Nachrichten 12.01.2022

„Schweineherz-Transplantationen wird es wahrscheinlich auch bei uns geben“

Einem Patienten mit terminaler Herzinsuffizienz wurde in den USA ein Schweineherz transplantiert – die erste Xenotransplantation eines Organs beim Menschen. Wird es solche Eingriffe auch in Deutschland geben? Ein Experte rechnet fest damit.

Erstmals ist es gelungen, einem Menschen ein Schweineherz zu transplantieren. Prof. Bartley Griffith und sein Team von der Universität Maryland haben den chirurgischen Eingriff vorgenommen. „Ein 57-jähriger Patient mit einer terminalen Herzerkrankung hat erfolgreich ein Transplant eines genetisch modifizierten Schweineherzens erhalten und ihm geht es drei Tage später immer noch gut“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung der Universität.

Lösung für Organspende-Mangel?

Doch was bedeutet diese Nachricht für Deutschland – einem Land, in dem bekanntlich ein erheblicher Mangel an Spenderorganen herrscht. Könnte eine Xenotransplantation, also die Transplantation eines Organs einer anderen Spezies, die Lösung des Problems sein? Prof. Hermann Reichenspurner vom Uniklinikum Hamburg sieht das durchaus optimistisch: „Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch in Deutschland in den nächsten fünf Jahren ähnliche Einsätze geben wird“, äußerte sich der Herzchirurg gegenüber kardiologie.org. Der jetzige Fall aus dem USA werde dieser Technologie Auftrieb geben, prognostiziert er. Er sei „ein Meilenstein für die Transplantationsmedizin“.

Deutschland ist Vorreiter bei den Xenotransplantationen

Reichenspurner hält solche Eingriffe hierzulande auch deshalb für wahrscheinlich, weil die Grundlagen für die Xenotransplantation unter anderem in Deutschland gelegt worden sind. Eine Arbeitsgruppe aus München um Prof. Bruno Reichart beschäftige sich seit über 25 Jahren mit der Materie, berichtet er. Wie der Herzchirurg ausführt, hat diese Gruppe bereits erfolgreiche Primatenversuche mit Xenotransplantaten durchgeführt. Eingriffe am Menschen seien nur deshalb noch nicht vorgenommen worden, weil es von den Behörden in Deutschland nicht ermöglicht worden sei. Das könne sich jetzt ändern, hofft der Herzchirurg, „Deutschland ist wahrscheinlich das Land in Europa, in dem ein solches Projekt am ehesten verwirklicht werden kann“.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Xenotransplantation ist eine genetische Modifikation des Spendertiers, um eine Abstoßung des transplantierten Organs zu verhindern. Dabei werden Antigene des Schweines, auf die das menschliche Immunsystem mit einer Abstoßungsreaktion reagiert, gezielt verändert. Ohne diese Modifikationen werde das Spenderorgan innerhalb von 30 bis 40 Minuten abgestoßen, erläutert Reichenspurner die Bedeutung dieser Maßnahme.

Doch viele Fragen sind noch offen

Eine solche hyperakute Abstoßungsreaktion ist bei dem transplantierten Patienten in den USA tatsächlich ausgeblieben, wie die Universität Maryland berichtet. Doch trotz aller Euphorie, bleiben viele Fragen noch ungeklärt. So ist derzeit schwer abschätzbar, ob mögliche spätere Abstoßungsreaktionen aggressiver verlaufen als bei gängigen allogenen Transplantationen. Der Patient aus dem USA erhält neben den üblichen Immunsuppressiva ein weiteres neues Medikament zur Verhinderung solcher Abstoßungsreaktionen. Es handele sich um eine von der Firma Kiniksa Pharmaceuticals entwickelte, experimentelle Substanz, heißt es dazu in der Pressemitteilung.

Ebenfalls unklar ist, wie lange das Schweineherz die notwendige Leistung erbringen kann: Hält das Organ ein oder fünf Jahre oder sogar zehn Jahre, wie es bei menschlichen Spenderherzen möglich ist? Eine Antwort darauf kann Reichenspurner momentan nicht geben, weil es dazu keine Langzeitdaten gebe. Theoretisch sei ein Schweineherz anatomisch betrachtet aber in der Lage, dieselbe Leistung zu erbringen wie ein menschliches Herz, macht er deutlich.

Welche Patienten kommen dafür infrage?

Und zu guter Letzt stellt sich die Frage, welche Patienten in Deutschland für eine Xenotransplantation infrage kommen könnten. Reichenspurner zufolge wird ein solcher Eingriff wahrscheinlich erstmal nur solchen Patienten vorbehalten sein, bei denen eine übliche Organspende wegen bestimmter Vorrausetzungen nicht möglich ist. Dazu gehören beispielsweise Patienten mit schweren Muskeldystrophien oder Patienten mit einer Tumoranamnese innerhalb der letzten fünf Jahre. Beides gilt in Deutschland derzeit als Gegenanzeige für eine allogene Herztransplantation. Solchen Patienten könne man mit einer Xenotransplantation eine Therapieoption anbieten, erörtert Reichenspurner eine potenzielle Indikation.

Auch bei dem 56-jährigen Patienten aus den USA waren die Kriterien der Transplantationsliste laut Angaben der Maryland Universität nicht erfüllt. Der Einsatz eines Kunstherzens war ebenfalls nicht möglich, weil der Patient an einer lebensbedrohlichen Rhythmusstörung litt. Die Xenotransplantation sei die einzige verfügbare Option für den Patienten gewesen, teilt die Universität mit.

Literatur

Pressemitteilung der Universität Maryland Medical Center: "University of Maryland School of Medicine Faculty Scientists and Clinicians Perform Historic First Successful Transplant of Porcine Heart into Adult Human with End-Stage Heart Disease", veröffentlicht am 10. Januar 2022

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