Nachrichten 06.08.2018

Valsartan-Skandal: Wie hoch Experten das Krebsrisiko für Patienten einschätzen

Nach der FDA hat sich nun auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA zum Krebsrisiko durch NDMA in Valsartan-Präparaten geäußert: Danach könnte ein zusätzlicher Krebsfall pro 5000 Patienten auftreten.

Wie hoch das gesundheitliche Risiko durch den kanzerogenen Wirkstoff NDMA (N-Nitrosodimethylamin) tatsächlich für die Patienten ist, die damit verunreinigtes Valsartan eingenommen haben, ist derzeit Gegenstand etlicher Untersuchungen.

Auf EU-Ebene analysieren und bewerten Arzneimittelexperten bereits seit Anfang Juli die Tragweite der NDMA-Verunreinigung durch den chinesischen Hersteller Zhejiang Huahai Pharmaceuticals und die hiermit verbundenen Risiken.

Da 17 Pharmaunternehmen verschiedene Valsartan-Präparate und auch ein Irbesartan-Präparat vorsorglich zurückrufen mussten, ist die Belieferung mit Ersatzpräparaten nach wie vor schwierig.

Das BfArM listet aktuell unter Lieferengpässen mehr als 100 Valsartan-Präprate auf. Frühestens Oktober 2018 wird als Ende des Engpasses angegeben, zum Teil erst März 2019.

Neben den Versorgungsschwierigkeiten bleibt die Sorge um das gesundheitliche Risiko durch die verunreinigten Präparate. Nachdem sich bereits die US-Arzneimittelbehörde FDA zum gesundheitlichen Risiko durch Einnahme verunreinigter Valsartan-Präparate geäußert hat, gab Ende vergangener Woche nun auch die Europäischen Arzneimittelbehörde EMA eine erste Bewertung ab.

Kritisch: 320 mg Valsartan über mehrere Jahre

Während die FDA einen zusätzlichen Krebsfall auf 8.000 Patienten schätzt (bei täglicher Einnahme von 320 mg verunreinigtem Valsartan über vier Jahre), kommt die EMA auf einen zusätzlichen Krebsfall pro 5.000 Patienten – bei 320 mg pro Tag über sieben Jahre. Dabei legten die Experten eine Verunreinigung mit NDMA zugrunde, wie sie in den Präparaten des chinesischen Herstellers Zhejiang Huahai Pharmaceuticals gefunden worden ist (im Mittel 60 parts per million/ 60 ppm).

In ihrem Update verweist die EMA erneut darauf, dass es sich bei NDMA um eine Substanz handelt, die sich in Tierversuchen als krebserregend erwiesen habe. Bei Ratten, die mit NDMA belastetes Trinkwasser erhielten, kam es zum Beispiel zu Lebertumoren. Auch bei Menschen wird NDMA als vermutlich karzinogen eingestuft. Allerdings gelte dies nicht, so die EMA, wenn die Substanz, die auch in einigen Nahrungsmitteln wie in Bier, gepökeltem Fleisch und geräuchertem Fisch sowie im Trinkwasser zu finden sei, in sehr geringen Mengen aufgenommen werde. Daher müssten bei einer Risikobewertung stets auch das generelle Krebserkrankungsrisiko und die mögliche Aufnahme von NDMA durch andere Quellen berücksichtigt werden.

Was den NDMA-Nachweis so schwierig macht

Die EMA-Experten betonen daher, es gebe „kein unmittelbares Risiko“ für die Patienten durch die Einnahme von verunreinigtem Valsartan. Und sie beruhigen: Keine anderen Präparate des chinesischen Herstellers seien mit NDMA verunreinigt.

Der Nachweis von NDMA in den betroffenen Fertigarzneimitteln gestaltet sich allerdings schwierig. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ist für die Substanz eine Spurenanalytik im ppm-Bereich erforderlich. Und für NDMA gebe es bislang auch keine Prüfvorschriften in Arzneibuchmonografien oder in den „Certificates of suitability“. Validierte Prüfverfahren stünden daher noch aus.

Ein erstes Verfahren hat derweil die Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker über ihr Zentrallaboratorium (ZL) angewandt und einige Valsartan-Präparate toxikologisch unter die Lupe genommen. Die Wissenschaftler verglichen dabei den NDMA-Gehalt in gepökeltem Fleisch und Bier mit den NDMA-Werten in den Stichproben. Unter Abschätzung der maximalen täglichen Belastung ermittelten sie einen Risikoscore (Margin of Exposure), dessen Höhe sie als besorgniserregend einstuften. Klare Aussagen zu gesundheitlichen Folgen lassen sich daraus jedoch nicht ableiten.

Prof. Meinertz: Kein Grund für Krebs-Screening

Trotz der Verunreinigung von Valsartan-Präparaten mit dem potenziell krebserregenden Stoff NDMA sieht daher zum Beispiel der Kardiologe Professor Thomas Meinertz derzeit keinen Grund für ein Krebsscreening bei betroffenen Patienten. 

Zum künftigen Schutz plädierte er in einer ZDF-Sendung vielmehr für eine Bundesbehörde für Arzneikontrollen. Der Fall werfe ein schlechtes Licht auf den Import von Arzneimitteln, hatte zuvor auch Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, kritisiert: Offenbar hätten die Kontrollmechanismen versagt, so dass verunreinigte Arzneimittel bis nach Deutschland zum Patienten kamen.

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen