Nachrichten 23.10.2019

Blutdrucksenker: Abendliche Einnahme reduziert kardiovaskuläres Risiko am stärksten

Hypertonie-Patienten, die ihre blutdrucksenkenden Medikamente abends statt morgens einnehmen, scheinen ihr Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Tod deutlich zu verringern. Darauf weist eine groß angelegte Studie aus Spanien hin.

Die bisher größte Studie zum Einfluss der Tageszeit auf den Effekt von Blutdrucksenkern ergab: Patienten, die ihre Medikamente vor dem Schlafengehen einnahmen, hatten einen besser eingestellten Blutdruck und reduzierten ihr Risiko für den kombinierten Endpunkt aus kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Revaskularisation um 45% im Vergleich zu denen, die ihre Tabletten nach dem Aufwachen einnahmen.

Die Forscher um Professor Ramón Hermida von der spanischen Universität in Vigo randomisierten mehr als 19.000 Patienten mit Bluthochdruck in zwei Gruppen, die ihre Medikamente entweder nur morgens oder nur abends einnahmen. Die Teilnehmer wurden durchschnittlich sechs Jahre lang nachbeobachtet. Ihr Blutdruck wurde zu Studienbeginn und nach jedem Klinikbesuch gemessen, außerdem mindestens einmal jährlich für 48 Stunden.

Abendliche Einnahme reduzierte kardiovaskuläre Mortalität um 66%

Die Ergebnisse wurden bezüglich anderer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Diabetes, Nierenerkrankungen, Rauchen und Cholesterinspiegel bereinigt. Bei der Gruppe, die ihre Medikation abends einnahm, war das Risiko für einzelne kardiovaskuläre Ereignisse deutlich niedriger: Für kardiovaskulär bedingten Tod war es um 66% verringert, für Herzinfarkt um 44%, für eine Revaskularisation um 40%, für Herzinsuffizienz um 42% und für Schlaganfall um 49%.

„Aktuelle Leitlinien zur Behandlung von Bluthochdruck empfehlen keine bevorzugte Behandlungszeit. Aufgrund des irreführenden Ziels, den morgendlichen Blutdruck zu senken, war die morgendliche Einnahme bisher die häufigste Empfehlung von Ärzten. Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass der durchschnittliche systolische Blutdruck im Schlaf der bedeutendste Prädiktor für das kardiovaskuläre Risiko ist, unabhängig von den Messwerten im Wachzustand. Es gibt keine Studien, die belegen, dass die Medikamenteneinnahme am Morgen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt“, erläuterte Hermida in einer Pressemitteilung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie.

An dem sogenannten Hygia-Projekt waren 40 spanische Versorgungszentren und 292 Ärzte beteiligt. Während des durchschnittlichen Follow-ups von 6,3 Jahren starben 1752 Patienten an kardiovaskulären Erkrankungen, erlitten einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, erkrankten an Herzschwäche oder mussten sich einer Revaskularisation unterziehen.

Nächtlicher Blutdruck war stärkster Marker für kardiovaskuläres Risiko

Durch die ambulante 48-Stunden-Messung hatten die Forscher genaue Informationen darüber, wie sich der Blutdruck im Schlaf veränderte. Die Daten zeigen, dass Patienten, die ihre Medikamente abends einnahmen, sowohl nachts als auch tagsüber einen signifikant niedrigeren durchschnittlichen Blutdruck hatten und dieser nachts stärker abnahm als bei den Patienten, die ihre Tabletten morgens schluckten.

„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass der durchschnittliche Blutdruck im Schlaf und die Abnahme des Blutdrucks in der Nacht die signifikantesten Marker für das kardiovaskuläre Risiko sind“, resümierte Hermida. Dementsprechend sei eine ambulante Rund-um-die-Uhr-Blutdruckmessung empfehlenswert, um Hypertonie zu diagnostizieren und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen abzuschätzen. Den nächtlichen Blutdruck zu senken sei ein neues therapeutisches Ziel, um das kardiovaskuläre Risiko zu verringern, so der Studienautor.

Die Forscher untersuchen noch, wie hoch der Blutdruck im Schlaf idealerweise sein sollte, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen am effektivsten zu senken. Zu den Einschränkungen der Studie zählte, dass alle Patienten tagsüber aktiv waren und nachts schliefen, somit gelten die Ergebnisse möglicherweise nicht für Menschen, die nachts arbeiten.

Literatur

Hermida R et al. Bedtime hypertension treatment improves cardiovascular risk reduction: the Hygia Chronotherapy Trial. European Heart Journal 2019. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehz754

ESC-Pressemitteilung: Bed time is the best time to take blood pressure medication. 13.10.2019


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Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen