Nachrichten 30.04.2021

Blutdrucksenker zeigen überraschende Effekte – selbst bei „normalem“ Blutdruck

Möglicherweise profitieren mehr Menschen als gedacht von Antihypertensiva. Einer großen Metaanalyse zufolge senken sie auch bei Personen mit normalem Blutdruck ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse.

Antihypertensiva schützen Patienten, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, vor weiteren kardiovaskulären Ereignissen. Ihr Einsatz bei Personen mit normalem oder leicht erhöhtem Blutdruck wird jedoch kontrovers diskutiert. Eine neue Metaanalyse zeigt jetzt, dass die Medikamente unabhängig vom Ausgangsblutdruck und von kardiovaskulären Vorerkrankungen schweren kardiovaskulären Erkrankungen vorbeugen können.

Analyse von 48 randomisierten Studien

Um die Auswirkungen von Blutdrucksenkern zu untersuchen, werteten Prof. Kazem Rahimi von der Universität Oxford und sein Team Daten von fast 345.000 Personen aus 48 randomisierten Studien aus. Die Teilnehmer, im Mittel 65 Jahre alt, wurden in zwei Gruppen geteilt: Rund 158.000 Probanden mit vorheriger Diagnose einer kardiovaskulären Erkrankung bildeten die Sekundärpräventionsgruppe, fast 187.000 Teilnehmer ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren in der Primärpräventionsgruppe.

Beide Kohorten wurden basierend auf dem systolischen Blutdruck bei Studieneintritt in sieben Subgruppen unterteilt: weniger als 120, 120–129, 130–139, 140–149, 150–159, 160–169 und mindestens 170 mmHg. Rund 20% der Teilnehmer mit kardiovaskulären Vorerkrankungen und 8% derjenigen ohne hatten zu Studienbeginn einen normalen oder hochnormalen systolischen Blutdruck unter 130 mmHg. Rahimi und Kollegen verglichen die Interventions- und Kontrollgruppen der einzelnen Studien. Die Interventionsgruppe hatte entweder Verum statt Placebo, eine intensivere Behandlung oder ein stärker blutdrucksenkendes Medikament als die Kontrollgruppe erhalten.

Niedrigerer Blutdruck, geringeres Risiko

Über einen Zeitraum von median vier Jahren hatten mehr als 42.000 Teilnehmer mindestens ein schweres kardiovaskuläres Ereignis, definiert als Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Tod aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit jeder Senkung des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg sank auch das Risiko für die Entwicklung einer schweren kardiovaskulären Erkrankung um etwa 10%. Einzeln betrachtet verringerte sich das Schlaganfallrisiko um 13%, für Herzinsuffizienz sank es ebenfalls um 13%, für koronare Herzkrankheit um 8% und für Tod durch kardiovaskuläre Erkrankungen um 5%.

Dabei standen gut 18.000 schwere kardiovaskuläre Erkrankungen in den Interventionsgruppen mehr als 24.000 in den Kontrollgruppen gegenüber. Bei den Schlaganfällen waren es etwa 6.000 vs. 8.000, bei den Herzinsuffizienzfällen rund 3.000 vs. 5.000, bei den Koronaren Herzerkrankungen 8.000 vs. 11.000 und bei den Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen 5.000 vs. 6.000. Die positiven Effekte der blutdrucksenkenden Behandlung unterschieden sich nicht nach Blutdruck zu Studienbeginn und galten für Personen mit und ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen gleichermaßen.

Sollten die Leitlinien erweitert werden?

Die Ergebnisse sind Rahimi und Kollegen zufolge für die Debatte über die Blutdruckbehandlung von großer Bedeutung. „Sie zeigen, dass die Entscheidung, Antihypertensiva zu verschreiben, nicht nur auf einer vorherigen Diagnose von kardiovaskulären Erkrankungen oder dem Blutdruck einer Person beruhen sollte“, erläutern sie. Stattdessen sollten die Medikamente als wirksames Instrument zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Personen mit erhöhtem Risiko dafür gesehen werden. Die Forscher plädieren dafür, die internationalen Leitlinien, die bisher blutdrucksenkende Medikamente nur für Personen mit hohem Blutdruck empfehlen, entsprechend zu erweitern.

Eine Limitation der Studie war, dass mögliche Nebenwirkungen der Therapie nicht speziell untersucht wurden. Laut Rahimi und Kollegen komme die Behandlung unter anderem deshalb nicht für jeden infrage, sondern solle von individuellen kardiovaskulären Risikofaktoren, dem Potenzial für Nebenwirkungen und dem Wunsch der Patienten abhängig gemacht werden.

„Die Studie ist die bisher größte Metaanalyse zu den Effekten einer blutdrucksenkenden Therapie in Bezug auf den Ausgangsblutdruck und kardiovaskuläre Vorerkrankungen“, so Dr. Thomas Kahan vom Karolinska Institut in Stockholm in einem Begleitkommentar. Sie zeige, dass der Nutzen von Antihypertensiva proportional zur Intensität der Blutdrucksenkung sei. „Die Ergebnisse haben wichtige Auswirkungen auf die klinische Praxis und legen nahe, dass eine blutdrucksenkende Behandlung für jeden in Betracht gezogen werden kann, dessen absolutes Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis ausreichend hoch ist“, schließt er. 

Literatur

Rahimi K et al. Pharmacological blood pressure lowering for primary and secondary prevention of cardiovascular disease across different levels of blood pressure: an individual participant-level data meta-analysis. The Lancet 2021. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)00590-0

Kahan T. Decisions about antihypertensive treatment should focus on reducing cardiovascular risk. The Lancet 2021. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)00877-1

The Lancet Pressemitteilung: Many more people could benefit from blood pressure-lowering medication – most comprehensive study to date. 30.04.2021.

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