Nachrichten 09.10.2020

Kardiovaskuläres Risiko von Männern und Frauen gleicht sich nach Herzinfarkt an

Obwohl die altersbereinigte Rate für koronare Herzerkrankungen, Myokardinfarkt  und Gesamtmortalität bei Frauen niedriger ist als bei Männern, wird dieser Unterschied einer neuen Studie zufolge nach einer Herzinfarktdiagnose abgeschwächt.

Auch wenn kardiovaskuläre Erkrankungen die häufigste Todesursache bei Frauen sind, entwickeln diese eine koronare Herzkrankheit (KHK) im Schnitt fünf bis zehn Jahre später im Leben als Männer. Früheren Studien nach lässt sich das vor allem auf unterschiedliche Risikofaktoren und Lebenserwartungen zurückführen. Eine große Untersuchung zeigt jetzt, dass trotz der niedrigeren altersspezifischen KHK-Raten von Frauen die Schutzwirkung nach einem Myokardinfarkt größtenteils nicht erhalten bleibt.

Mehr als eine Million Studienteilnehmer

Die Forscher um Dr. Sanne Peters von der Universität Utrecht verglichen für die Studie Versicherungsdaten von fast 340.000 US-amerikanischen Patienten, die wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus eingeliefert wurden, mit Daten von knapp 1.360.000 Personen ohne KHK-Vorgeschichte. Während der durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von knapp anderthalb Jahren traten in der Gruppe, die bisher keinen Herzinfarkt gehabt hatte, mehr als 12.500 Myokardinfarkte auf. In der vorbelasteten Gruppe hatten mehr als 27.100 Personen erneut einen Herzinfarkt.

Die altersstandardisierte Myokardinfarktrate pro 1000 Personenjahre betrug 4,0 bei Frauen und 6,1 bei Männern ohne KHK in der Vorgeschichte, gegenüber 57,6 bei Frauen und 62,7 bei Männern mit einem früheren Herzinfarkt. Den Berechnungen der Forscher zufolge war das Risiko für einen Herzinfarkt von Frauen gegenüber Männern in der Gruppe ohne KHK-Vorgeschichte um 36% geringer, während der Unterschied in der Gruppe mit früherem Myokardinfarkt nur noch 6% betrug (HR 0,64 vs. 0,94).

Die angepassten Risikoverhältnisse für andere kardiovaskuläre Ereignisse zeigten ähnliche Tendenzen. Bei Frauen im Vergleich zu Männern war in der nicht vorbelasteten Gruppe gegenüber der Gruppe mit früherem Herzinfarkt das Risiko für KHK-Ereignisse um 47% bzw. 13% geringer (HR 0,53 und 0,87). Das Gesamtmortalitätsrisiko war bei Frauen ohne früheres Ereignis um 28% und nach einem ersten Herzinfarkt nur noch um 10 % niedriger als bei Männern (HR 0,72 und 0,90).

Mehrere mögliche Ursachen

Es sei nicht klar, warum der Vorteil der Frauen nach einem Myokardinfarkt abgeschwächt werde, es gebe jedoch mehrere potenzielle Ursachen, so Peters und Kollegen. „Möglicherweise haben Frauen  häufiger als Männer nicht-obstruktive Koronarerkrankungen und Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion. Für beide Erkrankungen sind die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkter“, lautet eine der Hypothesen.

Es könne aber auch daran liegen, dass Frauen schwerwiegendere Herzinfarkte haben aufgrund von Verzögerungen bei der Diagnose, weniger offensiver Behandlung oder höherer Komplikationsraten.

Eine dritte Möglichkeit sei, dass Frauen weniger wahrscheinlich als Männer die von den Leitlinien empfohlenen Behandlungen und Dosierungen erhalten oder Therapien nach einem Krankenhausaufenthalt wegen Herzinfarkt schlechter einhalten, was zu einem höheren Risiko für nachfolgende Ereignisse führen könne.

In einem Begleitkommentar befürwortet Dr. Nanette Wenger von der Emory University School of Medicine in Atlanta deshalb eine konsequentere Abklärung und Behandlung von Frauen mit Brustschmerzen sowie die Früherkennung von Frauen mit KHK-Risiko, insbesondere von denjenigen mit metabolischem Syndrom, Präeklampsie, hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen und chronischen Entzündungen.

„Ein wichtiges Ergebnis unser Studie ist zudem, dass Patienten mit früherem Herzinfarkt unabhängig vom Geschlecht ein hohes Risiko für erneute Ereignisse und Gesamtmortalität haben“, schließen die Studienautoren um Peters.

Literatur

Peters S et al. Sex Differences in Incident and Recurrent Coronary Events. Journal of the American College of Cardiology 2020. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2020.08.027

Wenger N. Why Does Myocardial Infarction Preferentially Disadvantage Women? Journal of the American College of Cardiology 2020. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2020.08.032

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen