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02.06.2018 | Ischämische Herzerkrankungen/Koronare Herzkrankheit, KHK | Nachrichten

Es gibt noch "Übeltäter" neben dem Auto

Auch Putzmittel und Kosmetika verpesten die Luft

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Beim Thema Luftschadstoffe steht das Auto als Verursacher allen Übels meist im Vordergrund. Doch auch Alltagprodukte wie Putzmittel oder Kosmetika tragen ihren Teil zur Belastung der Luft bei.

Nichts stinkt so gotterbärmlich wie Sauberkeit. Sollte ich je meine Memoiren zum eigenen Erleben von exzessiver Reinlichkeit verfassen, aus einer an olfaktorischen Traumen reicher Biografie könnte ich schöpfen. Wie vergnüglich war es als studentischer Mitarbeiter an der Uni, mit dem ganzen Institut bei einem Vorgesetzten eingeladen zu sein. Schon im Hausflur schlugen die Rezeptoren in meiner Nasenschleimhaut Alarm und signalisierten, dass dessen Gattin alle wesentlichen Räume tüchtig mit massiv chlorhaltigen Reinigungsmitteln auf Vordermann gebracht hat, auch die Küche – wohl bekomm‘s.

Bei Reisen durch die USA gewöhnte ich mich an die Hotelkette Holiday Inn: Der Putzmittelgeruch bei Öffnen der Zimmertür war so charakteristisch, dass man sich ein wenig heimisch fühlte, gleich ob man in Hackensack, New Jersey, oder Casper, Wyoming, das müde Haupt zur Ruhe betten wollte. Später konnte man sich auch mal gehobenere Häuser erlauben, bis der Tag erreicht war, an dem ich mich reif für „Wetten, dass ...“ hielt mit der Challenge, ein Marriott von einem Hyatt von einem Steigenberger von einem Interconti ausschließlich am Duft differenzieren zu können. Mein Albtraum indes ist ein immer wieder kehrendes Erlebnis: Ich sitze allein, wie bei Reisen zu Kongressen stets der Fall, in einem Café.

Putzen verdirbt den Genuss

Kaum steht der frische Cappuccino vor mir, fühlt sich die Bedienung bemüßigt, den gerade frei gewordenen Nachbartisch mit irgend einem Reiniger großformatig zu benetzen und dann abzuputzen – und die Schwaden dieses Sprays legen sich wie ein Nebel über die Sahnehaube in meiner Tasse und die Glasur des daneben der Goutierung harrenden Fruchttörtchens. 

Die Szene habe ich so oft erlebt, dass sie bei mir Gefühle auslöst wie der Blick von einem Turmfenster nach unten bei James Stewart in „Vertigo“ oder die Erwähnung des Wortes cleaning woman/Reinemachfrau bei Steve Martin in „Tote tragen keine Karos“.

Farben, Kosmetika und Reinigungsmittel

Jetzt endlich weiß ich, dass ich mit meiner Aversion gegen Düfte, die Reinlichkeit, manchmal auch Schönheit verkörpern sollen, nicht länger allein stehe. Die FAZ ist auf meiner Seite. Dankenswerterweise hat die Zeitung aus dem Frankfurter Gallusviertel die Dieselhysterie in die richtige Relation gesetzt und hervorgehoben, dass Schadstoffe nicht nur aus Auspuffrohren kommen. 

Im Wissen-Teil hieß es unlängst: „Für die Luftbelastung werden meist Kraftfahrzeuge verantwortlich gemacht, insbesondere Dieselautos. Doch die wurden gerade in jüngster Vergangenheit viel sauberer. Deshalb lenken Forscher jetzt das Augenmerk auf weitere Verdächtige. So konnten amerikanische Chemiker kürzlich in „Science“ nachweisen, dass Produkte wie Farben, Kosmetika und Reinigungsmittel einen beachtlichen Beitrag leisten. 

Solchen Alltagsmitteln entweichen demnach in amerikanischen Städten mindestens genauso viele flüchtige organische Verbindungen wie Kraftfahrzeugen. Diese Substanzen gelten als wichtige Vorläufer für Feinstaub und Ozon.“

Auch die Duftkerze kann schädlich sein

Die Belastungen durch Schadstoffe in der Luft sind jüngst ein Thema in der Öffentlichkeit und in der Berichterstattung geworden und die FAZ weist zu Recht darauf hin, dass in Deutschland jährlich allein 6.000 Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die Langzeitexposition mit Stickstoffdioxid zurückzuführen sind; daneben sei dieses Toxin für jeweils mehr als 400.000 Diabetesfälle und Asthmaerkrankungen verantwortlich. 

Im Schatten solcher Zahlen liegen die anderen Agenzien, die von der FAZ nunmehr in ihrer Gefährlichkeit dargestellt werden: „Flüchtige organische Verbindungen, abgekürzt VOCs, können Alkane, Alkohole, Ester, aromatische und halogenierte Verbindungen sein. Man findet sie in den verschiedensten Industrie- und Konsumprodukten, etwa in Autolack und Reinigungsmitteln, in Haarspray, Wandfarbe, Düngemitteln und in Duftkerzen. Sie werden bei Verbrennungsprozessen in Kraftfahrzeugen oder in der Industrie und bei der Lebensmittelverarbeitung freigesetzt, aber auch von Pflanzen. Sie verdampfen oft schon bei Zimmertemperatur und sind deshalb praktisch überall in der Luft.

Manche Vertreter, wie die gebräuchlichen Lösungsmittel Benzol oder Toluol, gelten als direkt gesundheitsschädlich. Sie greifen die Lunge an und können krebserregend wirken. 

Eine vor kurzem im „American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“ veröffentlichte Studie untermauert dieses Risiko. Von 6.000 Frauen, die über zwanzig Jahre hinweg an der European Community Respiratory Health Survey teilnahmen, litten jene häufiger unter Lungenproblemen, die als Putzkraft arbeiteten oder generell häufiger putzten. Dadurch waren sie auch eher solchen Lösungsmitteln ausgesetzt.“

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt?

Das Problem sei erkannt, erfährt der dankbare Leser und in der Tat habe die EU auch schon eine Richtlinie – wie halt von der EU zu erwarten – für Emissionshöchstmengen erlassen. Bis zum Jahr 2030 sollen die VOC-Emissionen um 40 % reduziert werden.

Das wird eine Herausforderung, denn die Menschen legen immer mehr Wert auf Kosmetika, die – vor allem als Haarspray – nach Expertenansicht dem Auto bald den Rang als Quelle Nummer Eins für bestimmte Luftschadstoffe ablaufen können: Obwohl sie nur vier Prozent aller petrochemischen Erzeugnisse ausmachen, verursachen sie der „Science“-Studie zufolge 53 Prozent der VOC-Emissionen, während Dieselabgase nur für ein Prozent verantwortlich sind und Benzinabgase für 19 Prozent. Gemessen wurden diese Werte in Los Angeles, sie gelten als repräsentativ für nordamerikanische Städte.

Amerika ist überall

„Das Ergebnis der Studie ist für uns an sich nichts Neues“, sagt Marion Wichmann-Fiebig, Leiterin der Abteilung Luft beim Umweltbundesamt. Man sei sich des großen Beitrags der Alltagsprodukte bewusst. In Deutschland beobachte man ähnliche Entwicklungen wie in den Vereinigten Staaten. „Uns besorgt allerdings weniger der mögliche Beitrag zum Feinstaub, sondern mehr der zur bodennahen Ozonbildung.“

Fenster öffnen – ist das die ganze Prävention?

Recht widersprüchlich, beinahe enttäuschend fällt nach der Skizzierung der Gefahren dann allerdings das Fazit der Zeitung aus: „Auch für die Luftqualität gilt: Will man sie nachhaltig verbessern, muss man wissen, was darin herumschwirrt und wie es sich verhält. Dann kann spezifischer reguliert und aufgeklärt werden. Grund zur Panik besteht allerdings nicht. VOCs aus Alltagsprodukten stellen keine akute Gefahr für den Menschen dar.“

So? Der ganze Artikel kündete vom Gegenteil. Auch die empfohlene Prävention klingt sehr kümmerlich: „Und in Innenräumen hilft schon regelmäßiges Lüften, um die Konzentration deutlich zu reduzieren.“ In voll klimatisierten Büros und in Hotels, in denen Fenster nicht oder kaum zu öffnen sind, dürfte Letzteres ein Problem sein. 

Und im Café wird man vermutlich Böses denken, sollte ich beim nächsten Mal fluchtartig den unbezahlten Cappuccino verlassen, um vor der Tür Frischluft zu schnappen während am Nachbartisch geputzt wird.

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