Nachrichten 10.09.2020

Nach Herzkatheter entwickelt Patientin schmerzhafte Hautreaktionen – woran liegt‘s?

Eine 71-jährige Frau entwickelt einige Tage nach einer perkutanen Koronarintervention (PCI) plötzlich unerklärbar schwere Hautreaktionen. Ein Blick auf die Herzmedikation offenbart ein seltenes Erkrankungsbild.

Mit derartigen dermatologischen Komplikationen sind Kardiologen üblicherweise eher selten konfrontiert. Eine 71-jährige Frau bekommt wegen einer Koronarstenose einen Stent implantiert, und wird mit ASS und Clopidogrel entlassen.

10 Tage nach Stentimplantation kam es zu Hautreaktionen

Nach zehn Tagen kehrt die Patientin in die Abteilung von Dr. Brooke Walterscheid und seine Kollegen an der Texas Universitätsklinik in Lubbock zurück, nicht etwa wegen kardiologischer Beschwerden, die Frau hat schwere Hautreaktionen zu beklagen: sie leidet an schmerzhaften schlimmer werdenden kutanen Läsionen, dazu noch Gelenkschmerzen und eine erythematose Konjunktivitis.

Bei der körperlichen Untersuchung stellen die Ärzte weiche, hämorrhagische Blasenbildungen an den Extremitäten fest, ohne Desquamation der Haut.

Anamnestisch fallen u.a. eine rheumatoide Arthritis und eine schwere Niereninsuffizienz ins Auge.

Medikamenteneinnahme als Ursache

Die Frau wird in die dermatologische Abteilung der Klinik überwiesen. Die dort vorgenommene Biopsie ergibt eine diffuse neutrophile Dermatose. Im Kontext mit dem klinischen Erscheinungsbild vermuten die Dermatologen ein sog. Sweet-Syndrom.

Dabei handelt es sich um eine seltene Dermatose, die plötzlich mit schmerzhaften erythematosen Plaques oder Knötchen auf der Haut in Erscheinung tritt und mit Fieber einhergeht. Histologisch gekennzeichnet ist das Syndrom durch eine dichte Infiltration von Neutrophilen in der Haut. Als Auslöser kommen Medikamente in Betracht, das Erkrankungsbild kann aber auch idiopathisch oder in Kontext mit einer Krebserkrankung auftreten.

Bei der Patientin vermuten die Ärzte aufgrund des unmittelbaren Zusammenhanges den Auslöser für die Hautreaktionen in der Clopidogrel-Therapie. Die Frau wird deshalb auf Prasugrel umgestellt. Darüber hinaus wird sie mit hochdosierten Kortikosteroiden behandelt, was beim Sweet-Syndrom als Therapiestandard gilt.

In der Folge lassen ihre Beschwerden nach und die Frau kann erneut aus dem Krankenhaus entlassen werden, die Steroidtherapie soll sie langsam ausschleichen.


Fazit für die Praxis:

  • In seltenen Fällen kann es zu einem medikamenten-induziertem Sweet-Syndrom kommen, in diesem Fall vermutlich durch Clopidogrel.
  • Gestellt wird die Diagnose durch klinische und histologische Kriterien: abrupt einsetzende schmerzhafte Hautpapeln oder Knötchen, ggf. mit Blasenbildung, Fieber und histopathologische Anzeichen von Neutrophilen-Infiltrate. 
  • Bei einer solchen Symptomatik in Verbindung mit einer Medikamenteneinnahme kommt ein medikamenten-induziertes Sweet-Syndrom in Betracht, wenn die Beschwerden nach Absetzen des verdächtigen Medikamentes und Beginn einer systemischen Kortikosteroid-Therapie nachlassen.



Literatur

Walterscheid B et al. Clopidogrel-induced sweet syndrome: severe dermatological complication after percutaneous coronary intervention, Eur Heart J, ehaa656, DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa656

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Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
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