Nachrichten 22.06.2016

Elektronischer Diebstahlschutz bleibt für Schrittmacherpatienten riskant

Auch neuere elektronische Warensicherungssysteme können für Schrittmacher- und ICD-Patienten zum Risiko werden, wenn sie sich in deren unmittelbarer Nähe länger aufhalten. Darauf deutet eine neue experimentelle Studie hin.

Elektronische Warensicherungssysteme zum Diebstahlschutz (elektronische Artikelsicherung, EAS) können in seltenen Fällen dazu führen, dass Herzschrittmacher außer Takt geraten und einzelne Stimulationen oder ganze Serien von Stimulationen auslassen. Auch eine Abgabe inadäquater Schocks durch ICD-Systeme ist beschrieben.

Zulassungsbehörden wie die US-amerikanische FDA weisen deswegen schon seit vielen Jahren darauf hin, dass sich Patienten mit kardialen Implantaten nicht für längere Zeit in unmittelbarer Nähe von EAS-Konsolen aufhalten sollen bzw. sich insbesondere nicht an diese Konsolen anlehnen sollten.

Fokus auf neuere EAS-Systeme

Wissenschaftler um Prof. Robert Stevenson von Greatbatch Medical in Santa Clara, Kalifornien, haben jetzt in Kooperation mit Technikern vom Georgia Tech Research Institute in Atlanta untersucht, ob und wenn ja in welchen Situationen auch die neueren EAS-Systeme kardiale Implantate noch gefährden. Sie unterschieden dabei klassische Systeme mit zwei Detektoren am Ausgang, außerdem in den Boden sowie in den Türrahmen oder die Wand eingelassene Systeme.

Die Testvorrichtung sah so aus, dass Schrittmacher und ICD-Systeme unterschiedlicher Hersteller in einen kleinen Tank platziert wurden, in dem sich Salzlösung befand. So sollte das elektrische Milieu des menschlichen Körpers simuliert werden, ohne dass Patienten einer Gefahr ausgesetzt wurden.

Auch heute noch Störungen möglich

Ähnlich wie in früheren Untersuchungen zeigte sich, dass unabhängig vom Hersteller auch heute noch Störungen sowohl bei Schrittmachern als auch ICD-Geräten auftreten können, wenn diese zu nah an die Sende-/Empfangseinheiten des EAS-Systems kommen. Bei klassischen Detektor-EAS-Systemen machten vor allem unipolare Implantate Probleme: Es kam zu einer anhaltenden Hemmung des Pacings sowie bei ICD-Geräten zu inadäquaten Entladungen.

Auch bei bipolaren Systemen traten Probleme auf, insbesondere inadäquate Schocks und antitachykardes Pacing, nicht dagegen prolongierte Komplettausfälle von Schrittmachern. Im Zweifel raten die Wissenschaftler vor diesem Hintergrund zu bipolaren Systemen, wenn ein unipolares System nicht zwingend nötig ist.

Bei den in die Wand, Tür oder Boden eingelassenen Systemen konnten bisher keine Interferenzen festgestellt werden, allerdings laufen die Tests noch. Dass diese Systeme grundsätzlich sicher sind, glauben die Wissenschaftler nicht. Allerdings kommen Patienten an diese Systeme im Alltag in der Regel nicht so nah heran wie an EAS-Systeme mit klassischen Detektoren.

Kritik an versteckten EAS-Systemen

Problematisch bei in den Boden eingelassenen Systemen könne es werden, wenn Patienten in einem Sessel im Verkaufsraum mit leichter Rückenlage Platz nehmen. Denn dann nähern sie sich erstens dem Boden an, und zweitens werde der Winkel zwischen Implantat und Sende-/Empfangseinheit im Boden sehr ungünstig.

Die Experten kritisieren auch, dass EAS-Systeme zunehmend hinter Werbetafeln versteckt oder in Einrichtungsgegenstände integriert werden. Denn so können Patienten nicht mehr ohne weiteres erkennen, wo die Sende-/Empfangseinheiten sind. 

Literatur

Poster „Electronic article surveillance systems remain a potential threat to CIED patients”, vorgestellt von Professor Robert Stevenson in der Poster Session 16, Kongress CARDIOSTIM - EHRA EUROPACE 2016, 8.–11. Juni 2016, Nizza

European Society of Cardiology; Electronic anti-theft systems remain a threat to cardiac device patients. ESC-Pressemeldung vom 8. Juni 2016.

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen