Nachrichten 29.06.2017

Digital unterstützte Adhärenz-Offensive nach Herzinfarkt verpufft

Enttäuschung an der Compliance-Front: Eine große, randomisierte Studie fand keinen Effekt adhärenzfördernder Maßnahmen nach Herzinfarkt – obwohl gleich drei Konzepte kombiniert wurden.

Patienten nach Herzinfarkt sollten ihre Arzneimittel möglichst regelmäßig einnehmen: Mit der klassischen medikamentösen Sekundärprävention lassen sich Reinfarkte verhindern. Und dass Patienten mit frisch implantierten Stents von einer konsequenten Einnahme der Thrombozytenaggregationshemmer profitieren, ist auch kein Geheimnis.

Die von mehreren US-Gesundheitsorganisationen initiierte, randomisierte, kontrollierte, einfach verblindete HeartMate-Studie hat vor diesem Hintergrund versucht, die Arzneimittel-Adhärenz bei Herzinfarktpatienten zu verbessern – und ist damit unerwartet deutlich gescheitert. Konkret wurden 1.509 Herzinfarktpatienten aus unterschiedlichsten medizinischen Einrichtungen in den USA im Mittel 40 Tage nach dem Ereignis im Verhältnis eins zu zwei randomisiert zu entweder konventioneller Versorgung oder einer Adhärenzintervention, die aus drei Komponenten bestand.

Zum einen kam eine elektronische Pillendose zum Einsatz, das Produkt Vitality Glowcap, das unter anderem registriert, wenn Tabletten entnommen werden und Erinnerungen generiert, sollte das einmal vergessen werden. Zusätzlich wurde ein Belohnungssystem implementiert, eine Art Lotterie, bei der es Geldgeschenke zu gewinnen gab, wenn die Tabletten pünktlich eingenommen wurden, und zwar bis zu 50 Euro. Dritte Komponente war eine Support-Funktion, die es den Patienten erlaubte, sich und ihre elektronische Pillendose mit Freunden und Verwandten zu vernetzen, die auf diese Weise je nach Einnahmeverhalten positives oder negatives Feedback geben konnten.

Der ganze Aufwand half nichts

Das alles half freilich nichts. Die Studie hatte einen primären klinischen Endpunkt, nämlich Zeit bis zur ersten Revaskularisierung oder Tod. Hier gab es praktisch keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Genauso sah es bei den sekundären Endpunkten „Zahl der Hospitalisierungen“ und „Zeit bis zur ersten Hospitalisierung gleich welcher Ursache“ aus.

Das mag man noch wegstecken, klinische Endpunkte sind eben schwer zu erreichen. Gravierender ist, dass die Intervention schlicht nicht funktionierte. Es gab keinen Effekt der „Dreifachkombination“ auf die Compliance. Im einen Fall nahmen die Patienten 46 % der Tage ihre Pillen nach Vorschrift ein, im anderen Fall 42 % der Tage. Das war weit entfernt von jeder Signifikanz.

Woran hat es gelegen?

Die Autoren diskutieren mögliche Gründe für dieses etwas unerwartete Ergebnis, tun sich aber spürbar schwer mit einer Erklärung. Das Handling der Pillendosen könnte zu umständlich gewesen sein. Unerwünschte Ereignisse, die die Compliance-Intervention nicht adressierte, könnten das Kernproblem gewesen sein. Patienten in der Kontrollgruppe könnten auch „übermotiviert“ gewesen sein, wobei die Quote an Tagen mit korrekter Einnahme insgesamt nicht besonders hoch war. Es wurden also schon die richtigen Patienten eingeschlossen.

Literatur

Volpp KG et al. Effect of Electronic Reminders, Financial Incentives, and Social Support on Outcomes After Myocardial Infarction. JAMA Intern Med. 26. Juni 2017, doi: 10.1001/jamainternmed.2017.2449

Highlights

Neuer Podcast: Kardiovaskuläre Prävention – zwischen Mythen und Fakten

Neuer Podcast auf Kardiologie.org! In der zweiten Ausgabe mit Prof. Ulrich Laufs geht es um gängige Irrtümer in der kardiovaskulären Prävention, um immer neue Empfehlungen zu Eiern und um die Frage: Statine – ja oder nein?

Herzkongress mit wöchentlichen Vorträgen

Der DGK.Online-Kongress 2022 geht weiter: Jede Woche erwarten Sie wieder spannende Live-Vorträge aus der Herz-Kreislauf-Medizin, viele davon CME-zertifiziert. Nehmen Sie teil und sammeln Sie live CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Neue TAVI-Aortenklappe mit gutem Leistungsprofil in der Praxis

Ein neues und technisch verbessertes Klappensystem für die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) hat im Hinblick auf Sicherheit und Effektivität in einer Registeranalyse gute Leistungsmerkmale gezeigt.

Statine: Automatisierte Erinnerungen können Verschreibungsrate erhöhen

Damit bei keinem Hausarzttermin mehr vergessen wird, geeigneten Patienten und Patientinnen Statine zu verschreiben, haben US-amerikanische Forschende ein System getestet, dass mithilfe von elektronischen Patientenakten und SMS alle Beteiligten daran erinnert.

Laienreanimiation: Machen Smartphone-Alarme sie besser?

Eine randomisierte Studie hat untersucht, ob eine Alarmierung registrierter Laienhelfer per Smartphone bei (Verdacht auf) Herzstillstand die Einsatzrate von externen Defibrillatoren erhöht. Das war nicht der Fall, was aber nicht gegen die Alarm-Algorithmen spricht.

Aus der Kardiothek

Influenzaimpfung in der kardiologischen Praxis: Tipps zur Umsetzung und Abrechnung

Auch in der kardiologischen Praxis können Patienten/Patientinnen gegen Influenza geimpft werden. Prof. Jörg Schelling erläutert, was Sie bei der Umsetzung beachten sollten und gibt Tipps zur Abrechnung.

Update Amyloidose: Red Flags, Diagnose und Therapie

Die Dunkelziffer bei der ATTR-Amyloidose ist groß. Umso wichtiger ist es, dass Kardiologen/Kardiologinnen die typischen Beschwerden kennen und erkennen. Prof. Wilhelm Haverkamp gibt Tipps zur Diagnosestellung und Behandlung und klärt wichtige Fragen zur Erstattung.

Hätten Sie es erkannt?

Intravaskuläre koronare Bildgebung mittels optischer Kohärenztomografie eines 46-jährigen Patienten nach extrahospitaler Reanimation bei Kammerflimmern. Was ist zu sehen?

Podcast-Logo
DGK.Online 2022/© DGK
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org
Kardio-Quiz Oktober 2022/© PD Dr. Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen