Nachrichten 17.05.2017

Hochdruckliga: Automatische Blutdruckmessung ja, SPRINT-Messung nein

Seit der SPRINT-Studie wird über die Methoden der Blutdruckmessung diskutiert. Die Hochdruckliga erläutert jetzt nochmal Fallstricke bei der automatischen Messung. Generelle Änderungen am Zielblutdruck im Gefolge von SPRINT lehnt die Liga genauso ab wie einen Wechsel auf die SPRINT-Variante der automatischen Messung.

Bei der automatischen Blutdruckmessung pumpt sich die Manschette auf Knopfdruck selbst auf und misst danach ohne Zutun des Patienten. Fast alle Patienten, die eine Heimmessung machen, nutzen diese Methode, und auch in Arztpraxen setzt sie sich immer mehr durch.

Dabei werden aber häufig Fehler gemacht. Dies betreffe nicht nur die Patientenselbstmessung, sondern auch die Messung in den Praxen, sagte Prof. Dr. Bernd Sanner vom Agaplesion Bethesda Krankenhaus Wuppertal im Gespräch mit kardiologie.org.

Messfehler können zu Übertherapie führen

Sanner ist Mitglied im achtköpfigen Vorstand der Hochdruckliga. „Bei einer korrekten automatischen Messung sollten die Patienten vor der Messung fünf Minuten ruhig sitzen, sonst besteht die Gefahr, dass zu hohe Werte gemessen werden“, so der Experte. Auch überkreuzte Beine während der Messung können falsch hohe Messwerte produzieren.

Ein weiterer häufiger Fehler, der ebenfalls mit tendenziell zu hohen Blutdruckmessungen einhergeht, ist die Messung unterhalb der Herzhöhe. Bei Oberarmmessgeräten reicht es, den Arm während der Messung ruhig auf einen Tisch zu legen. Bei Handgelenksmessgeräten sollte die Hand, an der die Manschette ist, auf die Schulter des anderen Arms platziert werden.

Falsch hohe Messungen drohen schließlich auch noch beim so genannten Under-Cuffing, also bei einer für den jeweiligen Arm zu kurzen oder zu schmalen Manschette. Under-Cuffing sei ein häufiges Phänomen bei Sportlern, die dann wegen leicht erhöhter Blutdruckwerte Medikamente verordnet bekämen, obwohl dies gar nicht erforderlich sei, so Sanner.

Was die Deutsche Hochdruckliga weiterhin ausdrücklich nicht propagiert, ist die in der SPRINT-Studie gewählte Form der automatischen Blutdruckmessung. Hierbei sitzen die Patienten in einem ruhigen Raum zunächst fünf Minuten ohne Messung. Danach misst das Gerät drei- bis sechsmal in Folge im Abstand von je einer Minute in abgedunkeltem Raum, ohne dass medizinisches Personal anwesend ist. Diese Methode und die dafür nötigen Geräte hätten in Deutschland praktisch keine Verbreitung, betonte Sanner.

SPRINT-Studie: Keine generelle Änderung des Zielblutdrucks

Hinsichtlich der Auswirkungen der SPRINT-Studie auf die deutschen bzw. europäischen Leitlinien scheint das letzte Wort weiterhin nicht gesprochen. Sanner betonte, dass es als Folge von SPRINT in den deutschen Leitlinien keine pauschale Absenkung des Blutdruckzielwertes geben werde. Er schloss aber tiefere Zielwerte für bestimmte Risikogruppen nicht aus, ohne das freilich zu konkretisieren.

Bei ihrer Jahrestagung Ende 2016 hatte die Hochdruckliga erklärt, die Blutdruckwerte in der Interventionsgruppe der SPRINT-Studie seien aufgrund des besonderen Messverfahrens rund 13 mmHg tiefer gewesen als sie gewesen wären, wenn konventionell gemessen worden wäre. Diese Interpretation, die sich auf kleinere vergleichende Messreihen berief, machte aus der SPRINT-Studie im Handumdrehen eine Bestätigung des hiesigen Blutdruckziels von kleiner 140 mmHg systolisch. Dem stand und steht freilich die relativ hohe Rate an Synkopen im Interventionsarm entgegen, die dafür spricht, dass der Blutdruck entsprechend der Studienintention doch relevant tiefer lag als sonst.

Trägt das Argument Langzeitmessung?

Sanner brachte jetzt im Gespräch mit kardiologie.org ein anderes Argument in Stellung, das sich aus den mittlerweile ausgewerteten Langzeitmessungen speist. Der systolische Langzeitblutdruck betrug im Interventionsarm der SPRINT-Studie 126,5 mmHg – was einmal mehr für eine tatsächlich straffe Einstellung spricht. Das übliche Ziel für den Langzeitblutdruck liegt bei 135/85 mmHg. In der Kontrollgruppe habe der systolische Blutdruck in der Langzeitmessung dagegen 3,5 mmHg über dem üblichen Zielwert, nämlich bei 138,5 mmHg gelegen. „Das war also eine unkontrollierte Hypertonie“, so Sanner.

Damit, so die Hochdruckliga jetzt, sei der Vergleich zwischen den Gruppen verfälscht. Die Interventionsgruppe von SPRINT sei nicht mit normal eingestellten, sondern mit schlecht eingestellten Patienten verglichen worden. Dahinter steckt natürlich die These, dass die Patienten im Interventionsarm gar keinen so großen Vorteil gehabt hätten, wenn im Kontrollarm leitliniengemäß therapiert worden wäre.

Bis auf weiteres ist das allerdings auch wieder nur eine Hypothese, und die Frage bleibt, ob es legitim ist, ausgerechnet bei der SPRINT-Studie die Langzeitmessung so stark in den Vordergrund zu rücken.

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