Nachrichten 30.12.2021

Warum eine Device-Abfrage nach dem Tod hilfreich sein kann

Internationale Leitlinien empfehlen bei verstorbenen Patienten mit implantierten kardialen Devices postmortem eine Geräteabfrage vorzunehmen. Australische Kardiologen berichten nun über ihre 15-jährige Erfahrung mit einer solchen Praxis und kommen zu einem eindeutigen Resümee.

Eine postmortem Abfrage kardialer implantierter elektronischer Geräte (CIED) kann nützliche Informationen liefern – sowohl auf individueller als auch auf Bevölkerungsebene, sowohl für die kardiologische als auch für die forensische Arbeit. Zu diesem Schluss kommen australische Kardiologen um Dr. Elizabeth Paratz nach Auswertung eines sich über 15 Jahre erstreckenden Datensatzes.

Die Analyse erstreckt sich von 2005 und 2020 und beinhaltet Befunde von 260 verstorbenen Patienten, bei denen an dem Victorian Institut für forensische Medizin im Zuge einer Autopsie eine Abfrage ihres implantierten Devices vorgenommen wurde (202 Schrittmacher, 56 ICDs, 2 Loop-Rekorder). Alle Patienten sind wegen eines plötzlichen oder unerklärbaren Todes obduziert worden. Die Device-Abfrage gelang bei fast allen Verstorbenen (98,5%).

Erkenntnisse für kardiologische Arbeit

Letztlich ließen sich dadurch bei über der Hälfte (50,4%) aller Fälle neue Erkenntnisse zur Todesursache gewinnen. „Die wichtigste Implikation für die kardiale Praxis sowohl auf individueller Patientenebene als auch auf Bevölkerungsebene war der Befund, dass größere technische Störungen bei einigen CIEDs möglicherweise zum Todes des Patienten beigetragen haben“, berichten Paratz und Kollegen über ihre Ergebnisse.

In 20 Fällen – also bei 7,7% – war postmortem eine technische Störung des Gerätes feststellbar. In zwei Fällen war diese eindeutig auf eine beschädigte ICD-Sonde zurückführbar. Bei 13 Personen hat die antitachykarde Therapiefunktion trotz ventrikulärer Arrhythmie nicht ausgelöst, in 6 Fällen, weil der Herzrhythmus nicht korrekt wahrgenommen wurde. Bei 5 Patienten hatte der ICD die Kammerarrhythmie zwar erkannt, doch er hat nicht stimuliert, weil die Frequenz des Kammerflimmerns niedriger war als die programmierte Erkennungszone. Den behandelten Kardiologen und Gerätehersteller diesbezüglich Feedback zu geben, habe eine große klinische Bedeutung, heben Paratz und Kollegen die Relevanz solcher Befunde hervor.

Gab es Vorboten für den Tod?

Des Weiteren ließ sich bei knapp einem Drittel (27,7%) der verstorbenen Patienten durch die Device-Abfrage feststellen, dass bei ihnen in den 30 Tagen vor ihrem Tod Herzrhythmusstörungen aufgetreten waren. Dazu gehörten nicht anhaltende ventrikuläre Tachykardien (bei 26 Patienten), schnelles Vorhofflimmern (n=17), Empfehlungen zum Batteriewechsel (Elective Replacement Indicator) oder End-of-Life-Status (n=22), Aktivierung der intrathorakalen Impedanz-Alarmfunktion (n=3), Probleme mit den Sonden (n=3) oder abgegebene Therapien (n=1). Hätte man bei diesen Patienten das Risiko besser vorhersehen können, beispielsweise durch eine telemedizinische Deviceabfrage? Paratz und Kollegen bezweifeln das. Die Mehrheit der vorangegangenen Störungen sei gutartig und selbstlimitierend verlaufen, ordnen sie ein. Nur ein Patient habe aufgrund einer Kammerarrhythmie eine Stimulation erhalten. „In dieser Patientenkohorte hätte ein Remotemonitoring wenn überhaupt nur wenige Todesfälle verhindern können“, folgern die Autoren daraus. Die Kardiologen weisen aber darauf hin, dass Studien zufolge eine Fernüberwachung kardialer Implantate Vorteile wie ein verbessertes Outcome und weniger Kosten bieten kann.

Todeszeitpunkt und Identität

Neben den für die kardiologische Praxis interessanten Aspekten lieferten die postmortem vorgenommenen Device-Abfragen auch wichtige Erkenntnisse für die forensische Arbeit. Neben der Todesursache lassen sich dadurch Todeszeitpunkt und Identität der verstorbenen Person abklären. So wurde in der Studie bei sechs Patienten, die lange nach ihrem Tod aufgefunden wurden, durch die Device-Abfrage der exakte Todeszeitpunkt festgestellt.

Angesichts dieser Vorteile empfehlen Paratz und Kollegen eine postmortem Device-Abfrage für ausgewählte Patienten mit einem CIED in Betracht zu ziehen, wenn diese obduziert werden. Laut internationaler Leitlinien sollten entsprechende Abfragen immer im Kontext eines plötzlichen Herztodes oder unerklärbaren Todes vorgenommen werden. Theoretisch könne dies auf alle Menschen, die mit einem implantierten Device versterben, ausgeweitet werden, so Paratz und Kollegen, gängige Praxis sei das bisher aber nicht. Kardiologen von der Charité Berlin haben eine solche reguläre postmortem Abfrage bereits implementiert und ihre Ergebnisse im Jahr 2017 vorgestellt (mehr dazu lesen Sie hier). Studienautor Dr. Philipp Lacour sprach sich damals für eine routinemäßige postmortem Device-Abfrage aus.

Literatur

Paratz E et al. Postmortem Interrogation of Cardiac Implantable Electronic Devices, A 15-Year Experience; Am Coll Cardiol EP 2021; https://doi.org/10.1016/j.jacep.2021.10.011

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