4 Millionen Teilnehmern sorgen nun für Beruhigung, wenngleich die Autoren nicht alle Unsicherheiten klären konnten. 

Neue TAVI-Aortenklappe mit gutem Leistungsprofil in der Praxis

Ein neues und technisch verbessertes Klappensystem für die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) hat im Hinblick auf Sicherheit und Effektivität in einer Registeranalyse gute Leistungsmerkmale gezeigt.

Aus der Kardiothek

Influenzaimpfung in der kardiologischen Praxis: Tipps zur Umsetzung und Abrechnung

Auch in der kardiologischen Praxis können Patienten/Patientinnen gegen Influenza geimpft werden. Prof. Jörg Schelling erläutert, was Sie bei der Umsetzung beachten sollten und gibt Tipps zur Abrechnung.

Update Amyloidose: Red Flags, Diagnose und Therapie

Die Dunkelziffer bei der ATTR-Amyloidose ist groß. Umso wichtiger ist es, dass Kardiologen/Kardiologinnen die typischen Beschwerden kennen und erkennen. Prof. Wilhelm Haverkamp gibt Tipps zur Diagnosestellung und Behandlung und klärt wichtige Fragen zur Erstattung.

Hätten Sie es erkannt?

Intravaskuläre koronare Bildgebung mittels optischer Kohärenztomografie eines 46-jährigen Patienten nach extrahospitaler Reanimation bei Kammerflimmern. Was ist zu sehen?

Neueste Kongressmeldungen

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Schwere PAVK: Ist Bypass-OP hier vorteilhafter als endovaskuläre Therapie?

Ohne Revaskularisation droht PAVK-Patienten mit kritischer Extremitätenischämie die Amputation. Welches Verfahren – chirurgischer Bypass oder endovaskuläre Therapie – ist dann die beste Wahl? Die randomisierte BEST-CLI-Studie liefert dazu jetzt evidenzbasierte Entscheidungshilfe.

Was nützt spezielles Fischöl ergänzend zur Statintherapie?

Neue Daten zur Wirksamkeit eines speziellen Fischöls (Icosapent-Ethyl) heizen die Debatte um diese Therapieoption erneut an. In der RESPECT-EPA-Studie deutet sich ein prognostischer Nutzen an, das Ergebnis dürfte in Deutschland aber erstmal keine bedeutsame Rolle für die Praxis spielen.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Podcast-Logo
DGK.Online 2022/© DGK
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
Kardio-Quiz Oktober 2022/© PD Dr. Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk