Nachrichten 08.06.2020

Herzinfarkt in jungen Jahren: Was eine gute Prognose begünstigt

Entwickeln relativ junge Menschen mit akutem Herzinfarkt eine linksventrikuläre Dysfunktion, muss das per se noch kein schlechtes Zeichen sein. Erholt sich nämlich die zuvor erniedrigte Auswurffraktion wieder, ist die Prognose vergleichsweise gut, wie eine Studie belegt.

Die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) ist bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt bekanntlich ein wichtiger Parameter zur Abschätzung des Risikos für künftige kardiovaskuläre Ereignisse. Eine erniedrigte LVEF zum Zeitpunkt des Akutereignisses verrät aber noch nicht alles über die Prognose von Herzinfarktpatienten. Nicht selten ist in der Folge wieder eine Zunahme der LVEF zu beobachten, was sich als günstiges Zeichen hinsichtlich des kardiovaskulären Risikos erwiesen hat.

Dass dies auch für Patienten gilt, die schon in relativ jungem Lebensalter einen Myokardinfarkt erleiden, legen nun Ergebnisse einer retrospektiven Analyse von Daten des YOUNG-MI-Registers nahe. In diesem US-Register sind ausschließlich Personen erfasst, die in der Zeit zwischen 2000 und 2016 schon im Alter unter 50 Jahren (im Mittel mit 44 Jahren) erstmals von einem akuten Herzinfarkt betroffen waren.

Knapp 30% mit linksventrikulärer Dysfunktion

Eine Gruppe von Forscher um Dr. Ron Blankstein vom Brigham & Women’s Hospital hat für die aktuelle Analyse Daten von 1.724 (82%) der insgesamt 2.097 Patienten aus dem YOUNG-MI-Register herangezogen, von denen Informationen bezüglich ihrer Baseline-LVEF zum Zeitpunkt des Akutereignisses verfügbar waren. Von diesen Patienten hatten 503 (29%) eine erniedrigte LVEF (<50%, im Mittel 39%), während die LVEF bei 1.221 Patienten (71%) im Normalbereich lag (im Mittel bei 60%).

Bei Patienten mit erniedrigter LVEF fiel auf, dass sie häufiger einen ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) erlitten hatten und höhere Troponinwerte sowie eine stärker ausgeprägte Koronarerkrankung in der Angiografie aufwiesen.

Bei 216 der 503 Patienten mit initial erniedrigter LVEF war innerhalb von sechs Monaten nach dem Infarktereignis eine erneute LVEF-Messung vorgenommen worden. Zwischen Baseline- und Follow-up-Messung lagen im Mittel 66 Tage. Bei der zweiten Messung zeigte sich, dass sich die LVEF bei immerhin 90 Patienten (42%) wieder erholt hatte (Anstieg auf Werte ≥50%), während sie bei den übrigen Patienten weiterhin im niedrigen Bereich <50% geblieben war.

Niedrige Mortalität nach LVEF-Erholung

Die LVEF-Veränderungen erwiesen sich hinsichtlich der Mortalität als sehr bedeutsam: Während im Follow-up-Zeitraum der Studie (im Mittel 11,1 Jahre) in der Gruppe mit LVEF-Erholung nur vier Patienten starben, waren es in der Gruppe mit anhaltend niedriger LVEF 32 Patienten (Inzidenz 4,4% vs. 25,4%, p < 0,001)). In der für diverse Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Ko-Morbidität und medikamentöse Therapien adjustierten Analyse war eine LVEF-Erholung mit einem signifikant um 88% niedrigeren Sterberisiko assoziiert (Hazard Ratio 0,12; 95% Konfidenzintervall 0,03 – 0,40; p = 0,001).

Im Hinblick auf die kardiovaskuläre Mortalität waren 2 versus 14 Todesfälle zu verzeichnen (2,2% vs. 11,1%,  p = 0,016). Bezüglich dieses Endpunktes war eine LVEF-Erholung in der adjustierten Analyse mit einem signifikant um 90% niedrigeren Risiko assoziiert (HR 0,10; 95% KI 0,01 – 0,75; p = 0,025).

Was folgt für die Praxis?

Die Leitlinien empfehlen, bei allen Patienten mit akutem Myokardinfarkt die LVEF zu messen. Selbst bei den im YOUNG-MI-Register erfassten Infarktpatienten ist diese Empfehlung aber in immerhin 18% der Fälle nicht umgesetzt worden. Die vorgenommenen LVEF-Messungen ergaben, dass von den unter 50jährigen Patienten mit akutem Myokardinfarkt fast 30%  eine linksventrikuläre Dysfunktion (LVEF <50%) aufwiesen. Davon zeigten dann mehr als 40% in den folgenden Wochen und Monaten eine LVEF-Erholung, die sich als prädiktiv für eine relativ niedrige Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität erwies.

Diese Ergebnisse sprechen nach Ansicht der Studienautoren um Blankstein dafür, bei jüngeren Infarktpatienten mit linksventrikulärer Dysfunktion einige Zeit nach dem Akutereignis die LVEF erneut zu messen. Auf diese Weise ließen sich wichtige Information zur Prognose der Patienten gewinnen.

Daraus könnten sich möglicherweise auch Konsequenzen für die Therapie ergeben. Denn die Studienergebnisse stützten die Empfehlung, die vorhandenen Möglichkeiten der medikamentösen Therapie zur Verbesserung der LVEF und der Prognose konsequent auszuschöpfen, so Blankstein und seine Kollegen. In ihrer retrospektiven Registerstudie bestand allerdings bezüglich der medikamentösen Therapie kein nennenswerter Unterschied zwischen den Patienten mit und ohne LVEF-Erholung. Für die beobachtete absolute LVEF-Zunahme bei einem Teil der Patienten müssen demnach wohl andere Faktoren in Betracht gezogen werden.

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