Nachrichten 05.04.2017

Hypolipidämie-Mutationen im ANGPTL3-Gen schützen vor KHK

Ein internationales Forscherkonsortium kann zeigen, dass funktionsmindernde ANGPTL3-Mutationen nicht nur zu sehr niedrigen Lipidkonzentrationen führen, sondern auch das KHK-Risiko deutlich senken. ANGPTL3 könnte ein Ansatzpunkt für neue Medikamente werden.

Das Eiweiß ANGPTL3 wird von der Leber produziert und hemmt einerseits die endogene Lipase, die Fette aufspaltet, andererseits die Lipoproteinlipase, die triglyzeridreiche Lipoproteine aus dem Blutkreislauf entfernt. Mutationen, die mit einem Funktionsverlust von ANGPTL3 einhergehen, führen demnach zu einem stärkeren Fettabbau und zu einer rascheren Entfernung von Lipoproteinen aus dem Blut. Laborchemisch zeigen Menschen mit komplettem Funktionsverlust von ANGPTL3 teilweise sehr niedrige Serumspiegel von Triglyceriden, LDL und HDL.

Unklar war bisher, wie sich funktionsmindernde ANGPTL3-Mutationen auf das KHK-Risiko auswirken. Denn immerhin sinkt nicht nur LDL, sondern auch das vermeintlich schützende HDL. Experten um Nathan O. Stitziel vom McDonnell Genome Institute der Universität Washington haben sich dieser Frage jetzt angenommen. Von deutscher Seite waren das Deutsche Herzzentrum in München und das Institut für Integrative und Experimentelle Genomik der Universität Lübeck beteiligt.

Kein Kalk in den Arterien

Die Wissenschaftler haben zum einen aus Familien mit funktionsmindernden ANGPTL3-Mutationen drei Individuen identifiziert, die einen kompletten ANGPTL3-Funktionsverlust aufwiesen und diese mit Verwandten ersten Grades verglichen, die keine Mutationsträger waren. Außerdem wurde in einem populationsbasierten Ansatz bei knapp 14.000 Individuen mit KHK sowie bei rund 26.000 Individuen ohne KHK nach heterozygoten Trägern von ANGPTL3-Mutationen gefahndet, um herauszubekommen, ob diese ein geringeres KHK-Risiko aufweisen.

Bei den drei Individuen mit komplettem ANGPTL3-Funktionsverlust war der koronare Kalkscore jeweils null, obwohl einer der drei an Typ-2-Diabetes und arteriellen Hypertonie litt und Exraucher war. Bei den gematchten Verwandten waren zwei von drei Kalk-score-positiv. Die gesamte Plaquelast in der ANGPTL3-defizienten Gruppe war null, bei den Kontrollprobanden betrug sie 39%.

ANGPTL3-Hemmer in Entwicklung

Statistisch lässt sich aus drei Betroffenen und drei Kontrollen natürlich nicht viel machen. Deswegen gab es die populationsbezogene Analyse. Und hier wiesen heterozygote Träger funktionsmindernder ANGPTL3-Mutationen ein um 34%  geringeres KHK-Risiko auf. Das war signifikant (p=0,04). Dies ging einher mit 12% niedrigeren LDL-Spiegeln und 17% niedrigeren Triglyzeridspiegeln.

Insgesamt sprechen die Daten nach Auffassung der Wissenschaftler deutlich für einen Zusammenhang zwischen ANGPTL3-Aktivität und Atherosklerose. Die Experten sind deswegen optimistisch, dass die derzeit in Entwicklung befindlichen, therapeutischen ANGPTL3-Hemmer nicht nur Lipide senken, sondern auch kardiovaskulärer Ereignisse verhindern könnten.

Literatur

Stitziel NO et al. ANGPTL3 Deficiency and Protection Against Coronary Artery Disease. Journal of the American College of Cardiology 2017, doi 10.1016/j.jacc.2017.02.030

Highlights

Myokarditis – eine tödliche Gefahr

In der vierten Ausgabe mit Prof. Andreas Zeiher geht es um die Myokarditis. Der Kardiologe spricht über Zusammenhänge mit SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Impfungen und darüber, welche Faktoren über die Prognose entscheiden.

Podcast: Plötzlicher Herztod im Sport

In der dritten Ausgabe mit Prof. Martin Halle geht es um den Plötzlichen Herztod im Sport. Warum trifft es ausgerechnet Leistungssportler, warum überwiegend Männer? Und gibt es einen Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen?

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Familiäre Hypercholesterinämie: Guter Lebensstil kann „schlechte“ Gene kompensieren

Auch für Menschen mit einer familiären Hypercholesterinämie lohnen sich Lebensstilmaßnahmen, bekräftigt eine aktuelle Analyse. Denn das erhöhte Herzrisiko durch „schlechte Gene“ kann offenbar durch einen guten Lebensstil abgeschwächt werden.

Hilft eine Ablation auch gegen Reflexsynkopen?

Es gibt kaum wirksame Therapien gegen vasovagale Synkopen. Jetzt hat eine spezielle Ablationsprozedur in einer randomisierten Studie Wirkung gezeigt, das macht Hoffnung – zumindest für eine gewisse Patientenpopulation.

Vorhofflimmern: Ablation hilft Männern und Frauen gleichermaßen

Im Fall von Vorhofflimmern machen die Symptome Frauen zumeist mehr zu schaffen als Männern. Wie bei Männern verbessert eine Katheterablation auch bei Frauen die Lebensqualität in stärkerem Maß als eine medikamentöse Therapie, zeigt eine neue Analyse der CABANA-Studie.

Aus der Kardiothek

Therapie der akuten Herzinsuffizienz – Wann und womit starten

Nach Dekaden des Stillstandes wurden in der letzten Zeit einige Fortschritte in der Therapie der Herzinsuffizienz gemacht. Welche das sind, und wie diese in der Praxis umgesetzt werden sollten, erläutert Prof. Christine Angermann in diesem Video.

Hypertonie und Dyslipidämie - einfach gemeinsam behandeln

Hypertonie und Hypercholesterinämie treten oft gemeinsam auf. Prof. Ralf Dechend stellt in diesem Video neue Strategien zum Umfang mit diesen kardiovaskulären Risikofaktoren vor.

Systematisches Vorhofflimmern-Screening in Risikopopulation: sinnvoll und machbar

Wearables eröffnen ganz neue Perspektiven für das Vorhofflimmern-Screening. Doch wie sinnvoll ist der Einsatz eines solchen Screenings? Und inwiefern können Patienten davon tatsächlich profitieren? Prof. Ralf Birkemeyer gibt Antworten.

Podcast-Logo/© Springer Medizin Verlag GmbH (M)
Podcast-Logo
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org