Nachrichten 22.10.2021

Was die Cholesterinwerte von Schwangeren über Herzinfarkte der Nachkommen verraten

Hypercholesterinämie in der Schwangerschaft könnte die kardiovaskuläre Gesundheit der Nachkommen im Erwachsenenalter beeinträchtigen. Forscher entdeckten unter anderem signifikante Korrelationen mit dem Auftreten schwerer Herzinfarkte.

Erhöhte Cholesterinwerte bei Frauen während der Schwangerschaft könnten Studien zufolge die Atherogenese bei ihren Kindern nach der Geburt fördern. Wie sich Hypercholesterinämie jedoch auf kardiovaskuläre Ereignisse im späteren Leben der Nachkommen auswirkt, ist unklar. Eine retrospektive Studie weist jetzt darauf hin, dass ein hoher Cholesterinspiegel bei Schwangeren mit einem erhöhten Aufkommen schwerer Herzinfarkte bei ihren Kindern einhergeht, wenn diese erwachsen sind.

In die italienische Analyse wurden 310 Patienten einbezogen. 89 davon wurden wegen eines Herzinfarkts und 221 aus anderen Gründen in eine Klinik eingeliefert. Für alle waren Daten zum Cholesterinspiegel ihrer Mutter während des ersten und zweiten Schwangerschaftstrimesters verfügbar. Die Herzinfarktpatienten waren median 89 Jahre alt, 84% waren Männer. Ein Myokardinfarkt galt als schwer, wenn eines der folgenden Kriterien erfüllt war: Beteiligung von drei Koronararterien, linksventrikuläre Ejektionsfraktion ≤ 35%, Spitzenwert der Creatinkinase (CK) > 1200 mg/dl oder Spitzenwert der Creatinkenase-MB (CK-MB) > 200 mg/dl.

Je höher das Cholesterin, desto schwerer der Herzinfarkt?

Prof. Francesco Cacciatore von der Universität Neapel und sein Team fanden heraus, dass der Cholesterinspiegel der Mütter während der Schwangerschaft signifikant mit jedem dieser vier Faktoren bei den Nachkommen korrelierte: Anzahl der betroffenen Koronargefäße, Ejektionsfraktion, CK und CK-MB. Die Studienautoren berechneten für dieses Ergebnis eine mittlere Effektstärke. Zudem waren die Cholesterinwerte der Mütter zur Zeit der Schwangerschaft mit der späteren Überlebenswahrscheinlichkeit ihrer Kinder assoziiert, dieser Zusammenhang war jedoch hauptsächlich auf den Schweregrad des Herzinfarktes zurückzuführen.

Alle Ergebnisse waren unter anderem auf kardiovaskuläre Risikofaktoren, Alter, Geschlecht und Body-Mass-Index der Nachkommen adjustiert worden. Der damalige Cholesterinspiegel der Mutter war unabhängig von diesen Störfaktoren mit dem Schweregrad des Myokardinfarkts assoziiert: So wiesen die Nachkommen von Frauen, die während der Schwangerschaft an einer Hypercholesterinämie litten, ein signifikant um knapp 40% erhöhtes Risiko für einen schweren Herzinfarkt auf im Vergleich zu Kindern von Müttern, die während der Schwangerschaft keine erhöhten Cholesterinspiegel gehabt hatten, ergaben die Berechnungen der Forscher.

Mögliche Zusammenhänge mit dem Atheroskleroserisiko

In einer zweiten Analyse mit allen Patienten untersuchten die Mediziner Assoziationen zwischen den damaligen Cholesterinwerten der Mütter und dem Ausmaß der Atherosklerose bei den erwachsenen Nachkommen. Für viele Kontrollpersonen lagen keine Daten dazu vor, sodass ersatzweise die Anzahl kardiovaskulärer Risikofaktoren und klinischer Manifestationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall ermittelt wurden. Diese beiden Komponenten korrelierten ebenfalls signifikant mit dem damaligen Cholesterinwert der Mutter, auch nach Adjustierung auf Störfaktoren.

Cacciatore und Kollegen plädieren für weitere Studien, um die Ergebnisse zu überprüfen. „Wenn sich die Assoziationen bestätigen, würde das darauf hinweisen, dass ein hoher Cholesterinspiegel in der Schwangerschaft als Warnzeichen angesehen werden sollte und Frauen ermutigt werden sollten, Sport zu treiben und ihre Cholesterinaufnahme zu reduzieren“, ergänzen die Mediziner. Darüber hinaus schlagen sie eine Ernährungs- und Lebensstilberatung für betroffene Nachkommen vor, um späteren Herzerkrankungen vorzubeugen.

Aufgrund des beobachtenden Designs kann die Studie keinen kausalen Zusammenhang nachweisen. Es konnte auch keine Schwelle ermittelt werden, ab der die Cholesterinwerte der Frauen mit einem erhöhten Risiko für schwere Herzinfarkte bei ihren Nachkommen korrelieren. Dies herauszufinden, sei ein wichtiges Ziel für weitere Studien, schließen Cacciatore et al.

Literatur

Cacciatore F et al. Maternal hypercholesterolaemia during pregnancy affects severity of myocardial infarction in young adults. European Journal of Preventive Cardiology 2021. https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwab152

ESC-Pressemitteilung: Maternal cholesterol during pregnancy linked with heart attack severity in adult offspring. 19.10.2021.

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