Nachrichten 23.06.2017

Elektrisierend: Silikonkissen verwirren das EKG

Brustimplantate können nicht nur Männern den Kopf verdrehen, sondern auch T-Wellen. Eine neue Untersuchung zeigt, dass insbesondere über der Vorderwand EKG-Veränderungen auftreten können, die eher nicht vom Herzen kommen.

In der bei der EHRA EUROPACE – CARDIOSTIM-Tagung in Nizza vorgestellten Studie haben Kardiologen um Dr. Sok-Sithikun Bun insgesamt 28 Frauen mit Brustimplantaten und 20 Kontrollprobandinnen untersucht. Bun praktiziert am Princess Grace Hospital in Monaco an der Côte d’Azur, mithin in einer Gegend, wo EKG häufiger mal auf Silikon treffen dürfte.

Alle teilnehmenden Frauen waren gesund und hatten in der bei Brustimplantaten nicht einfachen, aber machbaren Echokardiografie keine strukturelle Herzerkrankung oder sonstige Hinweise auf kardiale Pathologien. Jedes 12-Kanal-EKG wurde von zwei unabhängigen, erfahrenen Elektrophysiologen ausgewertet, die hinsichtlich Geschlecht, Alter, Anamnese und dem Vorliegen von Implantaten im Unklaren gehalten wurden.

In der Kontrollgruppe ergab sich das bei gesunden Frauen zu erwartende Bild. Einer der beiden Elektrophysiologen klassifizierte sämtliche EKGs der 20 Kontrollprobandinnen als normal. Der andere hatte lediglich an einem EKG etwas auszusetzen und wertete es als nicht normal, ein Anteil von 5 % also.

In der Gruppe der Frauen mit Brustimplantaten sah das ganz anders aus. Der eine Elektrophysiologe wertete hier 38 % der EKGs als nicht normal, der andere sogar 57 %. „Nachdem sich die Frauen in den beiden Gruppen im Wesentlichen durch die Brustimplantate unterschieden, denken wir, dass das der Grund für die Fehlinterpretationen war“, so Bun.

Der häufigste pathologische Befund, den die Elektrophysiologen bei Implantat-Trägerinnen fanden, waren negative T-Wellen, häufig in den Ableitungen V1 bis V4, nicht immer, aber oft assoziiert mit ST-Streckensenkungen. Während negative T-Wellen eher unspezifisch sind, kann eine ST-Senkung bei passender Symptomatik für ein Ischämiezeichen gehalten und entsprechend fälschlich eine koronare Herzerkrankung oder gar ein Herzinfarkt angenommen werden. Wahrscheinlich, so Bun, wirkten die Implantate als eine Art elektrischer Störsender für die EKG-Signale.

Die monegassische Studie kann durchaus praktische Implikationen haben. Zum einen kann es Sinn machen, bei Frauen mit auffälligem EKG zumindest nach Implantaten zu fragen, wenn das nicht ohnehin offensichtlich ist. Zum anderen sollte der Arzt sich bei Implantat-Trägerinnen im Zweifel nicht auf das EKG alleine verlassen, sondern auch Bluttests zurate ziehen. Bun empfahl außerdem, ein EKG anzufertigen, bevor die Brustimplantate eingesetzt werden und das dann als Referenz aufzuheben.

Literatur

ESC-Pressemeldung 21. Juni 2017, Breast Implants May Impede ECG and Lead to False Heart Attack Diagnosis

Highlights

Aktuelles zum Coronavirus

Die WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus kürzlich als Pandemie eingestuft. Inzischen sind weit über 100 Länder von dem Ausbruch betroffen. Aktuelle Meldungen zum Coronavirus bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier. 

eHealth in der Kardiologie

Digitale Technologien sind aus der Kardiologie nicht mehr wegzudenken. In unserem Dossier finden Sie die aktuellsten Beiträge zum Thema eHealth und Digitalisierung in der Kardiologie. 

Webinar – "Rhythmuskontrolle bei Vorhofflimmern"

Prof. Christian Meyer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fasst in einem Live-Webinar die wichtigsten Neuerungen zur Rhythmuskontrolle bei Patienten mit Vorhofflimmern zusammen – praxisrelevant und mit Beispielen.

Webinar zur neuen Leitlinie Dyslipidämien

Auf dem ESC-Kongress 2019 wurde die neue Leitlinie Dyslipidämien vorgestellt. Prof. Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum Leipzig hat in einem Webinar die wichtigsten Neuerungen und deren Bedeutung für die Praxis zusammegefasst – kritisch, kurz, präzise.

Aus der Kardiothek

Was fällt Ihnen in der Echokardiografie auf?

Transthorakale Echokardiografie eines 50-jährigen Patienten mit schwerer rechtskardialer Dekompensation. Was ist zu sehen?

Defekt mit Folgen – das ganze Ausmaß zeigt das CT

CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe) – was ist zu sehen?

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Live Cases

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Bildnachweise
Coronavirus/© Naeblys / Getty images / iStock
eHealth in der Kardiologie/© ra2 studio / stock.adobe.com
Webinar Rhythmuskontrolle bei Patienten mit Vorhofflimmern/© Kardiologie.org | Prof. Meyer [M]
Webinar Dyslipidämien mit Prof. Ulrich Laufs/© Kardiologie.org | Prof. Laufs [M]
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe)/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2)
Live-Case AGIK/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018