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30.09.2016 | Ischämische Herzerkrankungen/Koronare Herzkrankheit, KHK | Nachrichten

Nach Herzinfarkt: Umstrittene Chelat-Therapie erhält zweite Chance

Autor:
Peter Overbeck

Der Frage, ob die umstrittene Chelat-Therapie geeignet ist, nach Herzinfarkt weitere kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern, soll erneut in einer randomisierten Studie nachgegangen werden. US-Behörden sind bereit, dafür Millionen von Dollars springen zu lassen.

Die Infusion von Komplexbildnern wie EDTA wird zur Behandlung bei Intoxikationen etwa mit Schwermetallen therapeutisch genutzt. Solche Infusionen werden von Alternativmedizinern auch in der Herz-Kreislauf-Medizin als hilfreich angesehen. Die dabei zugrundeliegende These: Schwermetalle im Körper wie Blei und Kadmium begünstigen die Wirkung von freien Radikalen und somit LDL-Oxidation, Endotheldysfunktion und Atherosklerose, deshalb lohne es sich, diese toxischen Stoffe mithilfe von Chelatbildnern im Blut „einzufangen“ . Vor allem in den USA hat die intravenöse Chelat-Therapie Anklang gefunden.

Unerwartete Ergebnisses der Studie TACT

Außerhalb der Alternativmedizin wird diese Therapie jedoch mit großer Skepsis betrachtet. Umso größer war die allgemeine Überraschung, als 2013 die unerwartet positiven Ergebnisse der TACT-Studie (Trial to Assess Chelation Therapy) bekannt wurden.

In dieser in den USA vom "National Center for Complementary and Alternative Medicine" sowie vom "National Heart, Lung and Blood Institute" unterstützten randomisierten Studie ist die Chelat-Therapie in Kombination mit hoch dosierten Vitaminen bei rund 1700 klinisch stabilen Postinfarktpatienten mit Placebo verglichen worden. In wöchentlichen Abständen wurden bis zu 40 mindestens dreistündige Infusionen mit zahlreichen Inhaltsstoffen (darunter EDTA, Ascorbinsäure, B-Vitamine, Magnesiumchlorid, Procain, Natriumchlorid, Bicarbonat und Heparin) verabreicht.

Vor allem Patienten mit Diabetes profitierten

Nachdem die Teilnehmer insgesamt mehr als 55.000 Infusionen erhalten hatten und im Mittel über 55 Monate nachbeobachtet worden waren, offenbarte sich tatsächlich ein Unterschied beim primären Endpunkt (Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall, koronare Revaskularsation, Krankenhaus-Aufnahme wegen Angina): Die Rate für entsprechende Ereignisse war in der ETDA-Gruppe signifikant um 18% niedriger als in der Placebogruppe (26% vs. 30%). Vor allem das Risiko für erneute Koronarinterventionen wurde gesenkt.

Absolut betrachtet wurden durch die aufwändige Chelat-Therapie insgesamt 39 klinische Ereignisse verhindert. Am stärksten schienen davon Infarktpatienten mit Diabetes profitiert zu haben: In dieser Subgruppe wurde die Rate für den primären Endpunkt signifikant um 41% reduziert. Patienten ohne Diabetes hatten hingegen keinen Vorteil.

AHA-Stellungnahme mahnt zur Vorsicht

Die American Heart Association (AHA) sah sich zu einer offiziellen Stellungnahme veranlasst: Die verblüffenden und unerwarteten Ergebnisse sollten nicht dahingehend interpretiert werden, dass jetzt eine Indikation für die Chelat-Therapie in der klinischen Praxis vorliegt. Es seien noch weitere Informationen darüber nötig, welche Bestandteile der komplexen Infusionsmixtur nützlich seien und warum nur Diabetiker profitiert hätten.

Experten werteten das Ergebnis der TACT-Studie als nur „Hypothesen-generierend“. Eine Zulassung durch die US-Gesundheitsbehörde FDA erfolgte nicht.

TACT2-Studie mit selektiverer Zielgruppe

Drei Jahre später wird nun das nächste Kapitel in der klinischen Erforschung der Chelat-Therapie als potenzielle Option für die Sekundärprävention nach Herzinfarkt aufgeschlagen. Mehrere unter den Dach der National Institutes of Health (NIH) vereinte US-Gesundheitsinstitute haben als Sponsoren für die TACT2-Studie jetzt 37 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt und zwei universitäre Forschungszentren (Mount Sinai Medical Center of Florida und Duke Clinical Research Institute) mit deren Durchführung beauftragt.

Für diese Studie sollen an rund 100 Zentren in den USA und Kanada rund 1200 Patienten mit Diabetes, die zuvor einen Myokardinfarkt erlitten haben, rekrutiert werden.

Die Studienorganisatoren sind optimistisch, dass sich im Zusammenhang mit der ersten TACT-Studie aufgetretene Probleme wie eine sehr schleppende Rekrutierung von Teilnehmern diesmal vermeiden lassen. Statt erst nach zehn Jahren wie bei TACT soll die neue Studie schon nach fünf Jahren Ergebnisse liefern, so die Hoffnung.

Literatur

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