Nachrichten 17.07.2020

Herzinfarkt mit 35: Neues Hypercholesterinämie-Screening kann das verhindern

Familiäre Hypercholesterinämie (FH) ist weltweit unterdiagnostiziert. In Deutschland gibt es ausgehend von der Prävalenz mehr als 270.000 Fälle, weniger als 10% sind jedoch bekannt. Rechtzeitig zu behandeln, um schwere Folgen zu verhindern, ist Ziel eines neuen Screenings.

„Familiäre Hypercholesterinämie ist keine Bagatelle, sondern eine schwere Erkrankung, die mit einer verkürzten Lebenszeit einhergeht“, eröffnete Dr. Georg Leipold, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Regensburg, die Pressekonferenz zu dem neuen Projekt. „Das Risiko für ein Koronarereignis ist bei den Betroffenen 13-fach erhöht, viele sterben als junge Erwachsene daran.“

Die sogenannte VRONI-Studie des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege, des Deutschen Herzzentrums München und des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte soll das verhindern: Ein bayernweites, kostenloses und freiwilliges FH-Screening für Fünf- bis Vierzehnjährige im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen U9 bis J1 kann helfen, die Kinder rechtzeitig zu behandeln.

Ärzte können dazu beitragen, FH zu neutralisieren

Kinder- und Jugendärzte können die Teilnahmeerklärung auf myvroni.de herunterladen und erhalten dann Blutabnahmesets und Unterlagen. Sie klären über die Erkrankung auf, bei Einverständnis der Eltern wird dem Kind Blut abgenommen, um das Cholesterin zu messen. Die Proben werden im Deutschen Herzzentrum ausgewertet, bei LDL-Werten über 135 mg/dl folgt eine genetische Untersuchung. Der Arzt erhält pro Kind eine Aufwandsentschädigung von 20 Euro.

Ist der Befund positiv, kann der Arzt entscheiden, ob er die anschließende Therapie selbst begleitet oder das Kind zu einem Kardiologen überweist. Bei Fragen steht das Studienteam zur Verfügung. Um besser mit der Diagnose „chronisch krankes Kind“ umzugehen, wird den Familien eine Schulung angeboten. Mit jedem positiv getesteten Kind kann auch das betroffene Elternteil identifiziert werden. Langfristig soll das Projekt die Diagnostik und Therapiesituation für FH-Patienten verbessern.

„Ein Laborwert ist noch keine Behandlungsindikation“

Praxistipps zur Therapie hatte Prof. Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung an der Kinderklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Wir sollten nicht aufgrund einzelner Laborwerte behandeln, sicherer ist, in den folgenden Wochen erneut zu messen“, riet er. Bei Kindern funktioniere eine Therapie besser als bei Jugendlichen, weil sich in der Pubertät die Cholesterinwerte verändern und Lebensstil-Interventionen schwierig seien.

Grundsätzlich ließe sich mit Ernährungsumstellung viel bewirken. „Es gibt jedoch auch Kinder, die nicht darauf ansprechen“, berichtete er. In dem Fall rate er, von Schuldzuweisungen abzusehen und die Strategie zu wechseln. „Eine medikamentöse Therapie empfehlen wir ab acht Jahren, bei großem Leidensdruck, etwa durch einen frühen Herzinfarkt der Eltern, auch früher“, so Koletzko.

Literatur

Pressekonferenz des Deutschen Herzzentrums München. Online-Kick-Off-Meeting zum Auftakt der VRONI-Studie. 16.07.2020.

Highlights

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

HIV: Diese Faktoren steigern Herzinfarktrisiko zusätzlich

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für einen Herzinfarkt von Menschen mit HIV deutlich stärker, wenn sie gleichzeitig eine unbehandelte Hepatitis-C-Infektion haben, lässt eine aktuelle Studie vermuten.

Prophylaktische Rivaroxaban-Gabe kann Radialisverschlüsse verhindern

Radialisverschlüsse bei transradialen Punktionen lassen sich randomisierten Daten zufolge durch eine Rivaroxaban-Behandlung effektiv verhindern. Es stünden aber auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Verfügung – und die sind in der Studie zu selten genutzt wurden.  

Plötzlicher Herztod im jungen Alter: Oft sind Erbkrankheiten schuld

Wenn ein junger Mensch unerwartet an einem plötzlichen Herztod verstirbt, ist oft unklar, wie es dazu kommen konnte. Eine landesweite Studie aus Dänemark hat jetzt ergeben, dass es bei den Ursachen alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede gibt.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie (links: LAO5°/CRAN35°, rechts: RAO35°, CRA 35°) bei einer Patientin mit Nicht ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI).

Verordnungsspielräume eines leitliniengerechten Therapiekonzepts aus Sicht der Kardiologen und Hausärzte

Single Pills haben sich in Studien im Vergleich zu Einzelwirkstoffen als vorteilhaft erwiesen. Sie kosten aber mehr als die losen Kombinationen. Dr. med. Georg Lübben gibt Tipps, wie Sie diese trotzdem wirtschaftlich verordnen können.

Young-BNK 2030: Eine Idee

Wie könnte eine Niederlassung 2030 aussehen? Wie findet man dann eine Praxis? Und wie läuft die Praxisversorgung? Dr med. Marvin Schwarz von der Young BNK berichtet über Zukunfts-Ideen der Young BNK.

DGK.Online 2022/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz September 2022/© Luise Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org