Nachrichten 04.07.2022

Herzpatienten: Bessere Ergebnisse dank Prähabilitation?

Schneiden ältere Herzpatienten bei großen Eingriffen besser ab, wenn sie systematisch vorbereitet werden? Das will eine randomisierte Studie überprüfen, die Ende des Jahres im Rahmen des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) startet.

Prähabilitation heißt das Konzept, bei dem Risikopatienten vor großen, operativen oder auch interventionellen Eingriffen von Rehabilitationsexperten trainiert, geschult und psychologisch betreut werden. „Die Idee gibt es seit den 60er Jahren, aber die Prähabilitation hat bisher nie den Weg in die breite Versorgung gefunden, auch weil es keine guten Daten gab“, berichtet Prof. Dr. Christine von Arnim von der Klinik für Geriatrie an der Universitätsmedizin Göttingen. In den letzten Jahren allerdings hat sich die Studienlage deutlich verbessert. Mehrere große Studien bei abdominellen und orthopädischen Eingriffen konnten zeigen, dass „prähabilitierte“ Patienten nach der OP fitter sind, weniger Komplikationen entwickeln und früher entlassen werden können.

PRECOVERY GBA Studie: "KARL-HEINZ" soll Patienten vorbereiten

Das soll jetzt auch für die Herzchirurgie bzw. für große operative und interventionelle Herzeingriffe gezeigt werden, und zwar in der PRECOVERY GBA Studie. Das ist eine – Nomen Est Omen – vom G-BA im Rahmen des Innovationsfonds geförderte, randomisierte, kontrollierte Studie, an der alle Herzzentren Niedersachsens sowie je ein Herzzentrum in Baden-Württemberg und Brandenburg teilnehmen. Das Ziel sind 422 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die 75 Jahre oder älter sein müssen und einen operativen oder minimal-invasiven Eingriff am Herzen vor sich haben. Sehr große Eingriffe wie Transplantationen und sehr kleine Eingriffe wie Schrittmacher bleiben außen vor.

Von Arnim stellte die Details der geplanten Studie bei der 48. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (DGPR) in Berlin vor: „Das Problem ist, dass Prähabilitation nicht definiert ist. In den Studien, die es bisher dazu gab, wurden ganz unterschiedliche Konzepte genutzt, oft auch nur körperliches Training.“ Die PRECOVERY GBA Studie geht über das reine körperliche Training hinaus. Zum Einsatz kommt eine „kognitive und kardiale Prähabilitation bei Herzinterventionen“, kurz KARL-HEINZ. Dabei werden Risikopatienten nicht nur körperlich trainiert, sondern auch psychisch vorbereitet, trainieren den Alltag nach dem Eingriff mittels Ergotherapie und werden im Hinblick auf ihre Erkrankung, Ernährung und den Eingriff geschult.

Im Frühjahr 2023 starten die ersten Patienten

„Gerade bei Herzoperationen haben die Patienten häufig Ängste, sodass es hilfreich sein kann, mehr als nur körperliches Training anzubieten“, so von Arnim zu Kardiologie.org. Das Ganze ist tatsächlich sehr aufwändig: Zwei Wochen dauert die Prähabilitation. Die teilnehmenden Reha-Zentren führen sie stationär durch, nur in einem der Zentren ist sie als ganztägig ambulantes Programm angelegt. Die Patienten in der Kontrollgruppe erhalten Informationsmaterial zur präoperativen Vorbereitung ohne weitere Maßnahmen. Auf Seiten der behandelnden Ärzte ist die Studie verblindet.

Gemessen wird der Erfolg der Prähabilitation an einer ganzen Reihe von Endpunkten. Primärer Endpunkt ist die mit dem EQ-5D Fragebogen gemessene Lebensqualität, korrigiert um Mortalität. Dazu kommen umfangreiche sekundäre Analysen, etwa Komplikationsrate, Dauer des Aufenthalts auf Intensivstation bzw. im Krankenhaus insgesamt, Häufigkeit und Länge von mechanischer Beatmung sowie funktionelle Parameter wie 6-Minuten-Gehtest. Begleitend erfolgt die eine gesundheitsökonomische Betrachtung sowie eine Prozess-Evaluation.

„Ein spezielles Anliegen von mir ist die Verringerung von Delir“, so von Arnim. Der Hintergrund ist eine kürzlich abgeschlossene, ebenfalls G-BA geförderte Studie, in der eine multimodale Intervention im Krankenhaus das Delir-Risiko um 30 Prozent senken konnte. „Das galt für diverse elektive Interventionen, aber nicht für Herzoperationen. Die Hoffnung wäre, dass wir erfolgreicher sind, wenn wir mit der Intervention früher, vor dem stationären Aufenthalt anfangen.“ Bedarf besteht: Im Schnitt entwickelt einer von drei herzchirurgischen Patienten ein Delir. Bei allgemeinchirurgischen Patienten sind es nur halb so viele. Ob es funktioniert, wird in einigen Jahren feststehen. Der Startschuss de Studie fällt im November 2022, erste Patienten sollen im April 2023 rekrutiert werden.

Literatur

von Arnim C. Prehabilitation – ein Konzept für die Zukunft? 48. Jahrestagung der DGPR. 25. Juni 2022, Session HT-07, 11.15h-12.15h

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Schlaganfall: Spezielle Strategie verbessert neurologische Prognose

Das Prinzip der „ischämischen Fernkonditionierung“ kommt ursprünglich aus der Herzmedizin, und hat hier in den letzten Jahren eher enttäuscht. Nun liefert eine randomisierte Studie Hinweise, dass das Konzept bei Schlaganfallpatienten funktionieren könnte.

Ticagrelor plus ASS: Mehr offene Venengrafts nach Bypass-OP

Eine duale Plättchenhemmung mit Ticagrelor plus ASS beugt Venengraftverschlüssen nach aortokoronarer Bypass-Operation besser vor als ASS allein, ergab jetzt eine Metaanalyse. Die höhere Effektivität hat aber ihren Preis.

Wie gefährlich ist (Wettkampf-)Sport bei Long-QT?

Menschen mit einem Long-QT-Syndrom wird von intensiverem Sport üblicherweise abgeraten. Eine französische Kohortenstudie deutet nun an, dass ein solch restriktiver Umfang nicht unbedingt vonnöten ist – doch die Sicherheit scheint an bestimmte Voraussetzungen geknüpft zu sein.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org