Nachrichten 04.12.2017

Kardiologen kritisieren Sender ARTE wegen „gefährlicher Desinformation“

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) geht mit dem deutsch-französischen Fernsehkanal ARTE hart ins Gericht. Der Vorwurf lautet, die Öffentlichkeit über den Zusammenhang zwischen Cholesterin und kardiovaskulären Erkrankungen in geradezu sträflicher Weise falsch informiert zu haben.

Auch wenn die wissenschaftliche Datenlage keinen Zweifel mehr daran zulässt, dass erhöhte Cholesterinspiegel in kausalem Zusammenhang mit der Entstehung von atherosklerotisch bedingten Gefäßerkrankungen steht,  ist das immer wieder hochgekochte Thema der „Cholesterinlüge“ nicht totzukriegen.  Kürzlich  war es wieder soweit: Unter dem  Titel „Cholesterin – der große Bluff“ nahm sich eine auf ARTE ausgestrahlte Dokumentation wieder einmal dieses Themas an.

Schon die Vorankündigung zur Sendung machte klar, in welche Richtung es gehen sollte. Ungeachtet der realen Studienlage wird der Zusammenhang zwischen der Höhe der Cholesterinspiegel und Ereignissen wie Herzinfarkt und Schlaganfall als hartnäckiges „Dogma“ charakterisiert, das angeblich im Widerspruch zu den vorliegenden Studien stünde. Diese sprächen, so wird behauptet,  „eine eindeutige Sprache: Cholesterin ist nur ein schwacher „Risikomarker”, und ein kausaler Zusammenhang zwischen den Cholesterinwerten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann nicht festgestellt werden. Die tatsächlichen Risikofaktoren für solche Krankheiten sind vielmehr Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht und Bewegungsmangel. Ungeachtet dieser Ergebnisse werden immer größere Summen in Studien gesteckt, die Cholesterin zum Sündenbock machen.“

„In gefährlicher Weise unverantwortlich“

Die  Verbreitung dieser von der European Society of Cardiology (ESC)  als üble „Falschinformation“ charakterisierten Darstellung  stößt bei der kardiologischen Fachgesellschaft auf heftige Kritik. Die ESC moniert,  dass die ARTE-Sendung  Ärzte und Patienten dazu ermutige,  lipidsenkende Therapien einschließlich Statine zu stoppen  und entsprechende Therapieempfehlungen der  ESC als  unangebracht  erscheinen lasse.

„Diese Sendung ist in gefährlicher Weise unverantwortlich,” wird Professor Fausto Pinto, Ex-Präsident der ESC, in einer aktuellen Pressemitteilung zitiert:  “Nach Antibiotika sind es die Statin, die wohl mehr als jede andere Medikation zur Verbesserung der Lebenserwartung beigetragen haben“.

Pinto weiter: “Die  schlimmste Konsequenz dieser Art von Desinformationskampagne ist,  dass Menschen zu  Schaden kommen.  Wenn Patienten mit Herzerkrankungen die Einnahme von Statinen stoppen, nimmt die Anzahl kardialer Ereignisse, die sie erleiden, signifikant zu.  Mit anderen Worten: Viele Menschen werden sterben, weil sie auf die Statin-Leugner gehört haben“.

Erinnerung an wissenschaftliche Fakten

Die  ESC ruft an dieser Stelle  einige wissenschaftliche Fakten in Erinnerung.  Studien an Tausenden Patienten hätten gezeigt, dass Statine das Risiko für „schwerwiegende vaskuläre Ereignisse“  einschließlich Tod infolge Herzinfarkt oder Schlaganfall  dramatisch reduzierten.  Wenn 10.000 Patienten mit manifester Gefäßerkrankung fünf Jahre lang ein Statin einnähmen, verhindere diese Therapie bei 1000 von ihnen ein vaskuläre Ereignis. Und dieser Nutzen werde  mit jedem Jahr der Medikamenteneinnahme größer. Angesichts der überwältigenden Evidenz  komme die Unterstützung der Statin-Therapie weltweit in den Leitlinien der Fachgesellschaften klar zum Ausdruck.

Erst im April 2017 hatte eine Expertenkommission der Europäischen Arteriosklerose-Gesellschaft (EAS) unter Leitung von  Dr. Brian Ference ein Konsensuspapier veröffentlicht, in dem die wissenschaftlichen Fakten zur kausalen Rolle des Cholesterins an der Arteriosklerose-Entstehung  akribisch aufgearbeitet worden sind. Die Autoren  sehen dadurch jegliche Zweifel an einer Kausalität ausgeräumt.

Literatur

Pressemitteilung der ESC vom 30. November 2017: ESC Criticizes Dangerous Disinformation Campaign on Statins.

 Ference BA, Ginsburg HN, Graham I, et al. Low-density lipoproteins cause atherosclerotic cardiovascular disease. 1. Evidence from genetic, epidemiologic, and clinical studies. A consensus statement from the European Atherosclerosis Society Consensus Panel. Eur Heart J. 2017;Epub ahead of print.

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