Nachrichten 06.05.2022

Welche Ernährung ist besser für KHK-Patienten: mediterran oder fettarm?

Esst weniger Fett – das war lange Zeit die grundsätzliche Ernährungsempfehlung für Herzpatienten. Nun macht eine große randomisierte Langzeitstudie deutlich, dass ein Fettverzicht in der kardiovaskulären Sekundärprävention gar nicht notwendig ist, ganz im Gegenteil…

Zu welcher Ernährungsweise sollte man Patientinnen und Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung raten: weniger Fett, viel Kohlenhydrate oder viel Fett, aber dann das richtige im Sinne einer mediterranen Ernährung? Eine Frage, die mangels Evidenz gar nicht so trivial zu beantworten ist. Nun gibt eine im Lancet publizierte große randomisierte Langzeitstudie eine klare Richtung vor: Mediterran ist besser als fettreduziert.

Nach Ansicht der Autoren könnten die Ergebnisse der CORDIOPREV-Studie ein grundsätzliches Umdenken einleiten. Noch Anfang der 2000er Jahre wurde kardiovaskulär erkrankten Patienten nämlich dazu geraten, ihren Fettgehalt generell zu reduzieren. Das war auch die übliche Ernährungsempfehlung vieler Leitlinien.

Gute Evidenz für mediterrane Ernährung in der Primärprävention

In den letzten Jahren hat sich die Studienlage in dieser Hinsicht allerdings etwas geändert. So hat die randomisierte kontrollierte PREDIMED-Studie gezeigt, dass sich das kardiovaskuläre Risiko durch eine mediterrane Diät ohne generelle Fettrestriktion deutlich stärker senken lässt als durch eine fettarme Diät. An PREDIMED haben Patienten ohne kardiovaskuläre Erkrankungen, aber mit einem entsprechend erhöhten Risiko hierfür teilgenommen. Die Studie zielte somit auf die Primärprävention ab. Eine derart große Langzeitstudie zur Wirksamkeit einer mediterranen Ernährungsweise in der kardiovaskulären Sekundärprävention gibt es bisher nicht.

„Umfangsreichste Studie zur mediterranen Diät in der Sekundärprävention“

Das ändert sich nun durch die Veröffentlichung der CORDIOPREV-Studienergebnisse. „Unsere Studie ist die umfangsreichste Studie, in der eine mediterrane Diät in der Sekundärprävention untersucht wurde, mit dem längsten Follow-up und den meisten dokumentierten Ereignissen“, machen die spanischen Studienautoren um Dr. Javier Delgado-Lista die Relevanz deutlich.

Für die Studie wurden im Krankenhaus der Reina Sofia Universität in Cordoba 1.002 Patientinnen und Patienten mit einer nachgewiesenen koronaren Herzerkrankung rekrutiert. Randomisiert wurden diese 1:1 entweder zu einer mediterranen Diät oder zu einer fettreduzierten Ernährungsintervention zugeteilt. 

Sieben Jahre lang wurden die Patienten im Schnitt nachverfolgt. Während dieser Zeit wurden die Teilnehmenden beider Gruppen intensiv von Diätspezialisten betreut (z.B. wurden in der mediterranen Gruppe Olivenöl und in der fettarmen Gruppe Nahrungspakete umsonst zur Verfügung gestellt). Die beteiligten Wissenschaftler und Mitglieder des Studienboards wussten nicht, welcher Gruppe die Patienten angehörten, die Studie war in dieser Hinsicht verblindet. Einzig die Ernährungsberater und die Patienten selbst waren sich über die jeweilige Diätintervention im Klaren.  

Der primäre Endpunkt der Studie war ein Komposit aus schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen inklusive Herzinfarkte, notwendiger Revaskularisationen, ischämischer Schlaganfälle und PAVK sowie kardiovaskulär bedingten Todesfällen.

Circa 26% stärkere Risikoreduktion durch mediterrane Ernährung

Während der siebenjährigen Studienzeit erlitten 87 Personen aus der mediterranen Diät-Gruppe eine entsprechende Komplikation, in der Gruppe mit Fettrestriktion waren 111 Patienten betroffen (28,1 vs. 37,7 Ereignisse pro 1.000 Patientenjahre; p=0,039). Die mediterrane Ernährungsweise schnitt in den multivariaten Analysen mit Blick auf ihre kardiovaskuläre Schutzwirkung signifikant besser ab als die fettreduzierte Intervention: mit einer etwa 26% stärkeren Risikoreduktion des primären Endpunktes (die Hazard Ratio [HR] lag zwischen 0,719 und 0,753, je nachdem welches Modell verwendet wurde). Besonders profitiert von der Mittelmeerkost haben demnach die männlichen Teilnehmer. Ihr Risiko war um fast 33% geringer, wenn sie sich mediterran ernährten als wenn sie eine fettarme Kost zu sich nahmen (HR: 0,669; p=0,013).

Allerdings waren Frauen mit einem Anteil von 17,5% in der Studie unterdurchschnittlich vertreten, sodass bei ihnen womöglich die statistische Power für den Nachweis eines bedeutenden Unterschiedes zu gering war.

Mediterran heißt nicht weniger Fett

Wie lässt sich die überlegene Wirksamkeit der mediterranen Diät erklären? Ein Blick auf das Ernährungsverhalten der Teilnehmenden könnte darüber Aufschluss geben. In beiden Interventionsgruppen passten die Patienten während der Studienzeit ihre Ernährung an, die größten Veränderungen gab es im ersten Studienjahr.

Wenig überraschend nahm der Gesamtfettanteil der zugeführten Nahrung bei den Patienten, die angehalten wurden, ihre Fettzufuhr zu reduzieren, deutlich ab: von 36,7% auf 32,1%. Dagegen stieg der Fettanteil in der Gruppe mit mediterraner Diät an: von 37,4% auf 40,5%, bedingt durch eine vermehrte Zufuhr einfach und mehrfach gesättigter Fettsäuren. Hauptursache dafür war, dass in der mediterranen Gruppe mehr Olivenöl, Nüsse und mehr Fisch gegessen wurde als in der Gruppe mit Fettrestriktion. Während in der mediterranen Gruppe der Kohlenhydratanteil der Ernährung geringer wurde (von 41,4% auf 39,4%), nahm dieser in der Gruppe mit fettarmer Diät zu (von 41,7% auf 45,5%). Beiden Gruppen gemeinsam war, dass mehr Ballaststoffe zu sich genommen wurden, also mehr Früchte, Gemüse und Hülsenfrüchten.

Neue Leitlinien raten bereits zur mediterranen Diät 

Was bedeuten diese Ergebnisse nun für die Praxis? Die Studienautoren sind überzeugt von der klinischen Relevanz ihrer Ergebnisse: „Die Studie kann als Grund herangezogen werden, um klinische Leitlinien und Ernährungsempfehlungen für Patienten mit koronarer Herzerkrankung zu verändern“, schreiben sie in der Publikation im Lancet.

Tatsächlich ist es aber so, dass sich die Ergebnisse beispielsweise in den 2021 aktualisierten Präventionsleitlinien der ESC bereits widerspiegeln. Darin wird nämlich zur Prävention von Herzerkrankungen eine mediterrane Ernährungsweise mit einer Klasse I A-Empfehlung präferiert. Eine pauschale Fettreduktion wird nicht empfohlen. Stattdessen wird dazu geraten, gesättigte Fettsäuren durch ungesättigte Fettsäuren zu ersetzen (Klasse I A), zudem sollte man einmal pro Woche möglichst fettigen Fisch essen (Klasse I B).

Letztendlich stellt sich auch die Frage, inwieweit die jeweiligen Interventionen sich in der Realität umsetzen lassen. Die Ereignisraten in beiden Gruppen waren unerwartet niedrig, was die Autoren auf eine hohe Adhärenz zur Ernährungsintervention und zur medikamentösen Therapie zurückführen. Die Ergebnisse sollten deshalb nur mit Vorsicht auf andere Umgebungen extrapoliert werden, geben Delgado-Lista und Kollegen zu bedenken.

Literatur

Delgado-Lista J et al. Long-term secondary prevention of cardiovascular disease
with a Mediterranean diet and a low-fat diet (CORDIOPREV):
a randomised controlled trial, The Lancet 2022; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(22)00122-2

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