Nachrichten 15.09.2021

5 Empfehlungen für mehr Vielfalt in der kardiologischen Forschung

Weibliche Teilnehmer sind in kardiologischen Studien nach wie vor unterrepräsentiert, was Behandlungsfehler fördern kann. Experten haben die Gründe dafür untersucht und liefern entsprechende Lösungsvorschläge.

Obwohl es bei beiden Geschlechtern erhebliche Fortschritte beim Senken der kardiovaskulär bedingten Morbidität und Mortalität gegeben habe, basieren die aktuellen leitlinienorientierten Therapien auf Daten, die überwiegend männliche Patienten einschließen, stellen Dr. Jeske van Diemen vom medizinischen Zentrum der Universität Amsterdam und Kollegen fest. Um Frauen optimal zu behandeln, müsse es jedoch mehr weibliche Studienteilnehmer geben. Denn diese haben beispielsweise ein höheres Risiko für Nebenwirkungen von Medikamenten als männliche Patienten und benötigen mitunter andere Dosierungen, geben die Forscher zu bedenken.

Da van Diemen und ihr Team selbst die Erfahrung machten, dass es schwierig ist, Frauen für Studien zu rekrutieren, untersuchten sie die Gründe dafür. Ihre Recherche ergab sechs Studien mit rund 2.000 Teilnehmern. Sie fanden heraus, dass es zu den Motivationsfaktoren für Männer und Frauen gehört, eine bessere medizinische Versorgung in Anspruch nehmen zu können und die Wissenschaft zu unterstützen. Keine der Studien wurde durch einen Prozess begleitet, der aktiv die Anmelderate von Frauen fördert. Frauen in höheren sozioökonomischen Positionen seien eher bereit gewesen teilzunehmen, was Frauen mit niedrigerem sozialen Status marginalisieren könne, so die Forscher.

Das sind Barrieren für Frauen

Barrieren waren für Frauen und Männer zeitliche Einschränkungen, Befürchtungen Teil einer Studie mit experimentellem Design zu werden und Sorge, dabei ein Risiko einzugehen. Frauen lehnten eine Teilnahme häufiger ab, weil sie befürchteten, dass diese Schädigungen nach sich ziehen könne. Zudem nannten sie häufiger Transportprobleme als Ablehnungsgrund als Männer. Aus ihren Ergebnissen haben die Forscher um van Diemen fünf Empfehlungen abgeleitet, wie es gelingen könnte, mehr Frauen als Probandinnen zu gewinnen:


  1. In wissenschaftliche Journals einbinden: Zunächst fordern die Mediziner mehr Forschung dazu, warum Frauen einer Studienteilnahme zustimmen oder nicht, sodass Interventionen entwickelt werden können, um den Anteil an Probandinnen zu erhöhen. Zudem plädieren sie dafür, dass wissenschaftliche Journals gezielt Genderthemen und geschlechtsspezifische Daten zu kardiovaskulären Erkrankungen veröffentlichen, um die Forschung in diesem Bereich zu fördern.
  2. Studiendesign verbessern: Van Diemen und Kollegen empfehlen auch Rahmenkonzepte, die darauf abzielen, mehr Gesundheitsgerechtigkeit in das Design randomisierter Studien zu integrieren. Ein Beispiel dafür ist PROGRESS Plus (Place of residence, Race, Occupation, Gender, Religion, Education, Socio-economic status, Social capital), ein Konzept, das dazu dient, die genannten Faktoren im Forschungsdesign zu überprüfen.
  3. Diversität in Forschungsgruppen erhöhen: Als weitere mögliche Lösung sehen die Studienautoren, die Diversität in Forschungsgruppen zu erhöhen. Denn in den Führungsgremien großer klinischer Studien in der Kardiologie liege der Frauenanteil nur bei 10%. „Eine vielfältige Belegschaft ist besser in der Lage, verschiedene Bevölkerungsgruppen zu verstehen und ihre Forschung auf unterschiedliche Teilnehmer abzustimmen“, ergänzen van Diemen und ihr Team.
  4. Geschlechtsspezifische Lehrpläne entwickeln: Den Forschern zufolge ist die Entwicklung und Umsetzung einer diversitätsorientierten Ausbildung erforderlich, um Medizinstudierende, Assistenzärzte und Forscher für die Zukunft auf eine vielfältige Patientenpopulation vorzubereiten. 
  5. Zugang zu Studienzentren verbessern: Eine bessere Anbindung der Zentren, die Studien durchführen, oder Kinderbetreuung vor Ort könnten Frauen zur Teilnahme ermutigen, so die Studienautoren. Auch die Möglichkeit per Videocall von zu Hause aus an Studien teilzunehmen sei hilfreich. Besser zu verstehen, auf welche Weise Frauen Entscheidungen treffen, könne ebenfalls zu einer höheren Anzahl an Probandinnen führen.

Literatur

Van Diemen J et al. The importance of achieving sex- and gender-based equity in clinical trials: a call to action. Eur Heart J 2021. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab457

ESC-Pressemitteilung: Call to increase participation of women in cardiovascular clinical trials. 06.08.2021