Nachrichten 03.12.2021

Statine absetzen: Wie riskant ist es wirklich?

Statine werden häufig wegen vermeintlicher Nebenwirkungen abgesetzt. Eine große Kohortenstudie mit Senioren legt nahe: Das kann gefährliche Folgen haben.

Statine gehören bei älteren Menschen zu den am häufigsten eingesetzten Medikamenten. Es gibt jedoch noch immer einen Diskurs zu ihrem dauerhaften Nutzen in der kardiovaskulären Primär- und Sekundärprävention. Verändert sich der Gesundheitszustand des Patienten oder seine Therapieziele, kann ein Absetzen der Cholesterinsenker theoretisch in Betracht gezogen werden, obwohl es dafür aktuell wenig Evidenz gibt. Auch eine große dänische Beobachtungsstudie mit Senioren spricht jetzt dagegen, die Therapie zu beenden.

In die Kohortenstudie wurden Daten von allen 75-jährigen oder älteren Dänen einbezogen, die bereits mindestens fünf Jahre lang Statine erhalten hatten. Ab diesem Zeitpunkt wurden sie maximal weitere sechs Jahre nachbeobachtet. Mithilfe von Registerdaten zu Medikation, Diagnosen, Hospitalisierungen und Todesfällen verglichen Wade Thompson vom Universitätsklinikum in Odense und sein Team die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (MACE) bei Patienten, die ihre Statine abgesetzt hatten, mit der von Personen, die dies nicht getan hatten.

Studie mit mehr als 67.000 Senioren

Die Forschenden unterschieden zwischen Personen, die Statine zur Primärprävention erhielten, das waren insgesamt mehr als 27.000, und solchen, die damit sekundärpräventiv behandelt wurden, fast 40.000 Personen. In beiden Analysen war das Absetzen gegenüber der weiteren Einnahme der Lipidsenker mit einer signifikant erhöhten MACE-Rate assoziiert. In der Primärpräventionskohorte war das Risiko dafür um 32% und in der Sekundärpräventionsgruppe um 28% gesteigert. In absoluten Zahlen kam es zu einem schweren Ereignis pro 112 bzw. 77 Personen, die ihre Medikamente abgesetzt hatten, pro Jahr.

„Das Absetzen von Statinen bei älteren Langzeitnutzern ging mit einer erhöhten MACE-Rate einher. Obwohl das geschätzte relative Risiko für Primär- und Sekundärprävention ähnlich war, war in der Sekundärpräventionskohorte die Gesamtrate kardiovaskulärer Ereignisse höher und der Unterschied zwischen den Patienten, die die Statintherapie abbrachen und fortsetzten, größer“, fassen Thompson et al. zusammen.

Verzerrungen nicht ausgeschlossen

Allerdings sei es nicht ausgeschlossen, dass Präferenzen, Gebrechlichkeit und Lebenserwartung der Patienten zu Verzerrungen geführt haben könnten, geben die Mediziner zu bedenken. Zum Beispiel könne das Absetzen von Statinen auch eine allgemeine Präferenz für die geringere Inanspruchnahme medizinische Versorgung und den Willen widerspiegeln, von einem präventiven oder kurativen zu einem palliativen Ansatz überzugehen. Genauso könnten ein schlechter Gesundheitszustand und Gebrechlichkeit dazu beigetragen haben, dass jemand seine Medikamente abgesetzt habe.

„Unsere Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung randomisierter Studien zu diesem Thema, die bisher rar sind, um bessere Entscheidungen in der klinischen Praxis treffen zu können“, schließen Thompson und Kollegen.

Literatur

Thompson W et al. Statin Discontinuation and Cardiovascular Events Among Older People in Denmark. Journal of the American Medical Association 2021. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2021.36802

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