Nachrichten 19.10.2020

Herzprobleme nach Operation häufiger als gedacht

Einer von fünf Hochrisikopatienten entwickelt nach einer größeren Operation, die nicht das Herz betrifft, innerhalb eines Jahres schwere kardiale Komplikationen, zeigt eine neue Studie. Das sind mehr als erwartet.

Weltweit werden jährlich mehr als 300 Millionen Operationen durchgeführt. Trotz der Vorteile können sie schwere kardiale Ereignisse (MACE) auslösen, wie Herzinfarkte, Arrhythmien, Herzinsuffizienz oder kardiovaskulär bedingten Tod. Schweizer Forscher stellten jetzt fest, dass es häufiger dazu kommt und Patienten länger gefährdet sind als bisher angenommen.

Die Studienteilnehmer waren Hochrisikopatienten: Sowohl Personen zwischen 65 und 85 Jahre als auch 45- bis 64-jährige Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit (KHK), periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder Schlaganfall. Alle unterzogen sich einer nicht kardialen Operation, die mindestens eine Übernachtung im Krankenhaus erforderte. Es handelte sich dabei um viszerale, orthopädische, vaskuläre, urologische, spinale, thorakale und traumatologische Eingriffe.

Die knapp 2.300 Patienten waren im Schnitt 73 Jahre alt, 43% davon weiblich. Das Team um Dr. Lorraine Sazgary von der Universität Basel untersuchte ein Jahr nach der jeweiligen Operation, ob die Teilnehmer Myokardinfarkte, Herzrhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz entwickelt hatten oder aufgrund kardiovaskulärer Ursachen verstorben waren. Um asymptomatische Herzinfarkte zu erkennen, wurden bei allen Patienten im Krankenhaus mehrere Troponinmessungen durchgeführt.

Komplikationsrisiko im ersten Monat am höchsten

15% der Patienten hatten innerhalb von 30 Tagen mindestens eine kardiale Komplikation. Am häufigsten war das bei Thoraxoperationen der Fall (22%), gefolgt von gefäßchirurgischen Eingriffen (21%) und Operationen von Unfallopfern (19%). 21% der Patienten hatten innerhalb eines Jahres eine oder mehrere herzbedingte Komplikationen.

Nach einem Monat bzw. einem Jahr verstarben 1% bzw. 4% der Patienten aufgrund kardiovaskulärer Ursachen. Bei 1% bzw. 2% der Teilnehmer traten hämodynamisch relevante Arrhythmien und bei 2% bzw. 4% akute Herzinsuffizienz auf. 1% bzw. 2% hatten nicht perioperative und 13% bzw. 15% perioperative Herzinfarkte.

Innerhalb der ersten 30 Tage und insbesondere der ersten Woche nach dem Eingriff traten die meisten Komplikationen auf. Laut der Studienautoren bleibt das Risiko der untersuchten Patientengruppe für schwere kardiovaskuläre Ereignisse jedoch bis zu fünf Monate stark erhöht.

Asymptomatische Patienten besonders gefährdet

„Patienten mit asymptomatischen Herzinfarkten hatten ein höheres Risiko für Folgeereignisse. Ein Drittel von ihnen hatte mindestens eine weitere kardiale Komplikation, verglichen mit nur 10% der Personen ohne asymptomatischen Herzinfarkt“, so  Sazgary und Kollegen. Ihre Studie lege nahe, dass die Messung des Troponinspiegels vor der Operation und zwei Tage danach diese Patienten identifizieren und möglicherweise weitere schwere Komplikationen verhindern könne.

Frühere Studien zeigen, dass fast drei Viertel der Patienten, die nach einer Operation sterben, nie intensivmedizinisch betreut wurden, was darauf hinweist, dass ihr Risiko nicht erkannt wurde. Gerade bei asymptomatischen Patienten blieben Komplikationen mitunter unentdeckt, erläutern die Studienautoren. Etwa können Personen, bei denen kurz nach dem Eingriff einen Herzinfarkt auftrete aufgrund von Schmerzmitteln keine Brustschmerzen haben, ihr Sterberisiko sei jedoch genauso hoch wie das der symptomatischen Patienten.

Literatur

Sazgary L et al. Incidence of major adverse cardiac events following non-cardiac surgery. Eur Heart J Acute Cardiovasc Care. 2020. https://doi.org/10.1093/ehjacc/zuaa008

ESC-Pressemitteilung: Risk of heart complications after major surgery is higher than previously thought. 15.10.2020

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Bildnachweise
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Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen