Nachrichten 09.07.2017

Auch die Gene bestätigen: Dicksein führt zu Hypertonie und KHK

Übergewicht gilt als Risikofaktor für bzw. Mitursache von kardiometabolischen Erkrankungen. Eine Biobank-Studie findet jetzt Hinweise für einen kausalen Zusammenhang mit KHK, arterieller Hypertonie und Diabetes, nicht aber mit Schlaganfall.

Bei Biobankstudien mit sogenannter Mendelscher Randomisierung werden Menschen mit etablierten Risikogenen für einen bestimmten klinischen Phänotyp, zum Beispiel erhöhtes Cholesterin oder erhöhten Body Mass Index (BMI), mit Menschen verglichen, die diese Risikogene nicht tragen. Es handelt sich um ein Instrument der epidemiologischen Forschung, mit dem Epidemiologen versuchen, sich Interventionsstudien zur  Klärung kausaler Zusammenhänge zwischen bestimmten Veränderungen und Erkrankungen anzunähern.

Gegenüber der konventionellen Epidemiologie, die beispielsweise Patienten mit und ohne erhöhten BMI  im Hinblick auf kardiovaskuläre Erkrankungen vergleicht, hat der Ansatz der Mendelschen Randomisierunge den Vorteil, dass viele Störgrößen wegfallen und damit das Verzerrungspotenzial geringer wird.

Score aus 93 Genvarianten

Für die aktuelle Studie der UK Biobank wurden knapp 120.000 Biobank-Teilnehmer anhand ihrer Gene „randomisiert“. Sie waren im Mittel 57 Jahre alt. Basis der „Randomisierung“ war ein genetischer Score, der auf 93 Genvarianten beruht, die in genomweiten Assoziationsstudien und anderen Studien mit einem erhöhten BMI vergesellschaftet waren.

Interessant wird diese Art von Studien unter anderem durch den Vergleich der genetisch definierten Kohorte mit der phänotypisch definierten Kohorte. Was die phänotypischen Korrelationen angeht, liefert die aktuelle Studie das, was viele andere Studien auch gezeigt haben und was zu erwarten war: Ein erhöhter BMI ging pro Standardabweichung (4,83 kg/m²) nach voller Adjustierung für andere Risikofaktoren mit einem um 43% höheren KHK-Risiko, einem um 75% höheren Risiko für Hypertonie, einem nahezu verdoppelten Risiko für Diabetes Typ 2 und einem um 26% erhöhten Schlaganfallrisiko einher. All das war statistisch signifikant.

In der genetisch definierten Kohorte wiederum war das mit erhöhtem BMI einhergehende Risiko einer KHK nach voller Adjustierung um 35% erhöht, das Risiko einer arteriellen Hypertonie um 64% und das eines Diabetes mellitus Typ 2 um 153%. Das war jeweils statistisch signifikant. Das Schlaganfallrisiko dagegen war nicht einmal im Trend erhöht.

Schlaganfallrisiko überschätzt?

Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass die phänotypisch geprägte Epidemiologie das mit erhöhtem BMI einhergehende Risiko für KHK und Hypertonie relativ gut abbildet. Das Risiko für Typ-2-Diabetes könnte dagegen deutlich unterschätzt werden, während das Risiko für Schlaganfall eher überschätzt wird. Das gilt zumindest dann, wenn man der Grundannahme der Mendelschen Randomisierung folgt. Sie besagt, dass sich die beiden genetisch definierten Gruppen – in diesem Fall „BMI“-Gruppen – in relevanten anderen Einflussfaktoren zumindest deutlich weniger unterscheiden als die phänotypisch definierten BMI-Gruppen.

 

Literatur

Lyall DM et al. Association of Body Mass Index With Cardiometabolic Disease in the UK Biobank Study. JAMA Cardiology, 5. Juli 2017, doi: 10.1001/jamacardio.2016.5804

Highlights

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

ESC-Kongress 2020

Für die virtuelle Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC) haben sich mehr als 100.000 Teilnehmer angemeldet. Die wichtigsten Änderungen der neuen Leitlinien und die praxisrelevanten Studien finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Intrakoronare Lithotripsie hilfreich bei verkalkten Plaques

Die Kalkzertrümmerung mittels intrakoronarer Lithotripsie kann anscheinend dazu beitragen, die Implantation von Koronarstents im Fall sehr stark kalzifizierter Plaques zu optimieren.

Herzprobleme nach Operation häufiger als gedacht

Einer von fünf Hochrisikopatienten entwickelt nach einer größeren Operation, die nicht das Herz betrifft, innerhalb eines Jahres schwere kardiale Komplikationen, zeigt eine neue Studie. Das sind mehr als erwartet.

Nicht-invasive FFR-Messung enttäuscht in puncto Kostenreduktion

Eine auf koronarer CT-Bildgebung gestützte nicht-invasive Bestimmung der „Fraktionellen Flussreserve“ (FFR-CT) konnte als diagnostische Methode bei KHK-Verdacht zwar die Rate an invasiven Koronarangiografien reduzierten, nicht aber die medizinischen Gesamtkosten, ergab die FORECAST-Studie.

Aus der Kardiothek

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Thorax-CT bei COVID-19-Patient – worauf zeigen die Pfeile?

Natives CT des Thorax bei einem Patienten mit COVID-19-Pneumonie (kleiner Pfeil). Was ist noch zu sehen (große Pfeile)?

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
DGK.Herztage 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen