Skip to main content
main-content

20.04.2017 | Ischämische Herzerkrankungen/Koronare Herzkrankheit, KHK | Nachrichten

DGK-Jahrestagung 2017

Schwerer Herzinfarkt: Warum die Prognose bei Frauen schlechter ist

Autor:
Peter Overbeck

Die Sterblichkeit nach Herzinfarkten geht kontinuierlich zurück – bei Frauen allerdings deutlich langsamer als bei Männern. Die Gründe für diesen Unterschied sind unklar. Nun zeigt eine neue Studie: In der Primärversorgung schneiden Frauen mit Herzinfarkt gleich gut ab, danach erleiden sie aber öfter schwere und tödliche Komplikationen.

Die Überlebenschancen nach akutem Myokardinfarkt sind heute wesentlich besser als noch vor 25 Jahren. Wie der Deutsche Herzbericht 2016 aufzeigt, starben 1990 noch 107,4 Patienten pro 100.000 Einwohner nach einem akuten Myokardinfarkt, 2014 lag die Sterbeziffer bei nur noch 59,3. Das ist ein Rückgang um fast 45 %.

Allerdings gilt das für Frauen nicht in gleichem Maße wie für Männer: Wie eine europaweite Analyse von Daten der WHO zeigt, ist die altersadjustierte Sterblichkeit nach Koronarer Herzerkrankung in den letzten 25 Jahren bei Männern um durchschnittlich 49 Prozent, bei Frauen aber nur um 39 Prozent gesunken.

Die Gründe für diese Geschlechtsunterschiede konnten bislang nicht eindeutig geklärt werden. Eine Hypothese lautet etwa, dass bei Frauen mit Herzinfarkt aufgrund häufig unspezifischer Symptome seltener das ganze Arsenal der therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft werde. Demnach würden Frauen weniger oft eine revaskularisierende Behandlung (perkutane Koronarintervention, Bypass-Operation) oder eine leitliniengerechte medikamentöse Therapie bekommen als Männer.

Neue Erkenntnisse in der Sache bringt nun eine Münchner Studie, die auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DKG) 2017 in Mannheim präsentiert wurde.

Ihre Autoren haben den primären Behandlungserfolg, den weiteren Verlauf sowie die Sterberate im Krankenhaus bei männlichen und weiblichen Herzinfarkt-Patienten verglichen.

„Wir haben gezeigt, dass es bei Männern und Frauen bei gleicher Behandlung keine Unterschiede in der primären Erfolgsrate gibt, Frauen im weiteren Verlauf aber dennoch eine schlechtere Prognose haben“, so Dr. Tobias Heer von der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin am Klinikum München Schwabing.

Für die Analyse wurden 32.986 Datensätze von Patienten aus dem Koronarangiographie- und PCI-Registers der DKG gefiltert. Ausgewählt wurden Patienten mit perkutaner Koronarintervention (PCI) nach ST-Hebungsmyokardinfarkt (STEMI). Der Anteil weiblicher Patienten betrug 27,8 Prozent; sie waren im Durchschnitt sieben Jahre älter als die männlichen Patienten, hatten aber seltener bereits eine PCI oder Bypass-Operation hinter sich.

Akutbehandlung gleichermaßen erfolgreich

Mit Blick auf die Akutbehandlung fanden die Wissenschaftler keine signifikanten Unterschiede: Bei Frauen wie Männern musste etwa gleich oft ein kompletter Gefäßverschluss, eine Verengungen des linken Hauptstamms oder gleich mehrere Koronarstenosen aufgedehnt werden. Ebenso erhielten beide Geschlechter etwa gleich oft einen Stent eingesetzt. Frauen mussten häufiger als Männer im Herzkatheterlabor reanimiert werden. Bei Männern wurden die Stents öfter in bereits bestehende Bypässe implantiert.

Technisch gesehen war der Eingriff bei beiden Geschlechtern gleichermaßen erfolgreich: Bei 93,5 Prozent der Frauen und 94,7 Prozent der Männer wurde die Durchblutung der Koronararterien ausreichend wiederhergestellt.

Unterschiede im weiteren Verlauf

Dennoch ergaben sich im weiteren Verlauf deutliche Unterschiede: Bei Frauen traten mehr als doppelt so oft Komplikationen am Gefäßzugang auf. Während nur 3,9 Prozent der Männer im weiteren Verlauf einen – nicht tödlichen – Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine transitorische ischämische Attacke (TIA) erlitten, waren 6,8 Prozent der weiblichen Patienten von solchen Komplikationen betroffen.

Ähnlich hoch waren die Unterschiede bei den tödlichen Ereignissen: 6,3 Prozent der weiblichen Patienten starben noch während des Krankenhausaufenthaltes, bei den Männern waren es nur 3,6 Prozent.

Altersunterschied ist nicht die Erklärung

Mit dem höheren Durchschnittsalter der Frauen sind diese Unterschiede nicht zu erklären: Auch altersbereinigt waren die Sterblichkeitsrate und die Rate an schweren Komplikationen bei Frauen jeweils 20 Prozent höher als bei Männern.

Warum das so ist, kann auch die vorliegende Untersuchung nicht klären: „Wir konnten in der Analyse der Subgruppen keine Erklärung für diesen Unterschied finden“, so Heer: „Die Gründe für diese Geschlechtsunterschiede müssen weiter untersucht werden“.

Literatur