Nachrichten 01.10.2020

ASS zum Inhalieren besteht Test in Pilotstudie

Eine Inhalation von Acetylsalicylsäure (ASS) könnte eine raschere Plättchenfunktionshemmung ermöglichen als bei Einnahme von zerkauten oder geschluckten ASS-Präparaten. Eine erste Pilotstudie kommt diesbezüglich zu positiven Ergebnissen.

Der antiischämische Effekt von ASS wird vor allem auf die Hemmung der Cyclooxygenase-Enzyme zurückgeführt, die wiederum zur Blockade der Thromboxan-A2 (TxA2)-Synthese in den Thrombozyten und zur daraus resultierenden Hemmung der Thrombozytenaggregation führt. Eine rasche Hemmung der Thrombozytenaggregation mit ASS schon in der frühen Phase der Thrombusbildung erscheint vor allem bei akutem Myokardinfarkt oder ischämischem Schlaganfall wünschenswert.

Gastrointestinaler und hepatischer ASS-Metabolismus wird umgangen

Das in Los Angeles ansässige US-Unternehmen Otitopic hat eine inhalierbare Nanopartikel-ASS-Formulierung entwickelt, mit der man dem Ziel einer beschleunigten Plättchenaggregationshemmung näher kommen will. Durch die direkte Exposition über die pulmonale Zirkulation wird dabei der gastrointestinale und hepatische ASS-Metabolismus umgangen. Appliziert wird ASS in inhalierbarer Zubereitungsform (I-ASS) mittels eines Trockenpulver-Inhalators.

US-Forscher um den Kardiologen Dr. Paul Gurbel vom Sinai Hospital of Baltimore haben nun erstmals in einer Pilotstudie („First In-Human Experience“) bei 17 gesunden Probanden mit normaler Lungenfunktion die pharmakodynamischen und -kinetischen Profile von I-ASS (50 mg und 100 mg) im Vergleich zu denen von löslicher ASS (162 mg) in zu zerkauender oder zu schluckender Darreichungsform verglichen. Nach Inhalation bzw. Einnahme der jeweiligen ASS-Dosis wurden bei den Probanden serielle Messungen der induzierten Plättcheneggregation (Aggregometrie) sowie der Serumkonzentration von Thromboxan-B2 (TxB2 ist der stabile Metabolit vonTxA2), der ASS-Konzentration im Blut und von 11-Dehydro-Thromboxan B2 (11-dh TxB2) im Urin über 24 Stunden vorgenommen.

Komplette Hemmung der Plättchenaggregation in nur zwei Minuten

Beide I-ASS-Dosierungen führten innerhalb von nur zwei Minuten zu einer kompletten Hemmung der Arachidonsäure-induzierten Plättchenaggregation, die dann über 24 Stunden anhielt. Nach Einnahme von ASS in konventioneller Form war eine entsprechende Wirkung nach etwa 30 Minuten erreicht.

Eine Hemmung der TxB2-Serumspiegel wurde in allen Gruppen innerhalb von zwei Minuten beobachtet. Sie war am relativ stärksten nach Inhalation von 100 mg I-ASS. Die maximale Hemmung von Serum-TxB2 hielt in allen Gruppen über 24 Stunden an. Der nach vier und 24 Stunden gemessene Gehalt an 11-Dehydro-Thromboxan-B2 im Urin als Marker für die In-vivo-TxA2-Bildung  war in allen Gruppen signifikant reduziert.

Die maximale Plasmakonzentration von ASS war nach Inhalation von 100 mg I-ASS am höchsten (2894 ng/ml), die Unterschiede im Vergleich zu 50 mg I-ASS (1370 ng/ml, p=0,009) und konventionell applizierter ASS (1896 ng/ml, p=0,05) waren signifikant. Die Zeit bis zum Erreichen der maximalen ASS-Plasmakonzentration war zudem kürzer mit 100 mg I-ASS (2 Minuten) als mit 50 mg I-ASS (4 Minuten) und in üblicher Weise eingenommener ASS (30 Minuten).

Weitere Studien in Planung

Die Ergebnisse der Pilotstudie legten nahe, dass die Inhalation von ASS bei Verwendung einer neuen Applikationshilfe ein rascheres und stärkeres Anfluten des Wirkstoffs und so schon früher eine stärkere Plättchenaggregationshemmung ermöglicht als die Einnahme von zerkauten oder geschluckten ASS-Präparaten, schlussfolgern die Studienautoren um Gurbel. Sie halten deshalb eine weitere Erforschung des neuartigen ASS-Applikationssystems für lohnenswert. Derzeit seien in Abstimmung mit der US-Gesundheitsbehörde FDA weitere Studien in Planung.

Literatur

Gurbel P.A.: et al.: First In-Human Experience With Inhaled Acetylsalicylic Acid for Immediate Platelet Inhibition - Comparison With Chewed and Swallowed Acetylsalicylic Acid. Circulation 2020, 142: 1305-1307. https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.120.047477

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen