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26.11.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Orale Antikoagulation

Idarucizumab: Erstes DOAK-spezifisches Antidot in der EU zugelassen

Autor:
Peter Overbeck

Die Europäische Kommission hat den Wirkstoff Idarucizumab als spezifisches Antidot zur raschen Aufhebung der durch den direkten Thrombinhemmer Dabigatran induzierten Gerinnungshemmung zugelassen.

Indiziert ist Idarucizumab (Warenzeichen: Praxbind®) demnach bei Patienten, die unter der Therapie mit Dabigatran (Pradaxa®) eine Notoperation oder -intervention benötigen oder bei denen eine lebensbedrohliche oder nicht beherrschbare Blutung aufgetreten ist.

Das vollständig humanisierte Antikörper-Fragment Idarucizumab ist das erste und einzige spezifische Antidot zur Aufhebung der gerinnungshemmenden Wirkung eines neuen bzw. direkten oralen Antikoagulans (NOAK/DOAK), das in der Europäischen Union zugelassen ist. Andere potenzielle Antidota wie Andexanet alfa, das spezifisch die Wirkung von Faktor-Xa-Hemmern antagonisieren soll, befinden sich noch in der klinischen Entwicklung.

Beschleunigtes Prüfverfahren

Die Zulassung von Idarucizumab, der ein beschleunigtes Prüfverfahren vorausgegangen ist, basiert auf Ergebnissen von Studien an gesunden Probanden sowie auf Zwischenergebnissen der klinischen Studie RE-VERSE AD.

In der RE-VERSE-AD-Studie wird Idarucizumab unter Bedingungen geprüft, die seltenen realen Notfallsituationen im klinischen Alltag entsprechen, in denen eine rasche Aufhebung der Gerinnungshemmung notwendig erscheint. So werden Wirksamkeit und Sicherheit von Idarucizumab bei zwei mit Dabigatran behandelten Gruppen getestet: Zum einen bei Patienten mit nicht beherrschbaren schweren Blutungen (Gruppe A) sowie bei Patienten, die sich unaufschiebbaren Operationen oder invasiven Prozeduren unterziehen müssen. (Gruppe B).

Dabigatran-Wirkung innerhalb von Minuten aufgehoben

Die Studienteilnehmer erhalten 5 mg Idarucizumab, verteilt auf zwei intravenöse Bolus-Infusionen im Abstand von maximal 15 Minuten. Primärer Wirksamkeitsendpunkt ist die maximale prozentuale Aufhebung der gerinnungshemmenden Wirkung zu jedem Zeitpunkt innerhalb von vier Stunden nach Ende der zweiten Bolus-Gabe. Bestimmt wird das Ausmaß der gerinnungshemmenden Aktivität dabei anhand der beiden Laborparameter verdünnte Thrombinzeit (Hemoclot, diluted Thrombin Time, dTT) und Ecarin-Gerinnungszeit (ECT, Ecarin Clotting Time).

Eine Zwischenanalyse wurde im Juni 2015 auf der Website des "New England Journal of Medicine" publiziert. Sie basiert auf Daten von 90 Patienten, davon 51 in Gruppe A und 39 in Gruppe B. Ihre Ergebnisse belegen, dass Idarucizumab die Wirkung von Dabigatran innerhalb von Minuten komplett aufhebt.

Gestützt auf Messungen beider Laborparameter lag die innerhalb von vier Stunden mit Idarucizumab erreichte mediane maximale Aufhebung der Gerinnungshemmung in Gruppe A und Gruppe B jeweils bei 100 Prozent. Je nach Gruppe und gemessenem Parameter normalisierten sich die dTT- und ECT-Werte nach Idarucizumab-Gabe bei 88 bis 98 Prozent der Patienten innerhalb weniger Minuten.

Nach 12 und 24 Stunden lagen die dTT-Werte bei 90 Prozent (Gruppe A) und 81 Prozent (Gruppe B) aller auswertbaren Patienten im Normalbereich. De facto wurde ein chirurgischer Eingriff bei 36 von 39 Patienten der Gruppe B vorgenommen. Die Hämostase wurde zum Zeitpunkt der Operation bei 33 der 36 Patienten als normal beschrieben.

Auslieferung ab Mitte Januar 2016

Im Beobachtungszeitraum starben 18 Patienten. Bei Todesfällen, die innerhalb von 96 Stunden nach Idarucizumab-Gabe auftraten, schienen jene Ereignisse, die auch zum Notfall geführt hatten, Ursache gewesen zu sei. Danach aufgetretene Todesfälle standen eher in ursächlichem Zusammenhang mit Begleiterkrankungen.

Die Auslieferung von Idarucizumab an Kliniken in Deutschland wird nach Angaben des Herstellers Boehringer Ingelheim voraussichtlich ab dem 18.01.2016 erfolgen. Außerdem sei geplant, Idarucizumab in allen EU-Ländern auf den Markt zu bringen, in denen Dabigatran zugelassen ist.

Literatur

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