Onlineartikel 16.12.2014

Immer mehr „aufgeputschte Kinder“ in Deutschland

Der Absatz sogenannter Energy-Drinks steigt stetig, auch bei Kindern und Jugendlichen, die sie auch literweise zu trinken scheinen. Auf der diesjährigen Hochdruckliga-Tagung in Berlin warnt ein Kinderkardiologe vor den gesundheitlichen Folgen dieser stark koffeinhaltigen Getränke.

Es ist kaum zu glauben, was der Kinderkardiologe Dr. Martin Hulpke-Wette aus Göttingen auf der diesjährigen wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Hochdruckliga in Berlin berichtete. Es gebe Kinder, die nahezu täglich Energy-Drinks konsumieren, also jene „Wachmacher“, die dreimal so viel Koffein enthalten wie Cola.

Drei Dosen und mehr pro Tag

„Fast jeden Tag auf dem Weg in meine Praxis begegnet mir ein Kind, das eine Energy-Dose in der Hand hält“, erzählte Hulpke-Wette. Eine statistische Erhebung unterstützt seine Erfahrungen: 19 Prozent der acht- bis zehnjährigen Kinder in Deutschland hat schon mal ein Energy-Drink konsumiert oder trinkt gar regelmäßig ein solches Getränk, bei den Erwachsenen sind es 13 Prozent.

Diese Angaben stammen aus einer europäischen flächendeckenden Erhebung der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (efsa), in der Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus 16 EU-Ländern zu ihrem Konsumverhalten befragt worden sind. Insgesamt wurden etwa 50.000 Fragebögen ausgewertet.

In Deutschland wurden 4960 Personen befragt. 16 Prozent der sechs bis zehnjährigen Konsumenten (930) galten sogar als sogenannte „high chronic consumers“; das bedeutet, dass diese Kinder vier bis fünf Mal pro Woche täglich einen Energy-Drink konsumieren. Neben den chronischen Konsumenten gibt es die „high acute consumers“, also Extremkonsumenten, die auf einmal mehr als einen Liter dieser Muntermacher schlucken, die Hälfte dieser „high acute consumers“ sogar vier Dosen und mehr.

Gesundheitlich besonders bedenklich sind die beliebten Mixgetränke: Energy-Drink plus hochprozentigen Alkohol, etwa Wodka Redbull, was wahrscheinlich jedem Discogänger ein Begriff sein dürfte. Ein Drittel der „high chronic consumers“ konsumiert diese Getränke – eine nicht ungefährliche Mischung. Hulpke-Wette warnt: Wenn jemand bereits ein genetische kardiale Veranlagung wie eine durch Adrenalin induzierbare ventrikuläre Tachykardie hat, kann eine solche Mischung tödlich sein, etwa zu einem hyperdynamen Kreislaufversagen führen. „Viele Jugendliche kippen regelmäßig aufgrund eines extremen Konsums dieser Mixgetränke um“, so Hulpke-Wette.

Kinder-Herzen werden dicker

Einzelfälle von Todesfällen und schweren Vergiftungen aufgrund eines übermäßigen Konsums an Energy-Drinks hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das dem Verbraucherschutzministerium zugeordnet ist, bereits im Dezember 2009 detailliert erfasst. Bei Konsummengen zwischen einem und drei Litern sei sowohl akutes Nierenversagen als auch plötzlicher Herztod bei jungen Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen dokumentiert worden, berichtete Hulpke-Wette.

In einer eigens initiierten Erhebung untersuchte das Institut daraufhin bestimmte Personengruppen, bei denen sich Energy-Drinks besonderer Beliebtheit erfreuen. Sogenannte „LAN-Party“-Besucher scheinen diesen „Wachmachern“ besonders verfallen; kaum verwunderlich, denn die Teilnehmer solcher Computerspiele-Treffen „zocken“ meist die Nächte durch. Dieser Erhebung zufolge trinken sie dabei durchschnittlich ein bis zwei Liter Energy-Drinks pro Session.

Welche Folgen ein derartiger Konsum haben kann, weiß Hulpke-Wette aus eigener Erfahrung. Immer häufiger beobachte man, dass das Auftreten einer linksventrikulären Hypertrophie mit der Einnahme von Energy-Drinks korreliere. Einer seiner Patienten hätte ein Jahr lang jeden Tag einen Liter eines Energy-Drinks getrunken. Dieses Kind wies eine Septumwanddicke von 22 mm auf, eine linksventrikuläre Wanddicke von bis zu 12 mm gilt bei erwachsenen Menschen als normal.

Früh eingreifen, schlimmeres verhindern

Diese Form der Kardiomyopathie könne bei Kindern nach zwei bis drei Jahren allerdings vollständig zurückgehen, so Hulpke-Wette – wenn man sie rechtzeitig erkennt und eingreift.

Um das Auftreten derartiger kardialer Folgen erfassen zu können, möchte das BfR zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für niedergelassene Kinderkardiologen e.V. jene Kinder identifizieren und kardiologisch untersuchen, die regelmäßig oder im hohen Maße Energy-Drinks konsumieren.
Geplant seien 30 bis 50 gut dokumentierte Fälle mit einem gewissen Follow-up, so Hulpke-Wette. So könne man, hofft er, das Problem besser darstellen und vielleicht eine Lösung finden, wie man an diese Kinder herankommen könnte.

Litauen hat den Verkauf von Energy-Drinks an Kinder und Jugendliche bereits gesetzlich verboten. 

Literatur

38. Wissenschaftlicher Kongress der Deutschen Hochdruckliga DHL in Berlin; 11.-13. Dezember 2014; Sitzung der Kommission Hypertonie im Kindes und Jugendalter