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14.04.2018 | Ischämische Herzerkrankungen/Koronare Herzkrankheit, KHK | Nachrichten

Luftverschmutzung

Feinstaub: Ein KHK-Risiko mit Tradition

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Auch wenn die Luftverschmutzung seit der industriellen Revolution deutlich abgenommen hat, so ist die Schadstoffbelastung nach wie vor hoch genug, um Erkrankungen von Herz und Lunge herbei zu führen.

In der Hauptstadt der Welt stank es zum Himmel und kaum ein Besucher, der unter dem bleiernen Himmel der Metropole nicht von Hustenattacken, wenn nicht gar von thorakaler Beklemmung geschüttelt wurde. London war das Herz eines weltumspannenden Empire und die kleine, zur Pummeligkeit neigende Königin gab dem ganzen Zeitalter ihren Namen. Viktorianisch waren nicht nur bürgerliche Sittsamkeit und ein Hauch von Prüderie, sondern auch eine kaum vorstellbare Luftverschmutzung in der Stadt und soziale Abgründe, deren schlimmster anno 1888 im Stadtteil Whitechapel umging.

„London Fog“ tödlicher als Jack the Ripper

Doch für viele Zeitgenossen bedurfte es keines Rippers, um vorzeitig einen Abgang aus dieser Welt zu erleiden. Rund 3,5 Millionen Kamine heizten in London in jenen Jahren die Haushalte, von den zahllosen Schloten der Industrie, den Dampflokomotiven und den Schiffen auf der Themse ganz zu schweigen. Der von billiger Kohle verursachte Ruß lag oft zentimeterdick auf den Fenstersimsen und kleidete die Lungen der Menschen aus, dass sich Pathologen bei fälligen Obduktionen gefragt haben mögen, ob der Verblichene wohl ein Kettenraucher war, oder einfach nur täglich einen Spaziergang durch den Hyde Park unternommen hatte.

Bei bestimmten Wetterlagen wurde die Luft so undurchsichtig – „London Fog“ oder bald „Smog“ genannt – dass Ortsunkundige verschiedentlich bar jedweder Orientierung in die Themse fielen und ertranken. Serves them right, bloody foreigners! Das Verderben lauerte auch noch später, in der Postmoderne: 1952 starben im „Great Fog“ wahrscheinlich bis zu 12.000 Menschen.

Der Staub wird feiner – und bleibt gefährlich

Heute – und bei uns auf dem Kontinent – haben wir es etwas feiner, wenn es darum geht, die Verderbnis mit dem Respirationsakt ins Körperinnere zu bringen und damit den Keim von Siechtum und Niedergang anzulegen. Feinstaub ist so etwas wie das Schreckgespenst der wohlsituierten Gegenwart, einer Epoche, in welcher die Industrieanlagen des Ruhrgebietes Eventlocations oder pittoreske Hintergrundpanoramen für die Fußballarenen der Region sind und die berühmte Hütte im saarländischen Völklingen nur noch in der Landschaft steht, um als Weltkulturerbe zu dienen.

Der Feinstaub kommt heutzutage in Deutschland weniger aus rauchenden Schloten, sondern vor allem aus unseren Lieblingen – den Autos, ob Diesel oder Benziner. Der Spiegel warnte unlängst vor dieser Gefahr und stattete seine Online-Leser dankenswerterweise mit einem Grundwissen über diese aus.

Die Kleinsten sind die Schlimmsten

Als Feinstaub gelten Partikel, die kleiner als 10 Mikrometer sind. Als Ultrafeinstaub, solchen stoßen dem Vernehmen nach Benzinmotoren gern aus, gelten Teilchen von einer Größe unter 0,1 Mikrometer.

Je kleiner, so lesen wir in dem Hamburger Nachrichtenmagazin mit Entsetzen, desto invasiver: „Die ultrafeinen Partikel können sogar in den Blutkreislauf übergehen und so im Prinzip sämtliche Körperregionen erreichen und dort Schaden anrichten ... Feinstaub reizt Atemwege und Schleimhäute, damit kann er Atemwegsprobleme wie Husten, Atemnot und Asthma entstehen lassen oder verstärken.

Auch an der Entstehung von Lungenkrebs können die Partikel beteiligt sind. Wenn sie ins Blut gelangen, richten sie auch dort Schäden an, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, z. B. Herzrhythmusstörungen, Arterienverkalkung und Infarkt, steigt. Menschen, die bereits Atemwegs- oder Herzprobleme haben, sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO besonders durch Feinstaub gefährdet, das gilt auch für Kinder und Senioren.

Stickoxide besonders schlecht fürs Herz

Der Feinstaub kommt indes laut Spiegel selten allein, oft wird er von einer erhöhten Belastung mit Stickoxiden begleitet, die besonders aus Kardiologensicht bedenklich ist: „Ein rascher Anstieg der Stickoxid-Konzentration in der Luft scheint einer Studie zufolge das Herzinfarktrisiko zu erhöhen. Bislang war bekannt, dass hohe Konzentrationen der Gase die Gefahr von Herzinfarkten steigern können. Die Auswirkungen eines kurzzeitigen Anstiegs der Schadstoffmenge sind jedoch kaum untersucht.“

Wetterlage entscheidet mit über Stickoxid-Werte

Der Artikel in dem Nachrichtenmagazin bezieht sich auf eine Studie aus Jena, die den Zusammenhang zwischen Stickoxidkonzentration und Herzinfarktinzidenz untersucht hat: „Etwa jeder fünfte Todesfall in Europa geht auf einen Herzinfarkt zurück“, schreiben die Autoren im European Journal of Preventive Cardiology. Dass Stickoxide unter anderem zu Herzkrankheiten führen können, sei gut belegt. Bisher seien allerdings die Auswirkungen von Konzentrationsänderungen im Tagesverlauf kaum untersucht, sagt Anett Neumann vom Umweltbundesamt.

Die Studie sei gut gemacht, es sei aber nicht auf den ersten Blick ersichtlich, in welchem Maße andere Einflüsse bei der Auswertung berücksichtigt wurden. „So gibt es beispielsweise einen Zusammenhang zwischen kalten Temperaturen und dem Auftreten von Herzinfarkt. Bei Kälte gebe es zugleich oft bestimmte Wetterlagen, an denen wenig Wind und damit höhere Stickoxid-Werte herrschen.“

Zigarettenrauch versus Lkw-Abgase

Es mag den Autofahrer seelisch erleichtern zu lesen, dass es nicht dieses Fortbewegungsmittel allein ist, das unsere Umwelt mit Feinstaub und Stickoxiden belastet. „Auch Raucher atmen deutlich mehr Feinstaub ein als Nichtraucher. 2016 berichteten Forscher etwa, dass zwei Zigaretten einen Raum deutlich stärker mit Feinstaub belasten als die Abgase von einem Lkw, der acht Minuten im Leerlauf läuft.“

Womit wir wieder beim Thema Rauchen wären, welches jedem Medikus doch bekanntlich den Blutdruck, aus Empörung und Unverständnis über diese Unsitte, in die Höhe treibt. Auch wenn Raucher längst nicht mehr so präsent im täglichen Leben sind, wie ehedem – es ist gar nicht so lange her, dass in Deutschland in Restaurants und allen möglichen öffentlichen Plätzen ungeniert gequalmt wurde. So ist die epidemiologische Bedeutung dieses Lasters nach wie vor enorm, wie das Nachrichtenmagazin schreibt: „Zigaretten sind in Deutschland nicht mehr so beliebt, wie sie es mal waren, aber noch immer rauchen etwa jeder vierte Mann und jede fünfte Frau. Pro Jahr sterben 121.000 Menschen hierzulande an den Folgen des Rauchens, berichtete kürzlich das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Das entspricht 13,5 Prozent aller Todesfälle. ... Männer, die täglich eine Zigarette rauchen, haben demnach bereits ein um 48 Prozent erhöhtes Risiko für eine koronare Herzkrankheit (KHK) sowie ein um 45 Prozent erhöhtes Risiko eines Schlaganfalls gegenüber männlichen Nichtrauchern. Für Frauen steigt das Risiko einer KHK mit einer täglichen Zigarette um 57 Prozent und das eines Schlaganfalls um 65 Prozent gegenüber Nichtraucherinnen.“

Das bringt uns wieder zurück zu der kleinen, pummeligen Königin. Sie hasste das Rauchen und verbot es bei Hofe. So war Buckingham Palace anno 1888, als Jack the Ripper seine Opfer suchte, wahrscheinlich der gesündeste und am wenigen mit Feinstaub belastete Ort in London. God save the Queen.

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