Nachrichten 16.09.2022

Sollten Ärzte mehr auf die „kumulative Blutdruck-Last“ achten?

Bisher orientiert sich das Hypertonie-Management üblicherweise an Einzelmessungen. Eine aktuelle Analyse an Diabetikern legt nun nahe, dass der Fokus auch auf der kumulativen Blutdruck-Last liegen sollte – mit potenziellen Implikationen für die Therapie.

Einzelne Blutdruckmessungen sind womöglich nicht so aussagekräftig wie die sogenannte kumulative Blutdruck-Last, also die dauerhafte Exposition gegenüber erhöhten Blutdruckwerten. Das postulieren australische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Dr. Nelson Wang, Universität Sydney, jetzt im „Journal of the American College of Cardiology“ (JACC).

Beides – Höhe und Dauer der Exposition sind wichtig

Wang und Kollegen haben die Bedeutung unterschiedlicher Blutdruck-Parameter anhand einer Posthoc-Analyse der ADVANCE-ON-Studie mit 9.338, an Typ-2-Diabetes erkrankten Patienten untersucht – und festgestellt, dass die 2kumulative systolische Blutdruck-Last“ das Auftreten künftiger kardiovaskulärer Ereignisse besser vorhersagt als die mittlere Blutdruckhöhe.

„Diese Befunde bekräftigen die Bedeutung von beidem – Höhe und Dauer einer Exposition gegenüber erhöhten systolischen Blutdruckwerten – um das kardiovaskuläre Risiko zu bestimmen“, resümieren die Studienautoren.

Blutdruck schwankt oft über die Zeit

Derzeit orientiert sich das Hypertonie-Management üblicherweise an der zu bestimmten Zeiten gemessenen Blutdruckhöhe. Allerdings ist der Blutdruck über die Zeit Schwankungen unterzogen, worauf Wang und sein Team hinweisen, besonders ausgeprägt sei das wahrscheinlich bei Menschen mit einer Diabeteserkrankung. Diese Beobachtung brachte die Mediziner zu der Annahme, dass die kumulative Blutdruck-Last in dieser Population der geeignetere Indikator für das kardiovaskuläre Risiko sein könnte.

Um ihre Theorie zu prüfen, stellten Wang und Kolleginnen die in der ADVANCE-ON-Studie ermittelten Blutdruck-Messparameter mit den während des mittleren Follow-up (7,6 Jahre) aufgetretenen kardiovaskulären Ereignissen und Todesfällen in Beziehung. Die kumulative Blutdruck-Last definierten sie als „Area under the Curve“ (AUC) der über einen Zeitraum von 24 Monaten ermittelten systolischen Blutdruckwerte (mmHg × Jahre); die Berechnung basierte auf insgesamt sechs Blutdruckmessungen.

Kumulative Blutdruck-Last mit kardiovaskulären Ereignissen assoziiert

Jeder Anstieg der kumulativen Blutdruck-Last um eine Standardabweichung (SD) ging mit einer 14%igen Erhöhung von schweren kardiovaskulären Ereignissen einher (Hazard Ratio, HR: 1,14); das Sterberisiko stieg pro 1-SD um 13% (HR: 1,13), das Risiko, an einer kardiovaskulären Ursache zu versterben, nahm um 21% zu (HR: 1,21).

Die Studienautoren integrierten daraufhin die kumulative Blutdruck-Last in ein Vorhersagemodell mit traditionellen kardiovaskulären Risikofaktoren. Dadurch verbesserte sich die Aussagekraft des Modells – und zwar deutlicher als nach Einbeziehung anderer Blutdruckmesswerte wie dem mittleren systolischen Blutdruck, der Blutdruckvariabilität zwischen den Arztbesuchen oder dem „Time-below-Target“-Blutdruck.

„Der kumulative systolische Blutdruck könnte bei Patienten mit Typ-2-Diabetes eine bessere Prädiktion für schwere kardiovaskuläre Ereignisse bieten als andere traditionelle Messwerte“, folgert das Autorenteam daraus.

Therapie früher beginnen?

Was bedeutet das nun für die Praxis? Nach Ansicht von Wang und Kollegen verdeutlichen die aktuellen Ergebnisse die Notwendigkeit einer möglichst frühen Intervention, um die kumulative Blutdruck-Last über die gesamte Lebenszeit verringern zu können. Dazu gehörten zu allererst Lebensstilinterventionen und, falls diese nicht ausreichen, pharmakologische Therapien, erläutern sie. Ärztinnen und Ärzte sollten deshalb nicht nur die an einzelnen Zeitpunkten ermittelte Blutdruckhöhe im Blick haben, sondern auch die Dauer der Exposition. Ein Ansatz, den Experten schon seit einiger Zeit auch für die Behandlung erhöhter LDL-Cholesterin-Werte propagieren.

Zu beachten gilt es in diesem Kontext, dass in der aktuellen Analyse eben nicht die Lebenszeit-Exposition ermittelt wurde, sondern die Blutdruck-Last über einen Zeitraum von 24 Monate. Deshalb müssten die Ergebnisse in longitudinale Kohortenstudien mit routinemäßig ermittelten Blutdruckwerten bestätigt werden, geben die Studienautoren zu bedenken.  

Literatur

Wang N et al. Cumulative Systolic Blood Pressure Load and Cardiovascular Risk in Patients With Diabetes; J Am Coll Cardiol. 2022,80(12):1147–55

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