Nachrichten 03.08.2021

Ist die „Pille“ für Frauen mit Long-QT gefährlich?

Orale Kontrazeptive stehen im Verdacht, das Arrhythmie-Risiko von Frauen mit einem Long-QT-Syndrom erhöhen zu können. Diese Hypothese hat sich in einer großen Registerstudie tatsächlich bestätigt. Das Risiko hängt jedoch vom Pillenpräparat und anderen Faktoren ab.

Bestimmte Pillenpräparate können für Frauen mit einem kongenitalen Long-QT-Syndrom (LQTS) ein Risiko darstellen. Das legen die Ergebnisse einer großen Registerstudie nahe, über die Studienautor Dr. Ilan Goldenberg beim diesjährigen Kongress der Heart Rhythm Society (HRS) berichtete.

„Unsere Ergebnisse deuten an, dass ausschließlich Gestagen-haltige orale Kontrazeptive Frauen mit einem kongenitalen LQTS nicht verabreicht werden sollten, wenn diese keine begleitende Betablockertherapie erhalten“, stellte der Kardiologe von der University of Rochester die klinischen Implikationen der neuesten Daten heraus.

Einfluss von Sexualhormonen

Wie Goldenberg beim Kongress erläuterte, wird schon länger davon ausgegangen, dass Sexualhormone auf das Arrhythmie-Risiko von LQTS-Patientinnen Einfluss nehmen. Vermutet wird das zum einen, weil betroffene Frauen in bestimmten, von Hormonumstellungen geprägten Zeiten ein erhöhtes Risiko für kardiale Ereignisse aufweisen, nämlich bei Übergang ins Erwachsenenleben, in der Postpartum-Zeit und während der Perimenopause. Zum anderen hat sich in experimentelle Studien herausgestellt, dass Östrogen und Progesteron die Aktivität bestimmter Kaliumkanäle modulieren.

Diese Erkenntnisse veranlassten Goldenberg und Kollegen, die Auswirkungen der „Pille“ auf die Prognose von LQTS-Patientinnen genauer zu untersuchen. Im Rahmen des Rochester LQTS-Registers befragten die Wissenschaftler deshalb betroffene Frauen jedes Jahr nach der Einnahme oraler Kontrazeptiva, potenzieller Schwangerschaften und ihrem Menstruationsstatus. Die Befragung startete im September 2010 und wurde bis März 2021 fortgeführt. Insgesamt 1.656 Patientinnen beendeten die Studie, 22% von ihnen hatte über den gesamten Zeitraum orale Kontrazeptive eingenommen.

Erhöhtes Risiko bei Gestagen-Pillen

Dabei stellten die Forscher fest, dass Frauen, die mit reinen Gestagen-Pillen verhüteten, ein erhöhtes Risiko für ein kardiales Ereignis aufwiesen. Zu solchen Komplikationen zählten – definiert als primärer Endpunkt – Synkopen, Herzstillstand, LQTS-assoziierter plötzlicher Herztod und angemessene ICD-Schockabgaben. In einer multivariaten Analyse war das Risiko für den primären Endpunkt für diese Frauen um das 2,5-Fache höher als für Patientinnen, die keine oralen Kontrazeptiva eingenommen hatten (Hazard Ratio, HR: 2,54; p=0,03).

Betablocker bieten hohen Schutz

Östrogen-haltige Pillen und Kombinations-Präparate waren dagegen mit keiner erhöhten Rate an kardialen Ereignissen assoziiert. Ein potenzielles Risiko stellten in dieser Studie somit nur Pillenpräparate dar, die ausschließlich Gestagene enthielten. Das aber nur, wenn die Frauen, die diese verwendeten, keine Betablocker eingenommen hatten. Wurden Betablocker verordnet, war das Risiko für diese Frauen nicht höher als für jene, die keine oralen Kontrazeptive eingenommen hatten. Eine Betablockerbehandlung bot hier also eine hohe Schutzwirkung (HR=0,22; p=0,01). Ohne eine solche Therapie stieg das Risiko bei Einnahme Gestagen-haltiger Pillen dagegen um fast das Dreifache an (HR: 2,86; p=0,01).

Besonders gefährdet für eine Risikoerhöhung durch die „Pille“ waren demnach Frauen mit einem LQTS vom Typ 2. Die Einnahme von Gestagen-Pillen erhöhte ihr Risiko für kardiale Komplikationen um das Achtfache, aber auch diesmal nur dann, wenn keine Betablocker eingenommen wurden (HR: 8,03; p˂0,001). Für Patientinnen mit LQT2 waren auch Östrogen-haltige Pillen mit einem deutlich erhöhten Risiko assoziiert, wenn die Frauen nicht mit Betablocker behandelt worden sind (HR: 10,05; p=0,001).  

Auf reine Gestagen-Pillen verzichten

Bei Vorliegen eines LQT2 müsse eine orale Kontrazeption sorgfältig abgewogen werden, wenn die Frauen eine maximale Betablocker-Dosis nicht tolerierten, schloss Goldenberg daraus. Auch der US-Kardiologe Prof. Mark Link mahnt in der anschließenden Diskussion aufgrund der neuesten Daten zur Vorsicht und plädiert dafür, bei Patientinnen mit einem LQTS auf reine Gestagen-Pillen zu verzichten. Die aktuelle Studie zeigt Link zufolge aber auch, wie wichtig eine Betablockertherapie für die Prognose von Frauen mit einem LQTS ist. „Alle meine weiblichen Patientinnen mit einem LQTS erhalten im Erwachsenenalter einen Betablocker in maximaler Dosierung“, stellte der Kardiologe deshalb klar.

Literatur

Goldenberg I: Oral Contraceptive Use And The Risk Of Cardiac Events In Women With Congenital Long Qt Syndrome; Kongress der Heart Rhythm Society (HRS 2021), 28. - 31. Juli 2021, Boston.

Goldenberg I et al. Use of Oral Contraceptives in Women with Congenital Long QT Syndrome; Heart Rhythm 2021; DOI: https://doi.org/10.1016/j.hrthm.2021.07.058

Neueste Kongressmeldungen

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Schwere PAVK: Ist Bypass-OP hier vorteilhafter als endovaskuläre Therapie?

Ohne Revaskularisation droht PAVK-Patienten mit kritischer Extremitätenischämie die Amputation. Welches Verfahren – chirurgischer Bypass oder endovaskuläre Therapie – ist dann die beste Wahl? Die randomisierte BEST-CLI-Studie liefert dazu jetzt evidenzbasierte Entscheidungshilfe.

Was nützt spezielles Fischöl ergänzend zur Statintherapie?

Neue Daten zur Wirksamkeit eines speziellen Fischöls (Icosapent-Ethyl) heizen die Debatte um diese Therapieoption erneut an. In der RESPECT-EPA-Studie deutet sich ein prognostischer Nutzen an, das Ergebnis dürfte in Deutschland aber erstmal keine bedeutsame Rolle für die Praxis spielen.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Highlights

Neuer Podcast: Kardiovaskuläre Prävention – zwischen Mythen und Fakten

Neuer Podcast auf Kardiologie.org! In der zweiten Ausgabe mit Prof. Ulrich Laufs geht es um gängige Irrtümer in der kardiovaskulären Prävention, um immer neue Empfehlungen zu Eiern und um die Frage: Statine – ja oder nein?

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Der DGK.Online-Kongress 2022 geht weiter: Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Myokarditis nach COVID-19-Impfung: Viel bessere Prognose als nach Virusmyokarditis

Myokarditis ist nicht gleich Myokarditis – das zeigen neue Daten aus Hongkong: Das Sterberisiko nach impfassoziierten Myokarditiden war nämlich um ein vielfaches geringer als nach viralbedingten Herzmuskelentzündungen. Das ist beruhigend, wenngleich sich über die Vergleichsgruppe streiten lässt.

Metaanalyse: ADHS-Medikamente bergen keine Gefahr für das Herz

Der Verdacht steht im Raum, dass Medikamente zur ADHS-Therapie das kardiovaskuläre Risiko erhöhen könnten. Die Ergebnisse einer Metaanalyse mit knapp 4 Millionen Teilnehmern sorgen nun für Beruhigung, wenngleich die Autoren nicht alle Unsicherheiten klären konnten. 

Neue TAVI-Aortenklappe mit gutem Leistungsprofil in der Praxis

Ein neues und technisch verbessertes Klappensystem für die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) hat im Hinblick auf Sicherheit und Effektivität in einer Registeranalyse gute Leistungsmerkmale gezeigt.

Aus der Kardiothek

Influenzaimpfung in der kardiologischen Praxis: Tipps zur Umsetzung und Abrechnung

Auch in der kardiologischen Praxis können Patienten/Patientinnen gegen Influenza geimpft werden. Prof. Jörg Schelling erläutert, was Sie bei der Umsetzung beachten sollten und gibt Tipps zur Abrechnung.

Update Amyloidose: Red Flags, Diagnose und Therapie

Die Dunkelziffer bei der ATTR-Amyloidose ist groß. Umso wichtiger ist es, dass Kardiologen/Kardiologinnen die typischen Beschwerden kennen und erkennen. Prof. Wilhelm Haverkamp gibt Tipps zur Diagnosestellung und Behandlung und klärt wichtige Fragen zur Erstattung.

Hätten Sie es erkannt?

Intravaskuläre koronare Bildgebung mittels optischer Kohärenztomografie eines 46-jährigen Patienten nach extrahospitaler Reanimation bei Kammerflimmern. Was ist zu sehen?

DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Podcast-Logo
DGK.Online 2022/© DGK
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
Kardio-Quiz Oktober 2022/© PD Dr. Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen