Nachrichten 19.07.2016

Schlaganfall ist fast immer vermeidbar

Zwölf Jahre nach Veröffentlichung der INTERHEART-Studie legen Prof. Salim Yusuf und Kollegen die Endergebnisse der internationalen INTERSTROKE-Studie vor. Sie identifiziert zehn modifizierbare Risikofaktoren, die 90 Prozent aller Schlaganfälle erklären.

Die INTERSTROKE-Studie gilt als größte prospektive Kohortenstudie für Schlaganfallrisikofaktoren weltweit. Seit der Vorstellung der Ergebnisse der Pilotphase im Jahr 2010, die sich auf den Zeitraum 2007 bis 2010 bezogen, wurde die Kohorte deutlich ausgeweitet. Erfolgte die damalige Analyse bei 3.000 Patienten und 3.000 Kontrollprobanden aus 22 Ländern, umfassen die Endergebnisse jetzt knapp 13.500 Patienten und ebenso viele Kontrollprobanden aus 32 Ländern in einem Zeitraum zwischen 2007 und 2015.

Rund 10.000 Patienten hatten einen ischämischen, die anderen einen hämorrhagischen Schlaganfall. Seit Symptombeginn durften bei Einschluss in die Studie maximal fünf Tage vergangen sein, und die Aufnahme in die Studie musste spätestens drei Tage nach Krankenhausentlassung erfolgen. Am Gesamtergebnis hat sich durch diese Ausweitung der Teilnehmerzahlen wenig geändert: Zehn modifizierbare Risikofaktoren erklären demnach etwas mehr als 90 % aller ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfälle.

Bluthochdruck ist bei weitem am wichtigsten

Eine Hypertonieanamnese oder ein Blutdruck von 140/90 mmHg oder darüber zu Beginn erhöhen das Schlaganfallrisiko um annähernd den Faktor drei, regelmäßige körperliche Aktivität senkt es und ein ungünstiges Verhältnis von Taille zu Hüfte steigert es um jeweils rund 40 %. Kardiale Erkrankungen erhöhen das Schlaganfallrisiko erneut um den Faktor drei, starker Alkoholkonsum und auch bestimmte psychosoziale Faktoren verdoppeln es, und Zigarettenkonsum steigert das Risiko um 67 %. Weitere ungünstige Einflussfaktoren sind Diabetes mellitus und ein hoher Quotient aus Apolipoprotein B und Apolipoprotein A1. Eine gesunde Diät, gemessen am „modified Alternative Healthy Eating Index“ (mAHEI) ist protektiv.

„Es zeigt sich erneut, dass der Bluthochdruck bei weitem der wichtigste Risikofaktor ist“, betonte Studienleiter Dr. Martin J O’Donnell von der McMasters University, Kanada, in einem die Veröffentlichung der Studiendaten begleitenden Interview. Er allein erklärt den INTERSTROKE-Daten zufolge knapp 48 % des populationsbezogenen Schlaganfallrisikos. Auf den nächsten Plätzen in der Rangliste der quantitativ wichtigsten Risikofaktoren folgen demnach mangelnde körperliche Bewegung, eine ungünstige Apoliproteingenetik und ungesunde Ernährung.

Regionale Unterschiede vor allem in Asien

Die Größe der Studie und die hohe Zahl an teilnehmenden Ländern erlauben den Vergleich relevanter Subgruppen. Die Kernbotschaft dabei lautet: Egal welche medizinische Subgruppe oder regionale oder ethnische Population betrachtet wird, das Ergebnis ist überall ähnlich. Insbesondere der Bluthochdruck ist in allen Subgruppen der wichtigste Risikofaktor. Der Zusammenhang zwischen ischämischen Schlaganfällen und den zehn genannten Risikofaktoren ist etwas stärker als bei hämorrhagischen Schlaganfällen und bei jüngeren Patienten etwas stärker als bei älteren.

Was die regionalen Subgruppen angeht fällt auf, dass die zehn von der INTERSTROKE-Studie identifizierten Risikofaktoren in Südostasien eher noch relevanter sind als anderswo: Dort erklären sie 97,4 % aller Schlaganfälle, das globale Mittel liegt bei 90,7 %. Und es gibt einen interessanten Unterschied: Die am mAHEI-Index festgemachte, „gesunde“ Ernährung ist in Asien, und nur dort, eher kontraproduktiv. Hier schneiden die Patienten besser ab, die einen niedrigen Healthy Eating Index haben. Dies könnte O’Donnell zufolge darauf hindeuten, dass Ernährungs-Scores nicht global einheitlich funktionieren, sondern regional angepasst werden müssen.

Literatur

O’Donnell MJ et al. Lancet. 2016 Jul 15; doi: 10.1016/S0140-6736(16)30506-2

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