Onlineartikel 01.02.2020

Im Spotlight: Dr. Jochen Dutzmann

kardiologie.org: Sie sind ja am Universitätsklinikum Halle (Saale) tätig. Was machen Sie da genau?

Dr. Jochen Dutzmann: Ich bin Facharzt für Innere Medizin und Weiterbildungsassistent in der Kardiologie. Meine Facharztweiterbildung habe ich an der Klinik für Kardiologie und Angiologie der Medizinischen Hochschule Hannover absolviert, bevor ich im vergangenen Jahr meinem Chef, Daniel Sedding, nach Halle an der Saale gefolgt bin. Hier sind meine Aufgaben vielfältig: Einerseits arbeite ich klinisch in allen Bereichen unserer Abteilung und nehme regelmäßig am Notarztdienst teil. Als Clinician Scientist habe ich außerdem Raum, meine experimentelle Forschung, insbesondere in der vaskulären Biologie, fortzusetzen. Daneben darf ich unsere Doktorandinnen und Doktoranden wissenschaftlich ausbilden, gemeinsam mit den Hallenser Kollegen Lehrcurricula für unsere Studierenden und ein Weiterbildungscurriculum  „Kompetenzbasierte Weiterbildung Kardiologie“ etablieren. Ich darf also die universitäre Trias aus Forschung, Lehre und Krankenversorgung in vollen Zügen genießen.

Dr. Jochen Dutzmann © DGK 

Wollten Sie schon immer Kardiologe werden und was waren Ihre Beweggründe?

Nein, gar nicht. Nach dem Physikum habe ich bei Daniel Sedding damals noch in Gießen meine Doktorarbeit begonnen. Für die Arbeitsgruppe hatte ich mich weniger wegen der Kardiologie als vor allem wegen einer mutmaßlich guten Betreuung und außerordentlich guter Forschung entschieden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich mit der Neurologie geliebäugelt; dort gab es in Gießen allerdings keine allzu aktive grundlagenwissenschaftliche Forschung. Während des Studiums und parallel zu meiner Doktorarbeit habe ich mich dann auch für andere Fächer begeistern lassen, vor allem für die Nephrologie und die Anästhesiologie. Letztendlich wollte ich gerne in ein Fach der Akutmedizin, das mit chirurgischen Fächern zusammenarbeitet, aber nicht Dienstleister für chirurgische Disziplinen ist. Ein Fach, in dem ich Intensivmedizin machen kann, aber auch Raum für Forschung habe. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist auch das wohl am ehesten ein vordergründiges und fast geheucheltes Abwägen gewesen. Letztendlich habe ich mich wohl einfach von Vorbildern und tollen Kardiologinnen und Kardiologen, die ich im Rahmen meiner Doktorarbeit sowie eines Forschungsaufenthalts in Boston kennen gelernt habe, für dieses Fach begeistern lassen.

Was fasziniert Sie an der Kardiologie?

Die Arbeitsbereiche der Kardiologie sind in ihrer Vielfalt in der Medizin fast einzigartig. So vereinigt die Kardiologie – teilweise in enger Zusammenarbeit mit der Herzchirurgie – operative und interventionelle Therapieoptionen, ein starkes Bildgebungssegment mit nahezu allen Bildgebungsmodalitäten von Echokardiographie über CT bis MRT und mancherorts sogar Myokardszintigraphie, differenzierte und sehr moderne Pharmakotherapie einschließlich targeted therapies, Notfall- und Intensivmedizin und dem immer mehr an Bedeutung zunehmenden Bereich der Prävention. Das ganze schließt nicht nur strukturelle Herzerkrankungen, vaskuläre Erkrankungen und die Rhythmologie mit ein, sondern auch kleinere Bereiche wie die Sportkardiologie, Kardioonkologie oder den wachsenden EMAH-Bereich, der große Überschneidungen mit der Pädiatrie bietet. Die Medizin all dieser Teilbereiche fußt auf strukturierten Leitlinien und beispielhafter Evidenz aus großen und qualitativ häufig hochwertigen Studien. Diese sind keinesfalls „der heilige Gral“, aber immerhin sehr guter Ausgangspunkt, um kritisch-rational über die Medizin, die wir machen und unseren Patienten anbieten, nachzudenken. Und gleichzeitig gibt es weiterhin viel „zu entdecken“: Wir versorgen beispielsweise Patienten mit terminaler Herzinsuffizienz in der Acute Cardiac Care auf sehr hohem Niveau, kennen eine Reihe Prognose verbessernder Pharmaka, können ihnen Herzunterstützungssysteme anbieten und im Einzelfall sogar die Herztransplantation. Wir haben für diese schwere und tödlich verlaufende Erkrankung bisher jedoch bisher häufig eine komplementäre Supportive and Palliative Cardiac Care völlig vernachlässigt. Diesen monetär zwar weniger lukrativen und bisher kaum beforschten, aber für eine umfassend gute Patientenversorgung essenziellen Bereich, der sich von herkömmlicher Palliativmedizin ebenso wie von Kardiologie wie wir sie heute häufig machen deutlich unterscheidet, möchte und darf ich in Halle nun ausbauen.

Was ist Ihre Aufgabe als stellvertretender Sprecher der Young DGK? Und was fasziniert Sie an der Arbeit in der Young DGK besonders?

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat mit der Entscheidung zur starken und engagierten Förderung unserer Sektion der jungen Kardiologie ein Sprachrohr gegeben. Und wir werden gehört! Damit räumen die Köpfe der Gesellschaft, erfahrene Kardiologinnen und Kardiologen, Ordinarien, Chefärzte und versierte Niedergelassene, uns ein einzigartiges Mitgestaltungsrecht der Kardiologie von morgen ein. Es bleibt für uns also nicht dabei, im stillen Kämmerlein über schlechte Weiterbildung zu meckern, darüber nicht für Forschungsengagement freigestellt zu werden und Kollegen an anderen Standorten eher zufällig kennen zu lernen. Wir sind im Gegenteil dazu aufgefordert, Ideen einzubringen und gemeinsam mit „den alten Hasen“ Herzmedizin zu gestalten, zu beforschen, Weiterbildung zu verbessern und junge Kardiologinnen und Kardiologen zusammenzubringen. Als Mitglied des Nukleus bringe ich mich insbesondere bei Social Media-Themen und in Weiterbildungsfragen ein. Als stellvertretender Sprecher habe ich gemeinsam mit unserer Sprecherin Frau Dr. Victoria Johnson vor allem koordinative Aufgaben, bin Bindeglied zu Vorstand und Geschäftsstelle und darf nach teils mühsamer Konsensfindung innerhalb des Nukleus und der Sektion den Standpunkt junger Kardiologinnen und Kardiologen nach außen vertreten.

Wenn Sie an die Weiterbildung zum Facharzt/zur Fachärztin denken, Internist oder Kardiologe? Was macht Sinn und wann muss man sich entscheiden?

Ich denke, dass sich das schwer verallgemeinern lässt. Wichtig ist, was man im Rahmen seiner Weiterbildung gelernt und verinnerlicht hat. Denn auch der „Kardiologe“ ist ja ein Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie. Wovor ich warne, ist allerdings der Trend, den allgemein-internistischen Teil eher abschätzig zu beäugen. Ich warne davor, die erforderlichen Außenrotationen „hinzubiegen“ über Stationen, die gemeinsam mit anderen Fachbereichen betrieben werden, und ich warne vor unkritischer Bescheinigung allgemein-internistischer Kompetenzen durch den kardiologischen Chef. Dieser falsche Wunsch nach einer „straight-kardiologischen“ Ausbildung, ohne sich mit internistischen Inhalten „aufzuhalten“, betrifft dabei sowohl einige Klinikdirektoren als auch unsere Weiterbildungskolleginnen und -kollegen. Ich selbst habe insbesondere in Gastroenterologie und Endokrinologie die Nebenwirkungen kardiologischer Pharmakotherapie und ihr Management kennen gelernt. Das betrifft vor allem gastrointestinale Blutungen unter gerinnungshemmender Therapie oder Hyperthyreosen unter Amiodaron. Ich habe dort Management und Therapie der bei unseren Patienten wahrscheinlich wichtigsten Komorbidität, des Diabetes, gelernt. Denn auch erst die Kenntnis der Komorbiditäten lässt uns gute und differenzierte kardiovaskuläre Medizin machen – bis hin zur Stent-Auswahl im Herzkatheterlabor und der Therapiestrategie beim Vorhofflimmern.
Ich habe darüber hinaus in der Gastroenterologie meine Sonographie-Skills vertiefen können und in der Pneumologie bronchoskopieren gelernt – beides Fähigkeiten, die mich schon über den ein oder anderen Intensiv-Nachtdienst gebracht haben. In der Pneumoonkologie (auf einer pneumologisch-hämatoonkologisch-strahlentherapeutisch gemischten Station) habe ich mein Interesse für Palliativmedizin entdeckt – und mich der Frage gestellt, warum wir unseren mindestens genauso kranken und stark leidenden Patienten diese Therapiekonzepte nicht in modifizierter Form anbieten. Und in allen Fachbereichen habe ich aus dem kardiologischen „Brustschmerz-ACS“-Denken ausbrechen lernen müssen und ganz viel Differentialdiagnostik gelernt. Kurzum: Ich habe das Gefühl, der ständige Blick über den Tellerrand lässt mich unseren kardiologischen Patienten erst richtig gerecht werden, sie differenziert und personalisiert behandeln und ihnen ein guter Arzt sein.

Und eben auf diesen Kenntniserwerb empfehle ich Jungassistentinnen und -assistenten im Rahmen ihrer Weiterbildung Acht zu geben. Wann man sich bei der Ärztekammer am Ende für welche Prüfung anmeldet, ist dabei eher zweitrangig und individuell. Die Entscheidung, zunächst Internist zu werden, fußte bei mir auch nicht zuletzt darauf, damit kurzfristig Voraussetzungen für eine Oberarztstelle zu schaffen.

Welchen Einfluss hat die Auswahl des Hauses/Klinik auf die eigene Weiterbildung, also bspw. peripheres Haus vs. Universitätsklinikum?

Zunächst ist die Überlegung sinnvoll, wo man sich selbst eigentlich sieht. Das ist nicht in Stein gemeißelt, aber eine gewisse Festlegung ist nach dem Studium doch nötig. Möchte man sich in weiter Zukunft irgendwann als Hausarzt und Internist niederlassen, kann ein kleines Haus, in dem ein breites Spektrum ganzheitlicher internistischer Medizin gelehrt wird, sinnvoller als eine Universitätsklinik sein. Träumt man eher davon, beispielsweise interventioneller Kardiologe zu werden und komplexe Koronarläsionen zu behandeln, möchte man die Behandlung schwersterkrankter Patienten mit Herzunterstützungssystemen oder die Ablation komplexer ventrikulärer Tachykardien lernen, darf es eher ein Haus der Maximalversorgung oder der sogenannten Supramaximalversorgung sein. Hier tritt dafür der ganzheitliche Blick auf den Patienten leichter in den Hintergrund. Will man forschen und/oder Raum zur Gestaltung haben, braucht es eine gute personelle Ausstattung, die man in der Regel an Universitätsklinika findet. Ich empfehle in jedem Falle, vor Entscheidung für eine Stelle in unterschiedlichen Häusern zu hospitieren und mit den dort tätigen Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten ins Gespräch zu kommen. Denn letztendlich muss man sich dort vor allem über Jahre wohlfühlen – und das in überdurchschnittlich vielen Wochenstunden.

Nische suchen oder mit dem Strom schwimmen – wie kommt man am schnellsten durch die Weiterbildung?

Die Frage ist ja vielmehr: Wie kommt man am effizientesten durch Weiterbildung? Und wie legt man Grundsteine für eine Karriere nach der Weiterbildung – wie auch immer die aussehen mag. Grundsätzlich lässt sich sowas, glaube ich, nicht per se planen, sondern hängt von vielen Umständen ab. Davon, was man gut kann, davon, was dem eigenen Chef wichtig ist, davon, was die aktuellen „Needs“ der eigenen Klinik sind und davon, wie man von seinem Oberarzt und Fürsprechern innerhalb der Klinik positioniert wird. Der letzte Punkt ist dabei der wahrscheinlich wichtigste: Essenzieller als eine Nische zu finden, ist es einen Mentor bzw. eine Mentorin zu finden. Hier sollte „die Chemie“ stimmen. Mentorin bzw. Mentor sind dabei nicht nur Fürsprecher beim Chef, sondern auch Ansprechpartner für die persönliche Karriereplanung und können im besten Falle Berater oder sogar Freund sein, wenn es darum geht, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Ein solcher Fürsprecher kann maßgeblichen Einfluss auf die Geschwindigkeit der Weiterbildung haben, aber vor allem auch auf die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und persönlichen Schwerpunktsetzung. Die wiederum hängen dann natürlich in Teilen von den Schwerpunkten dieses Mentors ab. Einige Kliniken bieten strukturierte Mentorprogramme an, aber auch ohne solche Programme kann man einen Mentor oder eine Mentorin finden, auch wenn das nicht offen ausgesprochen und so deklariert wird.

Haben Sie Ratschläge zu „Was machen, wenn's nicht läuft mit der Weiterbildung?“

Zielführender als die Anzeige bei der Ärztekammer oder das Teilen des Unmuts mit Assistentenkollegen ist die Suche nach dem Gespräch mit den Rotations- und Weiterbildungsverantwortlichen. Meist gibt es zwingende Gründe für bestimmte Rotationseinteilungen und meiner Erfahrung nach machen es sich die Verantwortlichen hier selten einfach. In vielen Kliniken erfolgt die primäre Einteilung durch die Assistentensprecher, die wahrscheinlich auch die niederschwelligsten Ansprechpartner sind, die schon etwas Licht ins Dunkel bringen und die den eigenen Wünschen Gehör schenken können. Sollten die Assistentensprecher weniger Mitspracherecht haben, bietet sich ein Gespräch mit erwähntem Mentor bzw. erwähnter Mentorin an. Und ansonsten das vertrauliche Gespräch mit dem Personaloberarzt. Grundsätzlich sollte dieses Thema Platz in den jährlichen Weiterbildungsgesprächen finden. Ich darf dazu ermutigen, eigene Wünsche und Bedürfnisse dort auch anzusprechen und zur Diskussion zu stellen. Davon, bei diesen Gesprächsgelegenheiten verschüchtert vor seinem Chef oder seiner Chefin zu sitzen, ändert in der Regel nicht viel. Und die allermeisten Chefinnen und Chefs beißen nicht, sondern sind Menschen, mit denen man reden kann und die in der Weiterbildungsplanung weitere Probleme haben, insbesondere auch hinsichtlich der Stellenfinanzierung und strategischen Führung und Ausrichtung der Klinik. Das kann da alles mit reinspielen und manchmal benötigen die Verantwortlichen einfach einen kleinen Hinweis auf die Bedürfnisse einzelner Assistentinnen und Assistenten.

Wie engagieren Sie sich als Young DGK für die kardiologische Weiterbildung?

Für uns als Young DGK ist die Förderung der Weiterbildung ein ganz zentrales Thema. Junge Kardiologinnen und Kardiologen sollen in ihrer persönlichen und individuellen Entwicklung  gefördert werden und sich gleichzeitig darauf verlassen können, die von den Ärztekammern definierten Weiterbildungsziele zuverlässig zu erreichen. Dazu sind wir nicht nur im engen Austausch mit den Direktoren kardiologischer Kliniken. Mit unseren Akademiekursen wie der „Young DGK Autumn School“ und „Young DGK #interaktiv“ decken wir insbesondere die Themen ab, die nicht in den Weiterbildungsordnungen verankert sind. Außerdem versuchen wir, jungen Kolleginnen und Kollegen Orientierung im schnell wachsenden Feld der Kardiologie zu geben und gleichzeitig Blicke über den Tellerrand zu ermöglichen. Ohne zu viel zu verraten, darf ich aber schon ankündigen, dass wir bereits weitere Kursformate in der Pipeline haben und aktuell mit Hochdruck an deren Finalisierung arbeiten. Um der individuellen Weiterbildung und Schwerpunktsetzung Raum zu garantieren, haben wir das Young DGK Weiter- und Fortbildungsnetz entwickelt, in dem wir mit teilnehmenden Kliniken eng zusammenarbeiten. Kliniken, die sich im Bereich der individuellen Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders engagieren – selbstverständlich nach festgelegten und transparenten Kriterien– können ab 2020 Mitglied werden.

Bei all dem ist uns wichtig, dass wir die besonderen Bedürfnisse unserer Mitglieder an universitären Häusern ebenso berücksichtigen wie an kleineren peripheren Häusern, peripheren Maximalversorgern oder nicht-universitären Herzzentren. Wir wollen alle gleichermaßen mitnehmen.

Und zuletzt: Was war Ihr schönstes Erlebnis in Ihrem Arztalltag?

Ui, da gibt es viele. Es ist schön, wenn Paper, in die jahrelange Arbeit geflossen ist, akzeptiert werden. Es ist schön, wenn Ideen, die ich habe, von meinem Chef gehört werden, mit Interesse aufgenommen werden und ich darin bestärkt werde. Das mag nun pathetisch klingen, aber nichts ist so schön, wie sich als Team mit ärztlichen und pflegerischen Kollegen über dankbare Patienten zu freuen, denen wir für sie und alle spürbar etwas Gutes haben tun können. Am intensivsten habe ich das nach erfolgreicher Intensivtherapie nach extrahospitalen Reanimationen verspürt.

Bildnachweise
Dr. Jochen Dutzmann/© DGK