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03.05.2017 | Ischämische Herzerkrankungen/Koronare Herzkrankheit, KHK | Nachrichten

Häufig ein Nocebo-Effekt

Muskelschmerzen unter Statinen – alles nur Einbildung?

Autor:
Veronika Schlimpert

Viele Patienten, die Statine einnehmen, klagen über Muskelschmerzen. Oft scheint aber die bloße Sorge vor Nebenwirkungen und nicht das Medikament selbst dahinter zu stecken. Zum Vorschein kam ein solcher Nocebo-Effekt in einer Studie, die sich aus einer doppelblinden randomisierten und einer offenen Phase zusammensetzte.  

Viele der unter Statinen auftretenden Muskelschmerzen sind wohl nicht ursächlich auf das Medikament zurückzuführen. Denn wie eine Analyse der ASCOT-LLA-Studie (Anglo-Scandinavian Cardiac Outcomes Trial – Lipid Lowering Arm) nun deutlich macht, klagen Patienten vor allem dann über solche Beschwerden, wenn sie wissen, dass sie Statine einnehmen. Haben sie keine Ahnung davon, leiden sie nicht häufiger an Muskelschmerzen als bei Placebo-Einnahme.

Sorge um mögliche Nebenwirkungen

Eine Vielzahl solcher statinassoziierter Muskelbeschwerden sei somit auf einem Nocebo-Effekt zurückzuführen, resümieren die Studienautoren um Ajay Gupta vom National Health Institute in London. Ein Blick auf die Warnhinweise im Beipackzettel oder negative Presse können bei den Patienten Ängste schüren. Letztlich verspüren die Patienten dann wirklich die dort aufgeführten Beschwerden. Der Nocebo-Effekt ist somit das Gegenteil eines Placebo-Effektes.

Infolgedessen kommen in Beobachtungsstudien und in der täglichen Praxis angebliche Statintoleranzen, meist aufgrund von Myalgien, bei bis zu jedem fünften Patienten vor. In randomisierten, doppelblinden Studien dagegen treten statinassoziierte Muskelschmerzen, wenn überhaupt, nur geringfügig häufiger auf als unter Placebo; Schätzungen zufolge dürfte dies in der Summe nicht mehr als 0,1 bis 0,2% der Patienten pro Behandlungsjahr betreffen.

Doppelblinde und offene Studienphase

Das Besondere an der ASCOT-LLA-Studie ist nun, dass die Häufigkeit von Nebenwirkungen im Rahmen einer Statintherapie unter beiden Bedingungen – also doppelblind randomisiert und offen nicht-randomisiert – an derselben Patientenpopulation evaluiert wurden.

In der ersten randomisierten kontrollierten Phase mit 10.180 Teilnehmern berichteten jene Patienten, die Atorvastatin in einer täglichen Dosis von 10 mg bekommen hatten, während des 3,3-jährigen Follow-up ebenso häufig über Muskelbeschwerden wie die Patienten in der Placebo-Gruppe (2,03 vs. 2,00% pro Jahr).

Anders sahen die diesbezüglichen Angaben dann in der darauffolgenden offenen Phase aus, in der die Patienten selbst entscheiden konnten, ob sie die Therapie weiterführen möchten oder nicht. In der Gruppe mit Statintherapie klagten in diesen 2,3 Jahren deutlich mehr Patienten über derartige Nebenwirkungen als in der Gruppe, in der die Medikation beendet worden war (1,26 vs. 1,00%).

Andere Nebenwirkungen wie erektile Dysfunktion, Schlafstörungen oder kognitive Beeinträchtigungen kamen dagegen nicht häufiger vor; mit Ausnahme von Erkrankungen des Bewegungsapparates und Bindegewebserkrankungen sowie Störungen des Blut- und Lymphsystems, die bei den Personen mit Statintherapie häufiger auftraten (Hazard Ratio: 1,17 und 1,40).

Falschdarstellungen über Statine entkräften

Die Studienautoren hoffen nun, dass die Ergebnisse ihrer Analyse dabei helfen, die kursierenden Falschmeldungen über angebliche Nebenwirkungen von Statinen zu entkräften. „Selten in der Geschichte der modernen Medizin hat es zu einem so gut untersuchten Medikament, das nachweislich viele Vorteile bringt, derart viele Falschdarstellungen gegeben.“  Viele Patienten hätten als Reaktion auf solche Berichte ihre Medikamente abgesetzt und sich dadurch einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Tausende Herzinfarkte und Schlaganfälle, die in der Folge aufgetreten seien, hätten eigentlich verhindert werden können, verdeutlichen sie die Problematik.

Entscheidend ist deshalb, dass Ärzte ihre Patienten über das Ausmaß potenzieller Nebenwirkungen einer Statintherapie richtig aufklären. Dabei sollten sie auch auf das Vorwissen der Patienten und die damit womöglich einhergehenden Ängste eingehen, machen Juan Pedro-Botet und Juan Rubiés-Prat in einem Kommentar deutlich.

Ärzte sollten an Nocebo-Effekt denken

Das klinische Spektrum statinassoziierter Muskelbeschwerden sei nämlich sehr groß und reiche von asymptomatischen Anstiegen des Serumkreatins oder Myalgien bis hin zu schweren schmerzhaften Myositen und sehr selten sogar Rhabdomyolysen. Leichte Myalgien stellen aber die häufigste unter Statinen auftretende Nebenwirkung dar. Und gerade bei solchen nur geringfügen Beschwerden sollten Ärzte sich eines möglichen Nocebo-Effekts bewusst sein.

Literatur

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